Tag-Archiv für 'kritische-intervention'

auslese, perfektionierung und die last der entscheidung.

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Mi | 4. Juni 2014 | 19.00 | Radio Corax | Unterberg 11 | Halle

Auslese, Perfektionierung und die Last der Entscheidung

Kirsten Achtelik

Dass Fortschritt und Regression sich in technischen Möglichkeiten verschränken, wird mit Blick auf sogenannte Reproduktionstechnologien wie Präimplantations- und Pränataldiagnostik besonders deutlich. In den achtziger Jahren galten sie vielen als Ausdruck kapitalistischer und patriarchaler Herrschaft, wobei auch eugenische Tendenzen und NS-Kontinuitäten kritisiert wurden. Die in den 1970er Jahren legalisierte (und Mitte der 1990er nur auf dem Papier abgeschaffte) embryopathische Indikation zum Schwangerschaftsabbruch erlaubte den Abbruch bei diagnostizierten oder prognostizierten ‚Schädigungen‘ oder ‚Erbkrankheiten‘ des Fötus.

Dabei ist die Entscheidung über eine solche Abtreibung nie eine bloß individuelle, sondern gesellschaftlich vermittelt und bedingt. Die abelistische Gleichsetzung von Behinderung mit Leiden und Schmerzen, die unterstellt dass das Leben der Betroffenen nicht wert sei, gelebt zu werden ist ein weiterhin wirkmächtiges Konstrukt. Diese Techniken befördern, so eine weitere Kritik, zudem die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung.

In gewissen queeren Zusammenhängen werden einige dieser Technologien heute als subversive Mittel für selbstbestimmte Fortpflanzungsentscheidungen jenseits heteronormativer Zwänge und Vorstellungen von Natürlichkeit gerühmt. Einer Kritik an der modernen Biomedizin wird schnell eine regressive Sehnsucht nach vortechnologischer Harmonie unterstellt. Die kürzlich erfolgte Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik gilt schließlich vielen als Erweiterung der Selbstbestimmung der Frau.

Kristen Achtelik wird unterschiedlichen Positionen zu Reproduktionstechnologien aufzeigen und für eine Reflektion der Bedeutung gesellschaftlicher Verhältnisse für individuelle Entscheidungen argumentieren. Die politische Förderung der wissenschaftlichen Entwicklung und persönlichen Anwendung von Reproduktionstechnologien entspringt – bereits bei einer historischen Betrachtung – nicht nur dem Wunsch das Individuum von der Schicksalhaftigkeit seiner eigenen Biologie zu befreien, sondern war und ist immer auch eine Form der Bevölkerungspolitik. Bevölkerungspolitische Maßnahmen sind dabei immer auch an die Idee eines gesunden „Volkskörpers“ gebunden, der den Tod der Anderen in der Weise impliziert, dass er zwar nicht, „meine persönliche Sicherheit erhöht; der Tod der Anderen, der Tod der bösen, der niederen (oder degenierten oder anormalen) […]wird das Leben im allgemeinen gesünder machen“ (Foucault).

Eine – auch feministisch motivierte – Kritik an Gen- und Reproduktionstechnologien kann dabei zum einen aufzeigen, warum der Gendiskurs momentan so erfolgreich ist und von staatlichen Instanzen gefördert wird und wie Frauen unter einen gesellschaftlichen Druck gesetzt sind, diesen in eine individuelle Entscheidung zu integrieren.

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die einsamkeit der letzten dinge. eine gesellschaftskritische betrachtung der sterbehilfe.

