Tag-Archiv für 'nationalismus'

du weist schon, wie in rostock.

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Fr | 23. Mai | 19:30 | Thalia Theater | Kardinal-Albrecht-Straße 6 | Halle

Miteinander e.V. lädt ein zum Release der Dokumentation

„‚Du weißt schon, wie in Rostock‘ – Ein Beitrag gegen das Vergessen rechter und rassistischer Gewalt im Sachsen-Anhalt der 1990er Jahre“ (2013, 23 min, Ein Film von Kathrin Lemcke und Miteinander e.V.)

Filmvorführung & Expert_innengespräch

Die rechte Gewalt zu Beginn der 1990er Jahre wird zumeist auf die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda reduziert. Doch rassistisch motivierte Angriffe auf Flüchtlinge sowie Gewalt gegen alternative Jugendliche gehörten bundesweit zum Alltag. Die Täter_innen konnten sich infolge der rassistisch geführten Asyldebatte und der nationalistischen Welle nach der Wiedervereinigung insbesondere in den neuen Bundesländern als Teil einer zustimmenden Mehrheit fühlen. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, gab es auch in Sachsen-Anhalt zahlreiche Angriffe.
Dieser Film schildert die Erfahrungen von vier Menschen, die Anfang der 1990er Jahre in Sachsen-Anhalt von rassistischer und nationalistischer Gewalt
betroffen waren.

online ab dem 24.Mai online unter
http://vimeo.com/miteinanderev/duweisstschon

Miteinander e.V. cordially invites you to join the release of the documentary

„You know how it was in Rostock – Remembering so as not to forget the right-wing and racist violence in Saxony-Anhalt in the 1990s“ (2013, 23 min, A film by miteinander e.V. and Kathrin Lemcke)

Screening of the Movie and talk with experts

Right-wing violence at the beginning of the 1990ies is usually reduced to the events in Rostock-Lichtenhagen and Hoyerswerda. But attacks on
refugees motivated by racism and violence against alternative youth were part of everyday life in the country. Following the racist debate on asylum and the nationalist sentiments after the reunification especially in the newly formed German states, the perpetrators could easily feel like parts of a consenting majority. Vastly ignored by the public there
were plenty of attacks in Saxony-Anhalt. The movie gives voice to four people who talk about their experiences. In the early 1990ies they were victims of racist and nationalist violence in Saxony-Anhalt.

online from May 24th onwards
http://vimeo.com/miteinanderev/duweisstschon

nationale befreiung oder befreiung von der nation?

Do | 8. Mai | 20:00 | Reil78 | Halle

Nationale Befreiung oder Befreiung von der Nation?

Thorsten Mense

Wenn man die alltägliche Gewalt und die historischen Massengräber des Nationalismus betrachtet, verwundert es, dass es auch heute noch linke Bewegungen gibt, die im Nationalismus das Instrument zur Befreiung sehen. Tatsächlich stand – im bürgerlichen Sinne – hinter dem Konzept der Nation historisch aber auch eine emanzipatorische Idee: Es ging es darum, Untertan_innen unabhängig von Herkunft und Stand zu gleichen und freien Subjekten zu machen, die sich im freiwilligen Zusammenschluss eine rationale politische Ordnung geben. Bekanntermaßen ist daraus nichts geworden. Stattdessen wurde das revolutionäre Element des Nationalismus für die demokratische Transformation der Gesellschaft schon bald von kulturalistischen und rassistischen Grenzziehungen im Namen der Nation verdrängt. Nationalismus wurde zur ideologischen Grundlage für die Legitimation des Ausschlusses und der Gewalt gegenüber den „Anderen“. Als Zwangskollektiv lässt das Konstrukt der Nation dabei auch die „Eigenen“ nicht in Ruhe. Diese Entwicklung liegt in der Sache selbst begründet. Nationalismus stellt keine Kritik an den herrschenden Verhältnissen dar – sondern ist selber ein Teil von ihnen.

