Tag-Archiv für 'kapital'

coole geräte aus miesen fabriken.

Sa | 21. Juni 2014 | 19:30 Uhr | die ganze bäckerei | josefstr.12 | leipzig

Coole Geräte aus miesen Fabriken
Vortrag zu Bedingungen und Streiks in Weltmarktfabriken Chinas

Millionen MigrantInnen stellen in Chinas Fabriken Konsumgüter für die ganze Welt her. Sie wollen der ländlichen Armut entkommen und erhoffen sich in der Stadt ein besseres Leben. Dort finden sich viele in einer prekären Situation zwischen Fließband und Wohnheim wieder – und leisten zunehmend Widerstand. Ein Beispiel ist der Auftragshersteller Foxconn, in dessen Fabriken Smartphones, Computer usw. für Apple, Dell, HP und viele andere hergestellt werden. Lange Arbeitsstunden, niedrige Löhne und Arbeitsunfälle bestimmen den Alltag der ArbeiterInnen, die oft den Job schmeißen, sich aber auch mit Sabotage und Streik wehren.
Im Vortrag geht es um Chinas Wirtschaftsboom, die Situation bei Foxconn, die Dynamik von Ausbeutung und Streiks in Chinas Industriezonen… und die Frage, was das alles mit uns zu tun hat.

http://www.gongchao.org
http://tuanjie.blogsport.de

wozu wissenschaft? die vielheit der zwecke und ihre philosophische polarisierung.

Mittwoch | 21. Mai 2014 | 19 Uhr | Uni Jena | Hörsaal 8 | Carl Zeiss Str. 3 | Jena

Wozu Wissenschaft? Die Vielheit der Zwecke und ihre philosophische Polarisierung

Joachim Schummer

Das Nachdenken über Zwecke der Wissenschaft ist heute in einer Polarisierung gefangen. Die einen meinen, es ginge ihr um zweckfreie Erkenntnis, die anderen sehen sie als Magd der Technik. Der Philosoph und Chemiker Joachim Schummer weist beides zurück und zeigt anschaulich, wie alle Wissenschaften schon immer neun verschiedene Zwecke verfolgt haben. Alle arbeiten auf ihre Weise an einer Verbesserung der Welt, an Methoden zur Schärfung des Denkens, Erklärungen und Aufklärung über die Welt, Formen des Umgangs mit der Zukunft, der Erzeugung von neuem und provokativem Wissen, der Befriedigung kultivierter Neugier, Orientierungen in der Welt, der fachlichen und allgemeinen Bildung sowie der Erfüllung in einer selbstbestimmten Lebensform. Nur wenn alle Zwecke beachtet werden, kann die Wissenschaft der Gesellschaft von Nutzen sein.

Die Polarisierung entstammt einem philosophischen Schulenstreit, zwischen Deutschem Idealismus und Dialektischem Materialismus, der bis heute unter verschiedenen Etiketten fortgetragen wird. Eine am gesellschaftlichen Nutzen der Wissenschaft orientierte Philosophie muss ihre historischen Erblasten überwinden, sich wieder auf die Vielheit der wissenschaftlichen Zwecke besinnen und sie mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen harmonisieren.

Joachim Schummer ist Herausgeber der Zeitschrift “Hyle – International Journal for Philosophy of Chemistry” (http://www.hyle.org/). Er publizierte u.a. “Nanotechnologie: Spiele mit Grenzen” (Suhrkamp, 2009), “Das Gotteshandwerk: Die künstliche Herstellung von Leben im Labor” (Suhrkamp, 2011) sowie zuletzt “Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf alte Fragen” (Kadmos, 2013). Weitere Informationen unter: http://www.joachimschummer.net/

[Arbeitskreis Kritische Theorie der Naturwissenschaften]

die totale therapie. „gewaltfreie kommunikation“ und ideologiefreie gesellschaft.

