Tag-Archiv für 'subjekt'

die totale therapie. „gewaltfreie kommunikation“ und ideologiefreie gesellschaft.

Do | 15. Mai | 19 Uhr | Universität Leipzig (HSG) | Hörsaal 8

Die totale Therapie. „Gewaltfreie Kommunikation“ und ideologiefreie Gesellschaft.

Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue

Die Berufsfelder Coaching, Mediation und Supervision, in denen Psychoanalytiker, Soziologen und Geisteswissenschaftler verschiedenster Couleur mittlerweile eher eine Beschäftigung finden als in den Bereichen, für die sie eigentlich ausgebildet wurden, markieren die schlechte Selbstaufhebung bürgerlicher Ideologie wie der konkreten Vergesellschaftungsform, der diese entsprang. Ideologie war nie einfach nur Schein, sondern stets auch die Möglichkeit, den Widerspruch, der sich in ihr ausdrückte, negativ auf den Begriff zu bringen: In diesem Sinne verwies insbesondere die Freudsche Psychoanalyse in ihrem antagonistischen Status als kritische Theorie des Subjekts und therapeutische Praxis auf die Notwendigkeit der Abschaffung jener Umstände, die sie hervorbrachten. Die therapeutische Gesellschaft, die die bürgerliche beerbt hat, liquidiert, wie die frühe kritische Theorie voraussah, mit der materiellen Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung im Triebgrund der Subjekte auch die Möglichkeit der Erfahrung solchen Widerspruchs. Ausdruck davon ist das die gesamte Gesellschaft von der Beziehungsberatung bis zum Assessment-Center bestimmende Leitprinzip der „gewaltfreien Kommunikation“ als ein soziales Verhältnis, aus dem jede Spur unreglementierter Erfahrung als potentielle Kommunikationsstörung liquidiert sein soll. Warum in dieser „gewaltfreien Kommunikation“, die es den verstümmelten Subjekten erlaubt, sich die Affirmation gesellschaftlicher Gewalt als ihre je willkürliche Freiheit zuzueignen, ein Begriff von Kommunikation zu sich selbst kommt, der sich von Habermas bis in diverse Konsensspiele der basisdemokratischen Linken tradiert hat, soll der Vortrag erläutern.

Magnus Klaue hat an der FU Berlin gelehrt und promoviert, arbeitet im Lektorats- und Dossier-Ressort der Jungle World und schreibt außerdem u. a. für Konkret und Bahamas.

Eine Veranstaltung im Rahmen der Reihe Ideologie der Verwaltung. Zur Kritik der Rationalisierung des Irrationalen des AK Gesellschaftskritik an der Universität Leipzig.

rasse und individuum.

Montag | 8. Juli | 19:00 | B12 | Leipzig

Rasse und Individuum

Vortrag und Diskussion mit Clemens Nachtmann

Gegen hochnotpeinliche antirassistische Gewissenserforschung, protestantische Moralisiererei und die Selbstrassifizierung des bürgerlichen Individuums als Subalternes pointiert Nachtmann mit Wilde eine “vollendet künstliche Amoral”, die “auf der Einheit des menschlichen Geistes in all seinen unterschiedlichen Formen” beharrt und die Bestechlichkeit des an sich müde gewordenen westlichen Denkens zurückweist, das stets die Perspektive almosenhafter Versöhnung oder schlimmer noch: Das Appeasement mit seinen erklärten Todfeinden – dem Kampf um universelle Befreiung vorzieht. Dem entgegen streicht Nachtmann die Bedeutung einer materialistischen Dechiffrierung des Rassismus heraus, wie sie Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung leisteten.

Clemens Nachtmann ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas und Mitherausgeber von “Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag”

[the future is unwritten]

rasse und individuum. plädoyer für eine vollendet künstliche amoral.

rasse und individuum

wochenendseminar zur staatskritik.