Zugleich hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg jede Revolution in nationalen Begriffen definiert. Auch bei der Befreiung vom Nationalsozialismus, die am 8. Mai gefeiert wird, wurde unter den Nationalfahnen der Alliierten gegen die nationalsozialistische „Fremdherrschaft“ gekämpft. Und selbst im globalisierten postkolonialen 21. Jahrhundert wird Befreiung weiterhin vorrangig national gedacht. Daraus ergeben sich viele Fragen: Wer soll heutzutage eigentlich von wem befreit werden? Wie kann es sein, dass baskische Kommunist_innen und deutsche Nazis beide ein „Europa der freien Völker“ fordern? Und wie kommt es, dass die Menschen bis heute massenhaft bereit sind, für diese „kümmerlichen Einbildungen der jüngeren Geschichte“ (Benedict Anderson) zu töten, zu sterben oder sich sonstwie aufzuopfern?

Thorsten Mense ist Soziologe und freier Autor (Jungle World, Konkret). In dem Vortrag wird es um Geschichte und Funktion des Nationalismus gehen, mit Fokus auf die (vermeintlich) linken Varianten und Nationalen Befreiungsbewegungen. Dabei soll seine Funktionalität in der widersprüchlichen Moderne aufgezeigt und dem Verhältnis von Befreiung und Regression im Nationalismus nachgegangen werden.

ungarn. hetze, gewalt und völkisches krisenmanagement.

Mittwoch | 26. Juni | 19:00 | Melanchthonianum | Uniplatz | Halle

Ungarn. Hetze, Gewalt und völkisches Krisenmanagement

Vortrag und Diskussion mit Karl Pfeifer

Ging es in den Medien um das NATO- und EU-Mitglied Ungarn, waren es zuletzt in den seltensten Fällen „positive“ Nachrichten. Gleichzeitig hat hierzulande kaum jemand eine umfassende Vorstellung davon, was für ein Klima in Ungarn momentan herrscht und in was für eine katastrophale Situation die christdemokratische Fidesz-Regierung das Land gebracht hat. Rassismus, Antiziganismus und Antisemitismus sind in Ungarn Teil der Propaganda des politischen Establishments, ebenso Nationalismus und völkisch- “antikapitalistische“ Demagogie und abgrundtiefer Haß gegen Linke und Linksliberale. Es kommt immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen rechter Milizen, insbesondere auf Roma.
Der österreichische Journalist und Ungarnexperte Karl Pfeifer wird in seinem Vortrag die ungarischen Zustände ausführlich schildern und dabei auch darauf eingehen, ob und wenn ja in welcher Form in Ungarn Widerstand gegen die Regierung(spolitik) und die rechte Gewalt auf den Straßen entsteht.

Neues Buch von Karl Pfeifer: »Einmal Palästina und zurück. Ein jüdischer Lebensweg«
Artikel von Karl Pfeifer zu Ungarn: „Rassismus, Antiziganismus und Antisemitismus sind in Ungarn Teil der Propaganda des politischen Establishments.“
Radiofeature: Ungarn – eine Analyse (u.a. mit Karl Pfeifer)

Eine Veranstaltung des alv und GekO (Gesellschaftskritische Odysee)

no ♥ for a deutschland.

no love for a deutschland

Gegen die Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober 2012 in München.

Am 2. und 3. Ok­to­ber fin­den in Mün­chen die all­jähr­li­chen Fei­er­lich­kei­ten zum Tag der deut­schen Ein­heit statt. Deutsch­land hat dabei of­fen­sicht­lich allen Grund wie­der stolz auf sich zu sein. Auf dem Welt­markt prä­sen­tiert sich der Ex­port­cham­pi­on als Kri­sen­ge­win­ner und zwingt Län­der wie Grie­chen­land zu um­fas­sen­den Kür­zun­gen und Pri­va­ti­sie­rungs-​pro­gram­men.

Selbst­be­wusst und mit der mo­ra­li­schen Über­le­gen­heit des ge­läu­ter­ten Auf­ar­bei­tungs­welt­meis­ters führt Deutsch­land Krieg und kann die mi­li­tä­ri­sche Ab­si­che­rung wirt­schaft­li­cher und macht­po­li­ti­scher In­ter­es­sen sogar treff­lich durch sei­nen „schmerz­haf­ten und ehr­li­chen“ Um­gang mit der ei­ge­nen Ge­schich­te, den so­ge­nann­ten zwölf dunk­len Jah­ren, le­gi­ti­mie­ren. Deutsch­land schiebt ab, sor­tiert in Nütz­lin­ge und Über­flüs­si­ge und kann die be­ste­hen­den Res­sen­ti­ments, die in der Mitte sei­ner Ge­sell­schaft gras­sie­ren, treff­lich einem so ge­nann­ten Ex­tre­mis­mus un­ter­schie­ben.