Do | 15. Mai | 19 Uhr | Universität Leipzig (HSG) | Hörsaal 8

Die totale Therapie. „Gewaltfreie Kommunikation“ und ideologiefreie Gesellschaft.

Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue

Die Berufsfelder Coaching, Mediation und Supervision, in denen Psychoanalytiker, Soziologen und Geisteswissenschaftler verschiedenster Couleur mittlerweile eher eine Beschäftigung finden als in den Bereichen, für die sie eigentlich ausgebildet wurden, markieren die schlechte Selbstaufhebung bürgerlicher Ideologie wie der konkreten Vergesellschaftungsform, der diese entsprang. Ideologie war nie einfach nur Schein, sondern stets auch die Möglichkeit, den Widerspruch, der sich in ihr ausdrückte, negativ auf den Begriff zu bringen: In diesem Sinne verwies insbesondere die Freudsche Psychoanalyse in ihrem antagonistischen Status als kritische Theorie des Subjekts und therapeutische Praxis auf die Notwendigkeit der Abschaffung jener Umstände, die sie hervorbrachten. Die therapeutische Gesellschaft, die die bürgerliche beerbt hat, liquidiert, wie die frühe kritische Theorie voraussah, mit der materiellen Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung im Triebgrund der Subjekte auch die Möglichkeit der Erfahrung solchen Widerspruchs. Ausdruck davon ist das die gesamte Gesellschaft von der Beziehungsberatung bis zum Assessment-Center bestimmende Leitprinzip der „gewaltfreien Kommunikation“ als ein soziales Verhältnis, aus dem jede Spur unreglementierter Erfahrung als potentielle Kommunikationsstörung liquidiert sein soll. Warum in dieser „gewaltfreien Kommunikation“, die es den verstümmelten Subjekten erlaubt, sich die Affirmation gesellschaftlicher Gewalt als ihre je willkürliche Freiheit zuzueignen, ein Begriff von Kommunikation zu sich selbst kommt, der sich von Habermas bis in diverse Konsensspiele der basisdemokratischen Linken tradiert hat, soll der Vortrag erläutern.

Magnus Klaue hat an der FU Berlin gelehrt und promoviert, arbeitet im Lektorats- und Dossier-Ressort der Jungle World und schreibt außerdem u. a. für Konkret und Bahamas.

Eine Veranstaltung im Rahmen der Reihe Ideologie der Verwaltung. Zur Kritik der Rationalisierung des Irrationalen des AK Gesellschaftskritik an der Universität Leipzig.

debüt eines lesekurses. hegels grundlinien der philosophie des rechts.

Di | 6. Mai 2014 | 19:00 Uhr | translib | Lütznerstraße 30/Götzstraße 7 | Leipzig

Debüt eines Lesekurses. Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts

Einführungs- und Vorbereitungstreffen

Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts verdanken ihre Prominenz weniger ihrer Lektüre, sondern vielmehr ihrer Kritik durch Karl Marx. Dieser, so will es die Überlieferung, habe Hegels Idealismus in materialistischer Absicht ‚vom Kopf auf die Füße gestellt’. Ob dieses Postulat, das sich landläufig mit der Denunziation Hegels als Apologeten des preußischen Obrigkeitsstaates verbindet, einer eingehenden Prüfung standhält, wird nur eine erschöpfende Untersuchung der hegelschen Rechtsphilosophie erweisen können.

Die Grundlinien erarbeiten den Begriff der modernen Welt ausgehend von Arbeit und Eigentum über die kapitalistische (Re-)Produktion bis zum geschichtlichen Wirken der Staatenkonkurrenz. Das Ziel dieses Unternehmens ist nicht allein empiristische oder subjektivistische Beobachtung, sondern das über derart beschränkte Hinsichten hinausgehende Wissen über das Wesen der Selbst-, Sozial- und Weltverhältnisse der modernen Welt.
Hegels Rechtsphilosophie erschließt den Zusammenhang der Institute der Welt (Arbeit und Eigentum, Moral, Familie, bürgerliche Gesellschaft, Souveränität, Weltgeschichte); sie ist eine bürgerliche Leistung, die Marx in kommunistischer Absicht fortbilden wollte, wie sein – später umgeformtes – Systemprogramm belegt: „Die ganze Scheiße soll zerfallen in 6 Bücher: 1.Vom Kapital. 2.Grundeigentum. 3.Lohnarbeit. 4.Staat. 5.Internationaler Handel. 6.Weltmarkt.“