14.-16. Juni | Marienstraße 18 | Weimar

Wochenendseminar zur Staatskritik

Das Problem des politischen Subjekts in der bürgerlichen Gesellschaft besteht nach Marx in der Zerrissenheit der bürgerlichen Persönlichkeit: sie zerfällt in den bourgeois auf der einen Seite, der sich privat reproduzieren muss und egoistisch seinen privaten Geschäften folgt und in den citoyen auf der anderen Seite, der Staatsbürgersubjekt ist und sich mit anderen Staatsbürgern über die Belange der Allgemeinheit berät. Aus dieser Zerrissenheit entspringt ein Blumenstrauß von Ideologien – denn das Staatsbürgersubjekt, das sich immer als souverän Handelndes verstehen muss, muss daher seine privaten Voraussetzungen von sich abspalten. Freiheit und Gleichheit kann sich das bürgerliche Subjekt nur deswegen als real existent vorstellen, weil es die reale Unfreiheit und Ungleichheit im Privatleben verbirgt. Weil es andererseits nicht in der Lage ist, diese Ungleichheiten als gesellschaftlich hervorgerufen und bedingt zu begreifen – denn die Sphäre des Vertrags geht ja wirkmächtig von Freien und Gleichen aus –, muss es die Existenz des Staates als lebensnotwendig erachten. Weil es seine privaten Bedingungen und egoistischen Interessen nicht von selbst gesellschaftlich vermitteln kann, braucht es den Staat, der die gesellschaftliche Qualität alles Tuns und Werkelns institutionalisiert und darin von den einzelnen bourgeois verselbstständigt und entfremdet. Nicht staatlich miteinander vermittelte Einzelinteressen sind für den Bürger nur als Mord und Totschlag vorstellbar, während der Staat das Recht auf Gewaltanwendung monopolisiert. Dementsprechend forderte Marx in mehreren Schriften, dass der bourgeois den citoyen in sich zurücknehmen müsse – das heißt, dass die privaten Menschen sich ihrer gesellschaftlichen Qualitäten bewusst werden und ihre Vermittlung in die eigene Hand nehmen müssen. Während am Ende des 19. Jahrhunderts nach Marx die Pariser Kommune ein Beispiel dafür gegeben hat, wie die Gesellschaft die Staatsgewalt in sich zurücknehmen könne, hat sich das Verhältnis der Revolutionäre zum Staat im Laufe des 20. Jahrhunderts verschoben und verkompliziert: Die Verstaatlichung der Arbeiterbewegung, die Errichtung des Staatssozialismus im Osten, der Staat als autoritärer Krisenbewältiger im Westen, die Rücknahme des citoyen in den bourgeois in Form des Soldaten der Arbeit und die intendierte Aufhebung der Klassengegensätze im nationalsozialistischen Volksstaat – all dies sind Stichwörter, die deutlich machen, dass wir historisch und gegenwärtig auf verschiedensten Ebenen mit dem Problem des Staats konfrontiert sind und um eine umfassende Kritik jeder Form von Staatlichkeit nicht herumkommen. Im Seminar wollen wir zunächst einige Bestimmungen Marxens zum modernen Staat nachvollziehen, um diese in der gemeinsamen Lektüre mehrerer Texte (u.a. von Johannes Agnoli) zu konkretisieren. Dabei soll sich die Textlektüre nach den Bedürfnissen der TeilnehmerInnen richten und gegebenenfalls in kleineren Lektüregruppen gearbeitet werden. Ziel des Seminars ist weniger eine umfassende Abarbeitung am Problem des Staates, als eine Annäherung und gemeinsame Diskussion an/über Probleme, die den Organisatoren und TeilnehmerInnen wichtig erscheinen.

Das Seminar findet statt im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“: http://dissideo.blogspot.de/ Es sind keine Vorkenntnisse nötig, eine Anmeldung zum Seminar ist erwünscht (biko[at]arranca.de).

Die Abgründe der Autonomie. Zur Kritik von Freiheit und Subjektivität.