Wenn sich das gute Deutsch­land am 2. und 3. Ok­to­ber die­sen Jah­res fei­ern lässt, wer­den wir für die Dis­so­nan­zen im Lob­lied auf den glo­ba­len Frie­dens­stif­ter sor­gen. Denn Deutsch­land, genau wie jede Par­tei­lich­keit mit dem ei­ge­nen na­tio­na­len Kol­lek­tiv und be­reits das Kon­zept der Na­ti­on an sich, sind und blei­ben schei­ße und wi­der­spre­chen ab­so­lut un­se­rer Vor­stel­lung eines schö­nen Le­bens.

Jede Feier in Schwarz, Rot und Gold ist ein An­griff auf den guten Ge­schmack. Wir laden alle denen das dumm­deut­sche Selbst­ge­feie­re auf den Geist geht zur lust­vol­len Nest­be­schmut­zung am 3. Ok­to­ber in Mün­chen ein.

[3oktober12.blogsport.de]

Deutschland, nichts als ein kapitalistischer Staat?

podiumsdiskussion

1. Juni, 18 Uhr, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Grimmaische Str. 12, Seminarraum 1, Leipzig

Podiumsdiskussion: Zur Bedeutung der Nationalismuskritik heute

Teilnehmener_innen auf dem Podium: Autonome Antifa [f] Frankfurt; Antifa Freiberg; Projekt Emanzipation (LE); Hannes G.

Anfang der 90er wurde von großen Teilen der radikalen Linken vor einem gesellschaftlichen Roll-Back hinter bürgerliche Standards bzw. der Gefahr eines 4. Reichs gewarnt. Demnach gäbe es in Deutschland bestehende Kontinuitäten des Nationalsozialismus, allen voran die Ideologie von Volksgemeinschaft und Antisemitismus, welche zunächst bekämpft werden müsse. Heute scheint der deutsche Nationalismus durch den Prozess einer Modernisierung gegangen zu sein. Für einige war die Modernisierung Grund sich von einer generellen Kritik der Nation zu verabschieden und nunmehr ihr Augenmerk auf den globalen Antisemitismus, “den Islam” und/oder der globalisierungskritischen Linken zu richten. Aber ist die Konsequenz daraus, dass das moderne Deutschland nicht mehr unmittelbar in die Barbarei des NS umzuschlagen droht, sich auch von jeder Kritik an Staat und Kapital bzw. Bewegungslinken zu verabschieden? Hat sich zwischen Rostock Lichtenhagen und der Fußball WM 2006 der Männer eine “Normalisierung” vollzogen? Für Teile der radikalen Linken war diese offensichtlich und somit Anlass, den deutschen Nationalismus nur noch als Ausdruck der unmittelbaren Interessen der Staatsbürger_innen als Angehörige der Volkswirtschaft zu deuten. Ihre Kritik am Nationalismus gründet nur noch in der Kritik der kapitalistischen Verhältnisse, die notwendig nationalstaatlich organisiert seien. Nach dieser Sichtweise hat sich eine spezifische Kritik an Deutschland erübrigt. In diesem Rahmen zeigt sich auch eine Affinität zu Großdemonstrationen mit anderen – zum Teil auch latent antisemitischen – Gruppierungen. Birgt dieser Bewegungscharakter die Gefahr einer negativen Aufhebung in sich, oder ist er Voraussetzung für die Wirkmächtigkeit emanzipatorischer Politik?

Eine Veranstaltung der Gruppe Projekt Emanzipation.

(mayday2011)

nazis versenken

nazis versenken

STELLT EUCH VOR ES IST WAHL

…und alle gehen hin.