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Di | 13. Mai 2014 | 19.00 | Radio Corax | Unterberg 11 | Halle

Die Einsamkeit der letzten Dinge. Eine gesellschaftskritische Betrachtung der Sterbehilfe

Guido Sprügel

„Die Signatur des Zeitalters ist es“, so Adorno „daß kein Mensch, ohne alle Ausnahme […] sein Leben mehr selbst bestimmen kann.“ So scheint die Sehnsucht, wenigstens das Ende seines Lebens selbst frei wählen zu dürfen, ein letztes Residuum menschlicher Autonomie zu sein. Nicht verwunderlich ist es somit, dass über 70% der deutschen Bevölkerung, so legen es die immer wiederkehrenden Umfragen durch Meinungsforschungsinstitute nahe, eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe begrüßen würden. Dass sich in einer kapitalistischen Vergesellschaftung bei einer bestehenden Nachfrage entsprechende marktförmige Angebote finden lassen, scheint ebenso wenig verwunderlich. Wieso aber ist es problematisch, Organisationen wie Dignitas, die gewerbliche Sterbehilfe anbieten, zu legalisieren? Der Vortrag wird das problematische Verhältnis von Freitod und organisierter Sterbehilfe thematisieren und dabei auch die Frage nach Möglichkeiten eines selbstbestimmten Todes „in einer Welt in der es längst Schlimmeres zu fürchten gibt als den Tod“ (Adorno) aufwerfen.

Im Rahmen der Vortragsreihe „Jeder stirbt für sich allein. Von der Notwendigkeit und Unmöglichkeit über den Tod zu sprechen“ berichtet Guido Sprügel, der als freier Journalist unter anderem für die Jungle World schreibt, über die letzte Lebensstation vieler Menschen. Welche Gründe gibt es für den Wunsch nach Sterbehilfe? Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn die “Lösung Tod” immer einfacher zu bekommen ist? Dabei sollen auch der gesellschaftliche Umgang mit organisierter Sterbehilfe im europäischen Ausland und dortige gesetzliche Bestimmungen in den Blick genommen werden.

Eine Veranstaltung der Vortragsreihe “Jeder stirbt für sich allein.” Von der Notwendigkeit und Unmöglichkeit über den Tod zu sprechen. des AK Kritische Intervention an den Universitäten Halle und Leipzig.

ware körper. zur sozialpsychologie von markt und medizin.

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Di | 06. Mai 2014 | 19.00 | Radio Corax | Unterberg 11 | Halle

Ware Körper. Zur Sozialpsychologie von Markt und Medizin

Oliver Decker

Die Ökonomisierung erfasst den menschlichen Körper, er wird zur Ware. Am deutlichsten ist das in der modernen Medizin. Sie braucht den Körper als Ressource, ob in der Stammzellforschung oder der Organtransplantation. So wird der menschliche Körper und werden seine Teile zum Handelsgut. Erstaunlicherweise war der Körper im historischen Umbruch zur Moderne schon einmal ein solches: Der ganz Europa erfassende Reliquienhandel machte menschliche Körperteile zum begehrtesten Handelsgut – und zum Heilsgut. Mit dieser Vorgeschichte wird auf einen Schlag sichtbar, dass der Griff nach dem menschlichen Körper keine ökonomische Landnahme ist: Waren-Gesellschaft und moderne Medizin verbindet mehr, als sie an ihrer Oberfläche zu erkennen geben. So wird eine noch weiter zurückreichende „untergründige Geschichte des Körpers“ (Horkheimer/Adorno) frei gelegt. Es ist die Geschichte des Opfers, das zuallerst das Menschenopfer war. Schon dieses war geprägt von der Ersetzungslogik und wie das Menschenopfer sind Markt und Medizin Versöhnungsversuche – die dann wiederholen, was sie abwehren sollen. Von diesem Wiederholungszwang sind weder Markt noch Medizin bis heute frei. Im Rahmen der Vortragsreihe „Jeder stirbt für sich allein. Von der Notwendigkeit und Unmöglichkeit über den Tod zu sprechen“ wird Oliver Decker zur Warenförmigkeit des Körpers und den damit zusammenhängenden Problemen der Organspende und des Organhandels referieren. Dabei kommt dem Thema Tod eine mehrfache Bedeutung zu: Zunächst benötigt die Organtransplantation die Feststellung des Todes, bei der sich vor allem der Hirntod als das Ende des Lebens aus wissenschaftlicher Sicht durchgesetzt hat. Zudem ermöglicht die Verlängerung des Lebens nicht nur eine erweiterte Verwertbarkeit des menschlichen Körpers, sondern verkürzt auf der anderen Seite das Leben anderer, weniger profitabler Körper; Menschen, die auf den Verkauf ihrer Organe angewiesen sind.