Die Grundlinien sind jedoch weniger von kommunistischem Interesse, weil sie zur Vertiefung des Verständnisses der Marxschen Theorie beitragen. Sie sind vor allem von Interesse, weil sie um die sehr praktische Frage kreisen, die die Französische Revolution aufgeworfen hat: Wie die Ergebnisse der Emanzipation sichern und vervollkommnen?

Arbeitsaufwand/-weise:

Für die Teilnahme am Kurs sind keine besonderen Vorkenntnisse erforderlich, wohl aber einige Zeit und Muße und Ausdauer, sich den Text lesend, fragend und diskutierend zu erarbeiten.

Es ist schwer vorauszusagen, wie viele Sitzungen nötig sein werden, um Hegels Rechtsphilosophie und ihre Kritik durch Marx angemessen zu behandeln. Als Minimum darf man mit 25 Terminen à 2 Stunden rechnen; ein ähnlich hoher Zeitaufwand sollte für die vorbereitende Lektüre eingeplant werden.

Um den Zusammenhang und die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit festzuhalten, werden sämtliche Sitzungen protokolliert. Diese Aufgabe wird im Rotationsprinzip auf alle Teilnehmenden verteilt.

[http://translibleipzig.wordpress.com/]

kontroversen über gesellschaftstheorie.

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Do | 24. April 2014 | 18:30 Uhr | Conne Island | Koburger Str. 3 | Leipzig

Kontroversen über Gesellschaftstheorie
Diskussionsveranstaltung der Zeitschrift »PROKLA«

Am 24. April stellt die PROKLA zwei ihrer aktuellen Hefte vor. AutorInnen und Redakteure diskutieren gesellschaftstheoretische Kontroversen: Was bedeutet (kritische) Gesellschaftstheorie? Was sind zentrale Kontroversen und wo liegt ihre aktuelle Relevanz? Wie lässt sich der Zusammenhang verschiedener Herrschaftsverhältnisse gesellschaftstheoretisch denken – und welche Rolle spielen dabei gesellschaftstheoretische Überlegungen im Anschluss an Marx und den materialistischen Feminismus? Aktualitätsbezogen wird es dabei auch um die Frage gehen, welche Konsequenzen sich hieraus für das Verständnis der Krise, den Zusammenhang verschiedener Krisentendenzen zusammen und für politische Strategien ergeben.

Es diskutieren:

Julia Dück (Berlin)
Etienne Schneider (Wien)
Alex Demirovic (Frankfurt/Main)

Moderation: Christian Schmidt (Leipzig)

Die PROKLA publiziert seit 1971 zu Themen aus den Bereichen der Politischen Ökonomie, der Politik, Sozialgeschichte und Soziologie. Mehr Info zur PROKLA im Internet unter www.prokla.de

georg lukács‘ spätwerk. vorbereitungstreffen für einen lesekreis.