Liebe Freundinnen & Freunde

ihr kennt uns als Künstler/innen- und Veranstaltungs-Kollektiv. Meiste halten wir uns mit politischen Statements zurück. Vieles gehört für uns einfach zu einer Selbstverständlichkeit im Mit- und Füreinander. Und das soll auch so bleiben. Wir dulden keine Diskriminierungen und lieben und schätzen künstlerische Freiheit. Trotz allem wollen wir an dieser Stelle mal was klar ziehen.

Die Landtagswahl steht vor der Tür. Laut den letzten Ergebnissen ist es nicht unwahrscheinlich, das eine Partei wie die NPD in den Landtag in Sachsen-Anhalt einziehen kann. Die Wahl zwischen den großen Parteien mag oft so wirken, als ob sich doch nie was ändert. Ohne das im Detail zu diskutieren – ihr wisst, wir haben einen klar ökologischen und nachhaltigen Ansatz – so ändert sich doch alles, wenn Nazis an den Entscheidungen des Landes auf einmal effektiv mitwirken können. Eine schreckliche Vorstellung. Vielleicht seht ihr, wie einige von uns, oft auch keinen Grund sich zur Wahlurne zu schleppen. Aber Nazis daran zu hindern, ganz offiziell im Landtag zu agieren, das ist für uns schon ein verdammt guter Grund diese zwei Kreuze zu machen. Nicht ungültig. Nein zwei klare Kreuze, mit denen wir klar machen, das wir zur Demokratie und den Menschen stehen die wirklich dafür eintreten.
Wir hoffen ihr seht das genau so.

Eure Urbanpiraten

P.S. Der Brief darf natürlich weitergegeben werden. Wer mit unterschreiben will, soll das tun!
Wir haben und hatten nie Bock auf Nazis!

(urbanpiraten)

Keine Farben – Antinationalistische Demonstration

Banner für Keine Farben Blog

Schwarz.Rot.Gold. …sind nicht mal alles Farben.
Gegen Deutschland, Nation und Kapital.

3. Oktober 2010. In der Krise beschworen, bei der Fußball-WM zelebriert, soll sie zum 20. Mal gefeiert werden: die deutsche Einigkeit. Zu all den Widerlichkeiten, die solches Treiben mit sich bringt, möchten auch Deutsche aus Jena etwas beitragen. Im Mittelpunkt steht dabei der Jenaer „Dreifarb“, der in einer Ausstellung im hiesigen Stadtmuseum als ein „ganz besonders spannendes Stück deutscher Erinnerungskultur“ präsentiert werden soll. Einige Protagonist_innen in Jena träumen gar von einem Nationalmuseum und streben nach einer „Popularisierung des Kulturguts Schwarz Rot Gold“, welches aus dem „Volk“ stamme und auch deswegen im Gegensatz zu „Schwarz-Weiß-Rot“ ganz harmlos sei. Daher gälte es auch, die Deutschen Farben zu schützen: vor historischer Fehldeutung von Links und Missbrauch durch Nazis.
Der Wunsch nach dem „ganz anderen“ deutsch-nationalen Kollektiv wird solide vorgetragen. Endlich möchte man über den eigenen Schatten springen, aber über welchen eigentlich noch? Längst ist der Schatten den Auschwitz wirft unter dem Etikett „Erinnerungskultur“ zum Bestandteil einer positiven deutschen Identität geworden. Deren Farben sind Schwarz-Rot-Gold.