Eine Veranstaltung im Rahmen der Vortragsreihe “Jeder stirbt für sich allein.” Von der Notwendigkeit und Unmöglichkeit über den Tod zu sprechen. des AK Kritische Intervention an den Universitäten Halle und Leipzig.

nachruf. über den tod im bestehenden.

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Fr | 2. Mai 2014 | 19.00 | Radio Corax | Unterberg 11 | Halle

Nachruf. Über den Tod im Bestehenden

Vortrag und Diskussion mit Malina Schwarz und Morten Lund.

Die Thematisierung des Todes, um den die materialistische Kritik „nie ein großes Gewese“ (Magnus Klaue) gemacht hat, erweckt häufig den Eindruck eines rein intellektuellen Spiels. Im Gegensatz zum Sterben, diesem körperlichen und oftmals schmerzhaften Prozess, scheint es unmöglich den Tod sinnvoll zu fassen: den Tod denkend zu bestimmen, überschreitet die Grenzen des Bestimmbaren. So haben aktuelle Versuche sich dem Thema aus einer kritisch-materialistischen Perspektive zu nähern, nicht zufällig zumeist eine thesenhafte Form.
Doch jede Beschäftigung mit dem Tod einzustellen, Tod und Sterben voneinander getrennt zu betrachten, greift zu kurz. Nicht ohne Grund sprach Adorno von der Abschaffung des Todes als wesentlichem Bestandteil utopischen Denkens, das versucht über das Bestehende hinauszukommen. Notwendig ist zudem eine Kritik am Umgang mit dem Tod, der „bloß noch die absolute Irrelevanz des natürlichen Lebewesens gegenüber dem gesellschaftlich Absoluten“ bestätigt. Den Tod als „Gegebenes“ (Jean-Paul Sartre) darzustellen und zu akzeptieren, bedeutet der „Ideologie der Unparteilichkeit des Todes“ (Max Horkheimer) zuzureden und die materialistische Kritik daran zu vernachlässigen, wohl wissend, dass in der falschen Gesellschaft “selbst die Utopie von der Abschaffung des Todes falsch wird” (Lars Quadfasel).

Im Rahmen der Vortragsreihe „Jeder stirbt für sich allein. Von der Notwendigkeit und Unmöglichkeit über den Tod zu sprechen“ werden Malina Schwarz und Morten Lund referieren und dabei an Auseinandersetzungen mit der Ideologie (und den Ideologen) des Todes erinnern. Sie zeigen unterschiedlichste Formen der Verherrlichung des Todes, die mit Martin Heidegger als deutschen Philosophen nicht rein zufällig den einflussreichsten Apologeten des Todes in der Moderne fand, und deren philosophische Kritik. Darüber hinaus zeigen sie aktuelle Entwicklungen im Umgang mit dem Tod, der “Nichtung aller Möglichkeiten” (Jean-Paul Sartre) auf, die zum einen in einer Ökonomisierung des Sterbens und des Todes zu sehen sind; zum anderen in einer Todessehnsucht, die sich verschiedentlich ausdrückt, aber immer das gleiche meint: den bestehenden Verhältnissen zu entkommen. In „einer Welt in der es längst Schlimmeres zu fürchten gibt als den Tod“ (Theodor W. Adorno) bleiben Fragen: Wie ist es in diesen Zuständen um die Hoffnung bestellt, das Leben nicht vom Tod diktieren zu lassen? Wenn die gewalttätige Abkürzung des Lebens, die gerade in den verschiedenen Formen der Todessehnsucht ihren Ausdruck findet, nichts anderes ist, als die Dementierung des Glücksversprechens: Ist die Aufforderung das Ende seines Lebens selbst zu bestimmen, kaum mehr als eine voreilige Versöhnung mit Naturkräften?

Erste Veranstaltung des Alv Alternatives Vorlesungsverzeichnis des Stura der Uni Halle aus der Reihe: “Jeder stirbt für sich allein.” Von der Notwendigkeit und Unmöglichkeit über den Tod zu sprechen.