Do | 27. März 2014 | 19:00 Uhr | translib | Lütznerstraße 30 | Leipzig

Georg Lukács‘ Spätwerk

Vorbereitungstreffen für einen Lesekreis

Das bis heute wahrscheinlich bekannteste Werk von Georg Lukács (1885-1971) ist die 1923 erschienene Aufsatzsammlung „Geschichte und Klassenbewusstsein“, die zu Recht als „foundation text“ des westlichen Marxismus und verschiedener neomarxistischer Ableger bezeichnet wurde. Für Lukács selbst markierte dieses Werk nur eine frühe Etappe auf seinem „Weg zu Marx“, die er später hinter sich gelassen und für überwunden erklärt hat. Sein Verständnis der „marxistischen Dialektik“ war zu dieser Zeit noch vielfach von verschiedenen akademischen Theorien geprägt und überlagert, die seinen früheren intellektuellen Werdegang bestimmt haben, bevor er sich zu einem wissenschaftlich-kommunistischen Theoretiker entwickelte. Es gibt umfangreiche Arbeiten darüber, welchen Einfluss etwa die Soziologie Max Webers und Georg Simmels oder die Philosophie des Neukantianismus auf „Geschichte und Klassenbewusstsein“ hatten. In einem Vorwort von 1967 kritisierte Lukács ausführlich diese frühe Arbeit und bemängelte vor allem die Reduktion der Marxschen Theorie auf eine Gesellschaftslehre und die Ausklammerung der Natur, was zur schwerwiegenden Folge hatte, dass die Arbeit als Zentralkategorie des gesellschaftlichen Seins und Vermittlerin des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur unter den Tisch fiel. Zu erklären sind diese Mängel, die eine idealistische Schieflage nach sich ziehen, u.A. dadurch, dass in den 20er Jahren ein so wichtiger Text von Marx wie die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte von 1844 noch nicht vorlag. Diese Arbeit, und besonders die darin enthaltene Kritik der Philosophie Hegels, rezipierte Lukács erstmals 1930 als Mitarbeiter des Marx-Engels-Instituts in Moskau, was auf ihn, nach seinen eigenen Worten, einen “umwälzenden Eindruck“ machte und ihn in einen “begeisterten Rausch des Neuanfangens“ versetzte. Alle seine wichtigen Arbeiten, die danach erschienen, wie etwa „Der junge Hegel“ (1948), „Die Zerstörung der Vernunft“ (1954), „Die Eigenart des Ästhetischen“ (1963) oder „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ (postum erstmals vollständig 1984 auf deutsch erschienen) sind von diesem Eindruck geprägt und auf ein „Zurück zu Marx“ und eine „Renaissance des Marxismus“ (bzw. des Marxschen Theorie-Typus) gerichtet, sowohl gegen seine entstellende Revision im Westen, als auch gegen den stalinistischen Dogmatismus im Osten. Im Verhältnis zu der Aufmerksamkeit, die auch heute noch sein frühes Werk genießt, werden seine späteren Arbeiten nur wenig beachtet und insbesondere „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“, der bisher vielleicht bedeutsamste Versuch, die philosophischen Grundlagen der Marxschen Theorie nachzuzeichnen und als Lukács’ eigentliches Hauptwerk zugleich die Summe seines ganzen Lebenswerks, kaum gewürdigt.

Auf dem Vorbereitungstreffen wollen wir klären, an welchen Texten von Lukács ein Interesse besteht, dass sie kollektiv gelesen und diskutiert werden, und wie die Lektüre aufgebaut sein und ablaufen soll.

das kapital. einführungstreffen zum lesekurs.

Freitag | 21. März 2014 | 18:00 Uhr | translib | Lütznerstraße 30 | Leipzig

Das Kapital: Einführungstreffen zum Lesekurs

„Das Kapital“ von Karl Marx ist das furchtbarste Geschoss, das der Bourgeoisie bisher an den Kopf geschleudert worden ist. Das Studium dieses Werks können wir nicht an spezialisierte Chefdenker delegieren, die es für die herrschenden Ideologien in Beschlag nehmen und seines revolutionären Gehalts berauben. Soweit die Kritik der politischen Ökonomie überhaupt eine Klasse vertritt, kann diese Klasse nur das Proletariat sein. Damit diese Kritik als Waffe fungiert, muss sie sich also selbsttätig und kollektiv von uns als Proletarisierten angeeignet werden. Durch diese Aneignung können wir uns einen Begriff von der kapitalistischen Produktionsweise zum Zwecke ihrer revolutionäre Aufhebung bilden. Zur Vorbereitung einer solchen Aneignung wollen wir uns am Freitag, dem 21.03. 2014 um 18:00 Uhr in der translib treffen und besprechen, in welchem Modus und Turnus wir das „Das Kapital“ lesen werden.