Do, 15.12.11 I 18.30 I Melanchthonianum, Uniplatz

Lars Quadfasel (Hamburg)

Freiheit, Selbstbestimmung, Autonomie sind Parolen, ohne die bislang noch keine widerständige Bewegung ausgekommen wäre. Sie sind aber zugleich die Parolen, unter denen der Sozialstaat demontiert und die Individuen in die »Eigenverantwortung« entlassen werden, selbst dafür zu sorgen, wie sie mit Krankheit, Alter und Armut fertig werden. Die Freiheitsemphase der bürgerlichen Gesellschaft wusste schon Marx mit dem Verweis auf die ›doppelt freien Lohnarbeiter‹ zurechtzurücken: »Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei im Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andererseits andere Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.«

Unter manch hartgesottenen Marxisten gilt es daher als Ausweis besonderer Radikalität, den Begriff der Freiheit als bloße Herrschaftsideologie zu denunzieren. Dagegen spricht freilich, dass er auch unter den Bürgern kaum mehr den besten Klang genießt. Dass Selbstbestimmung und Autonomie Illusionen seien, die vor den Sachzwängen des Marktes nicht bestehen können und auf die man angesichts der neuesten Ergebnisse der Gehirnforschung ohnehin besser verzichtet, gehört in den gebildeten Kreisen längst zum common sense, und eher peinlich berührt wird der Anachronismus zur Kenntnis genommen, der iranische Aufständische für die Freiheit ihr Leben aufs Spiel setzen lässt.

Das widersprüchliche Verhältnis ist kein Zufall, sondern gehört zur Sache selbst. Jede positive Behauptung über die Freiheit oder Unfreiheit der Menschen schlägt schnurstracks in ihr Gegenteil um. Die, welche die Determiniertheit aller menschlichen Handlungen, ob durch eherne geschichtliche Gesetze oder durch Synapsenverschaltungen im Gehirn, propagieren, wollen dadurch ja andere dazu bewegen, dieser Einsicht zu folgen – während wiederum ihre Kontrahenten, die auf der Autonomie des Einzelnen beharren, Freiheit auf eine Art mystischen Indeterminismus reduzieren, auf eine Willkür also, die von Zufall, Inbegriff des Heteronomen, nicht mehr zu unterscheiden ist. Freiheit als Propagandaformel war noch stets für jede repressive Konsequenz, die Legitimation göttlichen oder staatlichen Strafens gut, und bringt selbst im besten Fall kaum mehr hervor als die beruhigende Gewissheit, dass, egal wie zwanghaft die Verhältnisse auch sein mögen, es etwas Unantastbares im Inneren der Menschen gäbe. Und doch beruht auch und gerade der Materialismus, der die Praxis der Einzelnen auf den gesellschaftlich vermittelten Naturzwang zurückführt, auf der – nicht anders als metaphysisch zu nennenden – Überzeugung, dass die Menschen auch anders handeln könnten, als sie es hier und jetzt tun.

Was der Materialismus als menschliches Potential voraussetzt, muss ihn jedoch zugleich verzweifeln lassen: warum die Menschheit, wenn sie es doch besser könnte, nichts besseres zustande gebracht hat als diese unendlich blutige, unendlich barbarische, unendlich deprimierende Geschichte. Die zentrale Aporie jeder Revolutionstheorie ist, dass alles, was an Möglichkeiten für die Menschheit spricht, sie zugleich, als bislang ungenutzte, verdammt. Um diese Aporie, die nur umso drückender wird, desto fortgeschrittener die Produktivkräfte entwickelt sind und desto unentschuldbarer also die ausgeschlagenen Chancen auf der Menschheit – und damit auch auf jedem Einzelnen – lasten, soll es auf dieser Veranstaltung gehen.

Ein Vortrag im Rahmen der gesellschaftskritischen Veranstaltungsreihe „Was tun? Zum Verhältnis von Theorie und Praxis“ des AK Kritische Intervention.

We(h)r macht Traditionen in der Bundeswehr?

Am 13.12.2011 im Melanchthonianum der MLU Halle-Wittenberg um 18:30.