Mehr Infos: http://kritischeintervention.wordpress.com/

geist und opium. religionskritik bei hegel, feuerbach und marx.

Di | 10. Dezember | 19.00 Uhr | Melanchthonianum | Uniplatz | Halle

Geist und Opium. Religionskritik bei Hegel, Feuerbach und Marx

Abschlussvortrag der Reihe “Jammertal und Heiligenschein. Perspektiven der Religionskritik” mit Robert Schnepf

Karl Marx (1818-1883) bemerkte, das “religiöse Elend” sei “in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend”, die “Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben” müsse immer auch die Forderung sein, “einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf”. Die Religion sei vom Menschen gemacht, was er glaube, erkläre sich aus seinen Lebensverhältnissen.
In Zeiten des “religious backlash”, dem Siegeszug alter und neuer religiöser Vorstellungen, ist es sinnvoll, sich eingehender mit der marx’schen Religionstheorie bzw. -kritik auseinanderzusetzen. Doch das geht nicht ohne einen Blick auf den ideengeschichtlichen Hintergrund seines Werkes. Marx erarbeitete sich seine Religionskritik an der Philosophie G. W. F. Hegels (1770-1831), für den Gott “die absolute Substanz, die allein wahrhafte Wirklichkeit” war und an den Ideen Ludwig Feuerbachs (1804-1872), der in der “Persönlichkeit Gottes” “selbst nichts andres als die entäußerte, vergegenständlichte Persönlichkeit des Menschen” sah.
Die Entwicklung der Religionskritik bei Hegel und Feuerbach und hin zu Marx darzustellen, haben wir den hallischen Philosophen Robert Schnepf gebeten, Professor am hiesigen Institut für Philosophie.

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leib ohne trieb. von der prostitution zur sexarbeit.

leib ohne trieb. von der prostitution zur sexarbeit.

picture by nasos karabelas, 2013

Mittwoch | 20. November | 19.00 Uhr | Melanchthonianum | Uniplatz | Halle

Leib ohne Trieb – Von der Prostitution zur Sexarbeit

Vortrag & Diskussion mit Theodora Becker und Magnus Klaue

In regelmäßigen Abständen, aber aus unterschiedlichen Gründen wird das Thema Prostitution groß debattiert und in allen gängigen Medien besprochen, so auch in diesen Wochen nach dem jüngsten Moralappell Alice Schwarzers. Oft ist die Debatte geprägt von Skandalisierung und Voyeurismus. Interessant ist in diesem Zusammenhang, welche Vorstellungen von Arbeit, Freiheit und Körper dadurch deutlich werden.
Theodora Becker von der autonomen Hurenorganisation Hydra e.V. in Berlin wird in ihrem Vortrag „Sehnsucht nach Unmittelbarkeit – Prostitution als illegitimes Kind der Kulturindustrie“ der Frage nachgehen, was an der Prostitution der bürgerlichen Ordnung so bedrohlich erscheint, von der sie doch zugleich ein unabdingbarer und institutionalisierter Bestandteil ist, dessen Kontrolle zwar für dringend notwendig erachtet, dessen tatsächliche Abschaffung aber doch selten versucht wurde. In der ambivalenten Stellung der käuflichen Lust zeigt sich ein ebenso problematisches gesellschaftliches Verhältnis zur Sexualität, das auch durch sogenannte sexuelle Revolutionen nicht aus der Welt geschafft wurde. Wie dieses Verhältnis heute aussieht, zeigt sich auch daran, wie sich die Ware Sexualität unter kulturindustriellen Vorzeichen darstellt und welche Bedürfnisse und Sehnsüchte sie bedient. Sie wird auch die Frage aufwerfen, warum in der üblichen, moralisch gefärbten Kritik an der Prostitution die Kommerzialisierung des Intimsten beklagt, jedoch das, was dieser Tauschhandel ermöglicht, meist nicht beachtet wird. Dass die von einigen Sexarbeiterinnen herausgestellte emanzipative Kraft der Sexarbeit – das „Recht auf Arbeit“ und das „Ausleben“ der eigenen Sexualität in der Prostitution – ein beängstigendes Maß an der Identifikation mit der Arbeit verraten, soll schließlich vor diesem Hintergrund diskutiert werden.
Anschließend kritisiert der Publizist Magnus Klaue in seinem Vortrag „Sexwork und Körperpolitik als postfeministische Sozialtechnologie“ die Verwandlung von Sexualität in „Arbeit“, wie sie sich exemplarisch an den Werken von Beatriz Preciado studieren lässt, die keinen Unterschied zwischen Sexualität und Prostitution kennen und das inkommensurable Moment des Triebs durch totale Technifizierung des Sexus zu tilgen suchen. Anhand von Preciado soll gezeigt werden, inwiefern die „postfeministische“ Körperpolitik Emanzipation nur noch als restlose Selbstzurichtung subjektloser Subjekte kennt, denen Unbewusstes, Trieb und Leib nichts anderes sind als Objekt und Resultat von Wahlentscheidungen und „Einschreibungen“, mithin Ausdruck totaler Vergesellschaftung.