[http://translibleipzig.wordpress.com/]

who cares? feministische ökonomiekritik in zeiten der krise.

Mo | 10. März 2014 | 19:00 Uhr | 2eK | Zweinaundorfer Straße 22 | Anger-Crottendorf | Leipzig

Who Cares? Feministische Ökonomiekritik in Zeiten der Krise.

Referentin: Anna Dohm, Berlin

In Zeiten einer massiven globalen Krise macht sich ein Wiederaufblühen feministischer Kapitalismuskritik bemerkbar. Kämpfe beispielsweise gegen Zwangsräumungen in Spanien, der Aufbau von selbstverwalteten Gesundheitszentren in Griechenland oder den Besetzungen von Theatern und Kinos in Italien verweisen darauf, dass sich die sozialen Kämpfe der letzten Krisenjahre neben den zahlreichen Generalstreiks und Streikbewegungen nicht allein um die Lohnarbeit drehen. Deutlich drehen sich die Kämpfe und das Fragen nach Emanzipation, um Belange jenseits entlohnter Arbeitsverhältnisse – in Bereichen der sozialen Reproduktion.

Damit aktualisiert sich ein altes feministisches Aufbegehren: die Frage nach dem tendenziell gesellschaftlich Unsichtbarem. Oder nach den vielen notwendigken ‘Kleinigkeiten’ des Alltags, die sich als Versorge-, Vorsorge-, Fürsorge-, Entsorge-, Besorge- und Umsorge-Arbeiten beschreiben lassen. Nicht zuletzt sind es die realen Fakten die unter Anderem darauf verweisen, dass mit zunehmenden Privatisierungsprozessen, wie beispielsweise in Griechenland durch die Krisenmaßnahmen der Troika, der Anteil an unentlohnten Pflege- und Sorgearbeiten in den Familien massiv ansteigt.

Wer macht all diese vielleicht banal erscheinenden aber so gesellschaftlich wichtigen Arbeiten? Und unter welchen Bedingungen werden sie verrichtet? Hat die Krise ein Geschlecht? Diesen Fragen wollen wir uns am 10. März gemeinsam widmen nicht zuletzt um zu fragen: Was hat das mit unserem eigenen Leben und unserem politischen Aktivismus zu tun?

der behemoth in den naturwissenschaften. über nationalsozialistische wissenschaftspolitik und -ideologie.

Mittwoch | 22. Januar | 19 Uhr | Uni Jena | Hörsaal 7 | Carl Zeiss Str. 3

Der Behemoth in den Naturwissenschaften. Über nationalsozialistische Wissenschaftspolitik und -ideologie

Malte Stoecken

Die Machtübernahme der NSDAP 1933 bedeutete eine Zäsur in der Organisation der naturwissenschaftlichen Forschung. In den ersten Jahren des Nationalsozialismus war die Wissenschaftspolitik eng mit der Person Johannes Stark verbunden, der als einer der Initiatoren und Hauptvertreter der sog. „Deutschen Physik“ gilt. Das wissenschaftspolitische Programm der Deutschen Physik forderte eine auf Fleiß, Geduldsamkeit und praktischen Experimenten aufbauende Wissenschaft und richtete sich explizit gegen die sich neu etablierende theoretische Physik im Zuge der Erkenntnisse Einsteins und Heisenbergs seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts.

Der Feldzug der Vertreter der Deutschen Physik gegen neue wissenschaftliche Denkstile wie der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik speiste sich aus einer antisemitischen Weltanschauung und bediente sich derer Sujets und Ressentiments. So wurden die theoretische Physik als kosmopolitische Wissenschaft abgelehnt, ihre Methoden als unverständliche Gedankenexperimente bemängelt und deren Erkenntnisse als unsicher, abstrakt und unbestimmt klassifiziert – das was in der antisemtischen Weltanschauung als „jüdisch“ galt, wurde auf die moderne Wissenschaft transportiert.