Die Bundeswehr betreibt bis heute eine Traditionspflege, die irgendwo zwischen Führerbunker und 20. Juli anzusiedeln ist. Einerseits wurden einige Kasernen-Patenonkel nach starker Kritik von außen gestrichen, andererseits ist die Bundeswehr wieder ein „Heer im Einsatz“. Dieser Umstand führt offenbar dazu, sich wieder in die Tradition der letzten deutschen Armee im „Auslandseinsatz“
zu stellen. Es gibt in der Bundeswehr eine positive Bezugnahme auf so genannte „Stahlgestalten“, vermeintlich unbelastete Personen aus Wehrmacht und Kaiserreich mit besonderen militärischen „Leistungen“. Dabei wusste bereits Kurt Tucholsky: „Jede Glorifizierung eines Menschen, der im Kriege getötet worden ist, bedeutet drei Tote im nächsten Krieg.“
Einzelfälle gar Missverständnisse werden braune Vorkommnisse in der Bundeswehr von offizieller Seite gern genannt. Doch bei genauerem Hinschauen entdeckt man eher ein System dahinter, wobei einzelne Skandale nur die Spitze des Eisberges offenbaren.
Offenbar gibt es eine neonazistische Subkultur in der Truppe. Ist die Bundeswehr also die größte Wehrsportgruppe Deutschlands oder doch nur ein Heer von Einzeltätern? Wie hängt das zusammen mit dem Traditionalismus bzw. Neotraditionalismus in der Bundeswehr? Wer versucht wie von Außen Einfluss zu nehmen auf die Bundeswehr und wie sieht es im Innern aus?

Diese Fragen sollen im Rahmen eines Vortrages mit anschließender Diskussion erörtert werden.

Lucius Teidelbaum ist Historiker, Autor für das antifaschistische Magazin „Der Rechte Rand“ und
Mitarbeiter eines Monitoring-Projektes zum Thema „Extreme Rechte und Bundeswehr“ (http://braunzonebw.blogsport.de).

(eine veranstaltung im rahmen der vortragsreihe des ak subjekt und gesellschaft)

Das Militär und seine Subjekte.

16.11.2011, 18:30 Uhr, Melanchthonianum, MLU Halle-Wittenberg, Hörsaal XVIII

Der Begriff des Soldaten ruft Assoziation zu Befehl und blindem Kadavergehorsam hervor. Soldaten werden immer wieder als blinde Marionetten fremder Interessen begriffen, die fremden Befehlen unterliegen und diesen blindlings folgen. Der Vortrag möchte diesem Bild entgegenwirken und zeigen, dass Soldaten eine spezifische, historisch variable und nicht frei gestaltbare Subjektivität besitzen, die aber ihr Selbst formt und ausbildet.
Die Unterwerfung unter die institutionellen Anforderungen des Militärs, ist zugleich die Grundlage, als Subjekt handlungsfähig zu sein. Soldaten, so soll gezeigt werden sind nicht nur Ausführende, sonder zugleich Handelnde Akteure. Die konkreten gesellschaftlichen Anforderungen an die einzelnen Soldaten, der ihnen zugewiesene Handlungsspielraum und die Herausbildung ihres je eigenen Selbstbildes im Kontext der kollektiven Gewaltanwendung im Kriege soll dabei näher beleuchtet werden.
Aus dem Klappentext von „Das Militär und seine Subjekte“:
„Waffen allein entscheiden nicht über die Schlagkraft einer Armee. Entscheidend ist auch, wie die Kriegführung die Subjektivität der Soldaten berücksichtigt. In diesem Vortrag versucht Jens Warburg diese Subjektivität als ein historisch variables, aber nicht frei konstruierbares Phänomen zu kennzeichnen. Ausgehend von dem Faktum, dass Soldaten im Krieg die Versehrtheit ihres Leibes riskieren, der sich nicht beliebig verändern lässt, wird ihre Subjektivität zwischen aktivem Handeln und passivem Erleiden beleuchtet. Das Buch analysiert die Paradoxien, die sich aus Funktionserweiterungen des soldatischen Handelns bei Auslandseinsätzen ergeben, sowie die Versuche der avancierten Militärmächte, die Subjektivität durch den Einsatz modernster Technik zu nutzen.“

Jens Warburg (Dr. rer. soc.) promovierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften. Er veröffentlichte u.a. die Bücher „Das Militär und seine Subjekte“ sowie „Kampf der Zivilisten“.

Eine Veranstaltung der Vortragsreihe des AK Subjekt und Gesellschaft.