moderne seelenrettung. esoterik als religion des bürgerlichen zeitalters.

Freitag | 15. November | 19.00 Uhr | Melanchthonianum | Uniplatz | Halle

Moderne Seelenrettung. Esoterik als Religion des bürgerlichen Zeitalters.

Vortrag & Diskussion mit Claudia Barth* im Rahmen der Reihe “Jammertal und Heiligenschein. Perspektiven der Religionskritik”

Esoterik ist en vogue. Gleichzeitig könnte man sie aber auch als Reaktion auf Erfahrungen des Scheiterns im Alltagsleben fassen, als relativ junge Religion, die des öfteren auch (nationale) Mythen oder rassistisch-völkisches Gedankengut transportiert. Esoterik hilft, die Kontingenzerfahrungen der modernen Gesellschaft zu bewältigen und Widersprüche zu bereinigen um weitermachen zu können. Entlastet wird nicht nur das eigene Selbst, sondern auch alle Anderen, deren Handeln als Ausdruck höherer Mächte erscheint.
Der zunehmenden Erfolg der Esoterik in den letzten Jahrzehnten hängt auch mit den Veränderungen der Arbeitswelt einher: Selbstverantwortung, Flexibilität, Auflösung der Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit, privatem Bereich der Kreativität und öffentlichem Verwertungsbereich. Die so Subjektivierten haben in der Esoterik ein Angebot der ideologischen (V)erklärung der eigenen Erschöpfung. Esoterische Ratgeber versprechen individuelle Möglichkeiten der Bewältigung, doch die Rede ist weniger von gesellschaftlichen Verhältnissen, als vielmehr von Schicksal, dieser Kraft oder jener Energie.

*Claudia Barth ist Autorin von „Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur“ und „Esoterik – Die Suche nach dem Selbst“.

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aktuelle hexenjagden. ideologie und verfolgungspraxis.

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Mittwoch | 17. juli | 19:00 | Melanchthonianum | Halle

Aktuelle Hexenjagden – Ideologie und Verfolgungspraxis

Felix Riedel (Uni Marburg)