Burschenschaften als Vorkämpfer der „Demokratie“
Es war die Fahne der reaktionären Jenaer Urburschenschaft „Arminia“, die 1817 an der Spitze des Wartburgzuges getragen wurde und sich damit als Symbol der deutsch-nationalen Vereinigungs-Fanatiker etablierte. In einer Ausstellungsankündigung des Jenaer Stadtmuseums ist die Rede von einem „Symbol für Freiheit und deutsche Einheit“ und Jena wird als die „Wiege der Demokratie“ gefeiert. Der Männerbund „Arminia“ wird dabei gewollt oder ungewollt zum Vorreiter der „Demokratie“ stilisiert, völlig ungeachtet der Tatsache, dass der Ruf nach der geeinigten Nation nichts anderes als der reaktionäre Kampf gegen die Ideen der Aufklärung war. Im Krieg gegen Napoléon entdeckten verschiedene deutsch-nationale Ström-ungen erstmals die Nation als Kampfparole. Bei den Burschenschaften war in diesem „Einheitskampf“ der völkische Gedanke von Anfang an tragendes Element. „Ihr stammt aus Hermanns Blut“ (Bezug auf den Germanen Hermann, den Cherusker) wurde zum geflügelten Wort und bot die Möglichkeit, Gruppen von Menschen innerhalb Deutschlands „blutsmäßig“ auszuklammern – explizit Jüdinnen und Juden wurden aus der herbeihalluzinierten „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen.
Traditionell sind Antisemitismus und völkisches Denken Elemente burschenschaftlicher Politik. Doch all das wird ausgeblendet und so wird der völkische Nationalismus, mit dem der Originalfetzen der Nationalfahne verbunden ist, umgedeutet in den Kampf für „Einigkeit, Recht und Freiheit“. Dass „Einigkeit“ dabei an erster Stelle steht, ist kein Zufall. Die Vereinigung aller, die zur „deutschen Blutgemeinschaft“ gehören ist das erklärte höchste Ziel. „Freiheit“ steht dabei an letzter Stelle und wird auch nur denen zu Teil, die sich der Gemeinschaft der „Deutschen“ zugehörig fühlen dürfen.
Das Bestehen dieser völkischen Idee schon zu Beginn der Entwicklung des deutschen Nationalstaates macht im internationalen Vergleich die historische Besonderheit aus.

Deutsche Kontinuitäten
Der demokratische Nationalismus von heute hat sich von den völkischen Grundformen einiges bewahrt. Auch nach der Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes bleibt man der Tradition von 1913 treu, nach der deutsch ist, wer deutschen Blutes ist. Nichtmitglieder dieser exklusiven Gemeinschaft, z.B. Flüchtlinge die es über die Grenze geschafft haben, werden auf ihre Weise eingedeutscht. Sie sind nicht Subjekt, sondern Verwaltungsgegenstand, sie bleiben Menschen, deren Reduktion aufs Ding jedoch stetig vorangetrieben wird. Die Verwertbarkeit ist – neben politischer Zuverlässigkeit – denn auch das entscheidende Kriterium, wenn es um Einbürgerung geht.
Die Verpflichtung auf den Staat erfolgt nicht mehr über die Kategorien „Volk“ und „Rasse“, sondern mittels inhaltsleerer, politisch aufgeladener Begriffe wie „Demokratie“ und „Freiheit“. Was bleibt, ist das „Wohl des deutschen Volkes“, heute als „Gemeinwohl“ bezeichnet, das über Allem steht.
Angesichts dessen ist es nicht verwunderlich, dass es den traditionellen „Klassenkampf“ in Deutschland quasi nicht gab. Nirgends agieren Gewerkschaften mehr im Sinne nationaler Gesamtplanung. Erfahrungen von Armut und anderen Folgen der Krise führen nicht etwa zum Infragestellen des Ganzen, sondern zur Forderung nach dem starken Staat, der vor dem Wirken externer Mächte schützten soll. Selbst die Blockade von Naziaufmärschen erfolgt im Namen des Grundgesetzes und der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“.
Das „Nie wieder!“ wird von Staat und Kapital in Dienst gestellt. Die Vernichtung findet so einen Sinn, die Opfer finden ihre Verwertung. Kriege werden nicht trotz, sondern wegen Auschwitz geführt.
Figuren wie die Verschwörer des 20. Juli helfen, eine moralische Kontinuität zu konstruieren, die selbst noch die Wehrmacht umfasst. Stauffenberg und andere reaktionäre Geister werden dabei in die Reihe mit Widerständigen gestellt, die nicht fürs „Vaterland“, sondern um das eigene oder das Leben anderer kämpften. Für diejenigen, denen die Erinnerungsweltmeisterschaft eines Guido Knopp zu sehr aufs deutsch-nationale Gemüt schlägt, bleibt dann doch noch der Schlussstrich.