Wie in dem Vortrag gezeigt werden soll, stand diese nach vermeintlich rassischen Kategorien organsierte Wissenschaft im Zuge der Deutschen Physik diametral zu den zeitgleich entstandenen Wissenschaftskonzepten im angloamerikanischen Raum, die unter den Postulaten „Universalismus“ und „Kommunitarismus“ eine internationale Wissenschaft unabhängig von Ethnie, Nationalität, Religion, sozialem Stand und persönlicher Eigenschaften entworfen wurden. Da die Deutsche Wissenschaft dagegen ihr Programm nicht Anhand von Argumenten und wissenschaftlichem Austausch, sondern mit Angriffen auf Vertreter anderer Denkstile durchsetzte, soll diskutiert werden, ob sich das deutsche Wissenschaftssystem zu einem im Neumannschen Sinne „Behemoth“ transformierte, in eine „Herrschaft der Gesetzlosigkeit und Anarchie, welche die Rechte wie die Würde des Menschen ‚verschlungen‘ hat und dabei ist, die Welt durch die Obergewalt über riesige Landmassen in ein Chaos zu verwandeln“.

[Arbeitskreis Kritische Theorie der Naturwissenschaften. Studentische Initiative an der FSU und FH Jena]

marxistische akzente in der wissenschaftsgeschichtsschreibung der ddr. boris hessen, john d. bernal und die folgen.

Mittwoch | 15. Januar 2014 | 19 Uhr | Uni Jena | Hörsaal 7 | Carl Zeiss Str. 3

Marxistische Akzente in der Wissenschaftsgeschichtsschreibung der DDR – Boris Hessen, John D. Bernal und die Folgen.

Hubert Laitko

Der Auftritt der von N. Bucharin geleiteten sowjetischen Delegation auf dem II. Internationalen Kongress für Wissenschaftsgeschichte in London 1931, insbesondere der Vortrag des Physikers und Physikhistorikers B. Hessen über die sozialen und ökonomischen Wurzeln der Principia Mathematica Isaac Newtons, fand unter britischen Wissenschaftlern ein ungewöhnlich starkes Echo. Während sowohl Hessen als auch Bucharin schon wenige Jahre später dem stalinistischen Terror zum Opfer fielen, entwickelte sich im Umkreis der linksorientierten Social Relations of Science Movement im England der 1930er Jahre (Bernal, Crowther, Haldane, Needham u. a.) ein von der marxistischen Geschichtsauffassung inspiriertes Bild von der Wissenschaft und ihrer Evolution als Moment der Gesellschaftsgeschichte. Dieses Bild fand seinen programmatischen Ausdruck in den Büchern The social function of science (1939) und Science in history (1954) aus der Feder des Kristallographen und Wissenschaftshistorikers J. D. Bernal. Die 1961 in Berlin erschienene musterhafte deutsche Übersetzung des letztgenannten Werkes war jenes Medium, das das dem marxistischen Denken immanente Anregungspotenzial für die wissenschaftshistorische Lehre und Forschung in der DDR am kompaktesten erschloss. Es bildete eine Art Leitfaden für die Marxismus-Rezeption auf diesem Arbeitsgebiet, die natürlich auch auf zahlreiche weitere Quellen zurückgriff. Der Vortrag skizziert direkte und indirekte Folgen, stellt einige herausragende Vertreter der frühen Wissenschaftsgeschichtsforschung in der DDR (Gerhard Harig, Alexander Mette, Friedrich Herneck, Hans Wußing, Ilse Jahn, Conrad Grau, Gisela Buchheim, Rolf Sonnemann u. a.) vor und gibt eine kurze Übersicht über die institutionelle Situation des Fachgebiets bis 1990.

Eine Veranstaltung des Arbeitskreises Kritische Theorie der Naturwissenschaften Jena.