Jährlich werden vor allem im afrikanischen und indischen Trikont tausende Menschen der Hexerei beschuldigt, vertrieben und verfolgt. Die Faszination über Hexerei wird in Filmproduktionen angeheizt und erfasst seit je her die Städte ebenso wie das Land, die Eliten ebenso wie die Analphabeten im Hinterland. Wer die afrikanischen Realitäten begreifen will, ist darauf angewiesen, der hegemonialen Akzeptanz magischer Vorstellungen Rechnung zu tragen.
Was die Antisemiten über die Juden noch stets erfinden mussten, ist in Afrika längst in einen Circulus vitiosus eingetreten: Ritualmorde sollen die Magie des Reichtums erzeugt haben, daher werden Ritualmorde tatsächlich zum Mittel des Reichtums und Menschenteile teuer auf Schwarzmärkten verkauft. Bei genauerer Betrachtung ähnelt sich afrikanische Ideologiebildung der westlichen an. Wenn dort Träume Zugang zu angeblichen Heilkräutern bieten, sind es hier die Halluzinationen von Steiner und die positivistischen Aporien Hahnemanns – hegemonial werden alle. Klappern dort die Fetischpriester ihre Holzinstrumente, wird hier auf Elektroakkupunktur geschworen. Fürchtet man dort den nächtlichen Seelenflug der Hexe, ist es hier Fernreiki, das selbst kranke Chamäleons heilen soll. Lediglich Magie und Gewalt haben sich mitunter aufgeteilt: Man verfolgt rationalistisch Ausländer und kauft sich Engelsrufer, die keinem etwas zuleide tun. In der Hexenjagd fällt beides zusammen: In Südafrika sind es alte Frauen, denen man unterstellt, Arbeitslosigkeit angehext zu haben. Ökonomische Fetischisierungen sorgen für eine immense Faszination mit „quick“ und „blood-money“, das Geldrätsel tobt. Die Pogromgemeinde wühlte in der Asche der Ghettos nach dem vermeintlichen Gold der Juden, in Ghana wurden Buckligen die Buckel aufgeschlitzt, weil ein Groschenroman aus dem Buckel eine magische Geldquelle machte.
Diese Parallelen werfen Fragen nach dem Verhältnis von Tradition und Moderne, von Kulturindustrie, Bildung und Aufklärung auf, aber auch nach der Universalität eines „strukturellen Antisemitismus“. Der Vortrag soll auf diese Assoziationen hinführen um genauer zu differenzieren.

Ein Vortrag mit Rahmen der Reihe „Jammertal und Heiligenschein. Perspektiven der Religionskritik“ des AK Kritische Intervention.

religiöse ungleichheiten? soziale klassenunterschiede und religion in einer evangelikalen massenbewegung lateinamerikas.

Mo | 24. Juni | 19 Uhr | Melanchthonianum | Uniplatz Halle

Religiöse Ungleichheiten?
Soziale Klassenunterschiede und Religion in einer evangelikalen Massenbewegung Lateinamerikas

Jens Köhrsen (Uni Bielefeld)

Oft wird angenommen, Religion sei eine soziale Sphäre, in der soziale Ungleichheiten keinen Platz haben. Soziale Klassenunterschiede – etwa in Form von Bildungs- und Einkommensunterschieden – würden wenn überhaupt nur eine sehr untergeordnete Rolle für die Praxis von Religion spielen. In der Erforschung von Religion und sozialer Ungleichheit zeigt sich demgegenüber, dass soziale Klassenunterschiede sehr wohl einen Einfluss auf die religiöse Praxis von Menschen haben. Doch wie wirken sich soziale Klassenunterschiede in der Religion aus? Auf welche Weise beeinflussen Klassenunterschiede die Wahl von Religion? Diese Fragen werden im Vortrag am Beispiel der Pfingstbewegung in Argentinien erörtert. Die Pfingstbewegung ist eine evangelikale Erneuerungsbewegung, die sich im 20. Jahrhundert rasant in Afrika, Asien und Lateinamerika ausgebreitet hat und mittlerweile bis zu 600 Millionen Anhänger weltweit umfasst. Die Pfingstbewegung zieht mit ihrem religiösen Angebot besonders Menschen aus der „Unterschicht“ an. Oft wählen sie diese religiöse Option, da sie sich von den Pfingstkirchen Hilfestellungen in schwierigen Lebenssituationen erhoffen. Zugleich versteht es die Pfingstbewegung wie kaum eine andere religiöse Gemeinschaft in Lateinamerika, kulturelle und religiöse Präferenzen der Unterschichten in attraktiver Weise aufzubereiten. Viele werden vom festlichen und stark emotionalen Charakter der Gottesdienste angezogen.
Demgegenüber steht die Argentinische Mittelschicht, die sich von dem „Aberglauben“ der Unterschichten abzugrenzen sucht, der Pfingstbewegung eher kritisch gegenüber. Trotz dieser Skepsis gegenüber der Pfingstbewegung partizipiert eine kleine, aber scheinbar wachsende Minderheit aus der Mittelschicht an der Bewegung. Diese tendiert meist zu bestimmten Formen des Pfingstlertums. So zeichnen sich die Pfingstgemeinden der Mittelschicht durch eine eher nüchterne religiöse Praxis aus, die sich an die allgemeinen kulturellen Standards der Argentinischen Mittelschicht annähert und von der pfingstlichen Praxis der Unterschichten abgrenzt. An den Unterschieden zwischen Unterschichts- und Mittelschichtspfingstlern zeigt sich, dass die religiöse Praxis oft durch die Klassenzugehörigkeit von Menschen gerahmt ist. In dem Vortrag werden diese Klassenunterschiede anhand von Beispielen aus der Argentinischen Pfingstbewegung illustriert.