Schwarz-Rot-Geil
Das offene Einfordern eines Schlussstriches unter die Vergangenheit, das 1998 unter Demokrat_innen noch eine ver-hältnismäßig große Empörung auslösen konnte, ist heute kein Tabu mehr. Auch in die Musik hat die Beschwörung des „anderen“ Deutschland Einzug gehalten. Mia, Samy Deluxe und allerlei andere „Künstler_innen“ besingen das „neue deutsche Selbstbewusstsein“.
Mediale Inszenierungen reproduzieren die Deutschlandfeierei wieder und wieder, bis das nationale Kollektiv auch im letzten Hirn präsent ist. Ob Papst, Lena oder gleich ganz Deutschland, Hauptsache „Wir sind wieder wer“.
Dieses „Wir“ zeigte sich dann auch wieder in den Fahnenmeeren während der Fußballweltmeisterschaft der Männer, „Schwarz-Rot-Geil“ – Aufklebern und all den anderen dämlichen Accessoires fürs deutsche KFZ. Dass der ach so friedliche „Partyotismus“ alles andere als harmlos ist, zeigen die zahlreichen Übergriffe und rassistischen Ausfälle während des Spektakels.

Kapitalistische Vergesellschaftung und nationalistische Ideologie
Solche unmittelbaren Auswirkungen nationalen Wahns sind jedoch harmlos mit Blick auf dessen eigentliches Potenzial. Die Aufhebung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit in der Volksgemeinschaft, die deutsche Antwort auf die soziale Frage, wohnt als Möglichkeit jeder bürgerlich ‑kapitalistischen Gesellschaft inne.
Die Sehnsucht, einer zeitüberdauernden Gemeinschaft wie der Nation anzugehören, entspringt der dunklen Ahnung, dass man als kapitalistisch vergesellschaftetes Wesen nichts ist, als Arbeitskraft und Konsument. Die konstruierte Gemeinschaft schafft Identität durch Ab- und Ausgrenzung. Als vermeintliche Grundlage werden wahlweise „Traditionen“, „Kultur“ oder auch „Rasse“ herangezogen. Der Weg von solcherlei Fremd- zu Feindbildern ist dann schnell gegangen.

Die Nation ist notwendig für alle, die Staat und Kapital nicht kritisch gegenüberstehen. Wer gegen die Warenförmigkeit der Dinge und gegen das Prinzip des gerechten Tausches nichts einzuwenden hat, muss den Staat und sein Gewaltmonopol wollen und da Staaten als Nationalstaaten daherkommen, eben auch die Nation. Nationalismus ist also nicht irgendeine Einstellung von Nazis und anderen am „rechten Rand“ der Gesellschaft, sondern eine ideologische Grundlage der Gesellschaft, in der wir leben. Dass „linke“ Deutsche mit befreiungsnationalistischen Bewegungen sympathisieren, dass sie ein „Recht auf Arbeit“, einen „starken Staat“ und die „Umverteilung gesellschaftlichen Reich-tums“ fordern, ist dann auch nicht weiter verwunderlich.
Eine radikale Linke muss das Ziel haben, die kapitalistischen Verhältnisse umzuwerfen. Je unmöglicher die „Einheit der Vielen ohne Zwang“ erscheint, desto entschiedener gilt es, für sie einzutreten. Das Mindeste dabei ist, jenen beizustehen, die als Konsequenz aus der Geschichte als bewaffnetes Kollektiv gegen ihre Vernichtung kämpfen. Die Solidarität mit Israel steht nicht im Widerspruch zur Kritik an Staat, Nation und kapitalistischer Vergesellschaftung, sie ist die notwendige Konsequenz daraus.
Eine emanzipatorische Praxis kann nur darin bestehen, sich dem kollektiven Wahn und der Verpflichtung auf Staat und Nation zu widersetzen und die traute Einigkeit der Volksgemeinschaft zu stören, wo es geht.
Zum Beispiel am 3. Oktober in Jena.

Keine Farben

Kein Tag für die Nation – Kein Tag für Deutschland

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Kein Tag für die Nation – Kein Tag für Deutschland Am dritten Oktober 2010 jährt sich zum zwanzigsten mal die „Wiedervereinigung“ Deutschlands. Vom 2.-3. Oktober finden in Bremen die offiziellen Feierlichkeiten unter dem Motto „20 Jahre deutsche Einheit“ statt. Aufgeboten wird eine Melange aus Nena, dem Bundespräsidenten und deutschen Wurstbuden. Es soll ein deutsch-nationales Party-Event werden, bei dem die Deutsche Nation als historisch gewachsene Einheit und der Kapitalismus als wohlstandsbringende Ordnung präsentiert werden. Die Ursache der Teilung, der Nationalsozialismus, bleibt unerwähnt und die Geschichte wird umgedeutet, sodass das vereinte Deutschland wieder ein Anrecht auf Vormachtstellung in der Staatenkonkurrenz erhält.