Ein Vortrag im Rahmen der Reihe “Jammertal und Heiligenschein. Perspektiven der Religionskritik” des AK Kritische Intervention im Rahmen des Alternativen Vorlesungsverzeichnis‘ des Studierendenrats der Uni Halle.

ästhetik des widerstands. politisierung der kunst.

Mi | 12. Juni | 19.00 | Melanchthonianum | Universität | Halle

Ästhetik des Widerstands – Politisierung der Kunst. Anmerkungen zu Faschismus, Avantgarde und Befreiung in der verwalteten Welt.

Roger Behrens (Hamburg)

Walter Benjamin forderte in seinem Aufsatz ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ von 1936 gegen die Ästhetisierung der Politik eine Politisierung der Kunst. Welche Kunst und welche Politik waren damit gemeint? Benjamin stellte die Forderung zu einem Zeitpunkt, zu dem klar sein musste, dass die künstlerischen Avantgarden wie auch die emanzipatorische Linke gleichermaßen gescheitert waren: von den Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft korrumpiert, vom Faschismus, Nationalsozialismus, aber auch Stalinismus vernichtet, schien sich unter Bedingungen des Terrors jede politische wie ästhetische Form der Kritik theoretisch wie praktisch zerschlagen zu haben. Und zwar nicht zuletzt deshalb – mithin ist das die dialektische Volte in Benjamins Postulat –, weil die Ästhetisierung der Politik eine Politisierung der Kunst tendenziell unmöglich macht, wie auch, könnte man hinzufügen, das kommunistische Projekt überhaupt. Gleichwohl finden sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ab Ende der vierziger Jahre und dann vor allem seit den Fünfzigern zahlreiche Versuche, diese Politisierung der Kunst umzusetzen, mit unterschiedlichsten Ansprüchen und Vorstellungen von dem, was »Politisierung« und was »Kunst« bedeutet – Abstrakter Expressionismus, Pop-Art oder der Antiformalismus des Sozialistischen Realismus sind hierfür paradigmatische Entwicklungen. Als »Politisierung der Kunst« entsteht jetzt (erst!) eine so genannte Gegenwartskunst – als konstitutives Segment der fortgeschrittenen Kulturindustrie, und damit als integrales Moment der Ästhetisierung der Politik. Überdies verdichtet sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Ästhetisierung der Politik zur ›Gesellschaft des Spektakels‹; und gegen diese kann eine Politisierung der Kunst nur in der doppelten Aufgabe gefasst werden kann: als Aufhebung von »Politik« wie »Kunst« gleichermaßen. Indes kann »Politisierung der Kunst« jedoch auch heißen, gerade in Konfrontation zur Ästhetisierung der Politik, dass sich die radikale Kritik beziehungsweise die wirkliche Bewegung auf die vorhandene Kunst beschränken muss, also in der Kunst ein Abseits, einen Zufluchtsort, ein Exil, einen Überlebensraum findet, wenn unter gegebenen Bedingungen eine emanzipatorische Politik als revolutionäre Praxis gesellschaftlich nicht mehr machbar ist. »In der Kunst« meint dabei nicht, politische Praxis in die Praxis des Künstlers umzuwandeln, im Sinne von »Kunst machen«, sondern: sich auf die Auseinandersetzung mit der Kunst und den Künsten einzulassen – und das heißt: revolutionäre Praxis, die als praktische Revolution außer Kurs gesetzt ist, in die – letztendlich bereits musealisierte – Kunst zu verlegen, um dort Geschichte als Ästhetik des Widerstands fortzusetzen. Diese Ästhetik des Widerstands findet in der Kunst und den Künsten ihren Fluchtpunkt, der auch Ausgangspunkt ist; insofern ist die Ästhetik des Widerstands nicht auf die Kunst beschränkt, nicht an die Künste gebunden. (Es ist keine Rettung der Kunst, um der Kunst willen; nur so ist die Ästhetik des Widerstands in ihrer reflexiven Ambivalenz zu verstehen, widerständige Ästhetik und ästhetischer Widerstand zu sein. Die Ästhetik des Widerstands als Auseinandersetzung mit der Kunst und den Künsten ist zugleich Auseinandersetzung mit der Geschichte, mit der Vergangenheit, ihrem Ungleichzeitigen und Unabgegoltenen; und diese Auseinandersetzung ist als Ästhetik des Widerstands auch der Versuch, sich als historisches Subjekt seine Identität zu sichern: als »verlebendigte Erfahrung«). ›Die Ästhetik des Widerstands‹ ist der Titel eines Romans von Peter Weiss, geschrieben und veröffentlicht 1975 bis 1981. Anfang der achtziger Jahre gründen sich zu dem Buch zahlreiche Lesegruppen; die Auseinandersetzung mit dem Roman steht im Kontext der gesellschaftlichen – und im engeren Sinne »politischen« – Entwicklungen der siebziger und frühen achtziger Jahre; sie ist wesentlich nicht akademisch organisiert, sondern wenn institutionell, dann eher gewerkschaftlich. Viele junge Leute beteiligen sich. Die Lektüre des umfangreichen Buchs erweist sich als sperrig. Auch wenn es sich um einen Roman handelt, wird ›Die Ästhetik des Widerstands‹ als Theorieentwurf diskutiert; allein der Titel hat theoretisches Potenzial, klingt schon nach einer emanzipatorischen Parole. Thematisiert wird das – damals ohnehin virulente – Problem einer Aufarbeitung der Vergangenheit, für die Peter Weiss’ ›Ästhetik des Widerstands‹ als Modell genommen wird. Doch es geht nicht unmittelbar um die Vergangenheit, die Weiss als Gegenwart beschreibt (die nazideutsche Gesellschaft), sondern um das Nachleben dieser Vergangenheit in der Gegenwart. Der Faschismus, von dem ›Die Ästhetik des Widerstands‹ handelt, korrespondiert mit den Veränderungen der Verhältnisse von Individuum, Gesellschaft und Staat in der Zeit, in der Peter Weiss’ Roman erscheint – und die von vielen, die den Roman diskutieren, als »Faschisierung« begriffen wird. Im Verlauf der neunziger Jahre verschwindet das Interesse an Peter Weiss und der emanzipatorischen Aktualisierung der ›Ästhetik des Widerstands‹; die wirkliche Bewegung der radikalen Linken läuft ins Leere, die Versuche einer Politisierung der Kunst wenden sich ins affirmativ-banale – wobei mit der Ausweitung des »Kunstfeldes« gleichzeitig ein umfangreiches und vielfältiges »Politisch-Werden« der Kunst reklamiert wird, das sich in der allgemeinen kulturellen Formierung widerspiegelt. Wenn sich nun heute eine Ästhetik des Widerstands verwandelt als »Ästhetik der Politik« beziehungsweise die Politisierung der Kunst als »Politik des Sinnlichen« wiederholt, ist zu diskutieren, ob das konsequente Aktualisierungen oder ebenfalls konsequente Depotenzierungen kritischer, geschichtsmächtiger Praxis sind.

Ein Vortrag im Rahmen der Reihe “Kunst und Gesellschaftskritik in Zeiten der Kulturindustrie” des AK Kritische Intervention.