Was am 3. Oktober gefeiert wird, ist die Freiheit, das eigene Leben in Konkurrenz und (Lohn-)arbeit verbringen zu dürfen und einer Nation anzugehören, die sich ihrer Geschichte nicht schämen muss. Wir werden diesem nationalistischen Event unsere Kritiken an den herrschenden Verhältnissen entgegenstellen. Beteiligt euch an der Demonstration (2. Oktober 2010, Bremen Hbf., 16.30 Uhr) sowie an den verschiedenen Aktionen. Seid kreativ gegen die deutsch-nationalistischen Feierlichkeiten! You say Deutschland – We say: die!

Bündnis gegen den 3. Oktober 2010 in Bremen

Geht national auch normal?

geht national auch normal

Buchvorstellung und Diskussion mit der »Projektgruppe Nationalismuskritik« (Frankfurt/Main) und INEX (Leipzig)

06.01.2010, 19:00 Uhr, Conne Island, Koburger Str. 3, Leipzig

Wie normal ist Deutschland als Nation? Ist es Schnee von gestern, noch nach Kontinuitäten des Nationalsozialismus zu suchen? Oder relativiert man dadurch die Shoah? Ist Deutschland ein rassistischer Staat? Oder eine vor allem kapitalistischen Gesetzen gehorchende Nation wie alle anderen auch? Lohnt es also noch, Deutschland als deutsche Nation zu kritisieren? Oder verstellt man damit den Blick für kapitalistische Realitäten? Kann eine Nation überhaupt normal sein, kann Deutschland normal sein? Bücher, Diskussionsveranstaltungen, Demoaufrufe, Zeitschriftentexte, Redebeiträge und Flyer des Jahres 2009 haben gezeigt: das Thema scheint die radikale Linke zu beschäftigen.
Die »Projektgruppe Nationalismuskritik« hat dazu kürzlich unter dem Titel »Irrsinn der Normalität – Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus« einen Sammelband herausgebracht. INEX hat die Herausgeber/-innen nach Leipzig eingeladen, ihr Buch zu präsentieren und ins Gespräch über die Normalität Deutschlands zu kommen. Die Buchvorstellung verspricht folgendes:

Die Berliner Republik kam in den nationalen Massenzeremonien während der Fußball-WM 2006 zu sich selbst, heißt: Sie wurde als Nation normal. Seither ist der Status des »neuen« deutschen Nationalismus auf neue Weise fraglich geworden. Wie ist das Verhältnis von Kontinuität und Bruch mit einem altbekannten deutschen Nationalismus und der deutschen Geschichte zu denken, wie die Vermittlung von allgemeinen und besonderen Bestimmungen der deutschen Nation im 21. Jahrhundert?
Die These der Projektgruppe Nationalismuskritik lautet, dass das Normalitätspostulat selbst als ideologisches Grundmotiv des »neuen« Nationalismus zu dechiffrieren ist. Seine Genese gilt es zu begreifen. Das Buch versammelt dem gemäß Beiträge, die aus verschiedenen Perspektiven Aspekte der Konstitution des gegenwärtigen Nationalismus behandeln.

Es soll allerdings nicht nur bei der Präsentation des Bandes bleiben. INEX will bei dieser Gelegenheit mit den Vertreter/-innen der Projektgruppe und dem Publikum diskutieren, was »neu« ist am Nationalismus der Berliner Republik. Es geht darum, die im Zusammenhang der Kritik an den Wendefeierlichkeiten in Gang gekommenen Diskussionen weiterzuführen. Die Fragen sind gestellt, einfache Antworten wird es nicht geben. Umso notwendiger braucht es die Auseinandersetzung. Diese Veranstaltung ist ein weiterer Versuch, sie voranzubringen.