Tag-Archiv für 'islam'

Nothing Left to Lose. Die Linke nach 9/11.

Donnerstag, 10. November, 19:00 Uhr, Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue und Jan-Georg Gerber

Nach dem 11. September 2001 kam es innerhalb der Linken zu eigenartigen Koalitionen: War es von den traditionellen Freun­den des antiimperialistischen Befreiungskampfes nicht anders zu erwarten, dass sie die Anschläge von New York begrüßten, verwunderte es auf den ersten Blick schon, dass auch poststrukturalistische Feministinnen, Queer- und Gender-Aktivisten plötzlich besonderes Verständnis für den Islam zeigten. Immerhin waren im Kontext der Attentate auch die repressiven Züge des Islam, der Verschleierungszwang, die Herrschaft der Scharia, Ehrenmorde usw. in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Freun­de Israels und des amerikanischen Engagements in Afghanistan und im Irak erhielten bei ihren Versuchen, die große antiamerikanische und israelfeindliche Einheitsfront – von Kanzler Schröder über die deutschen Anhänger Judith Butlers bis zur NPD – zu stören, die sich in dieser Zeit Geltung verschaffte, plötzlich Unterstützung von Bewegungslinken, die wenige Monate zuvor noch Neonaziaufmärsche verhindert und zu den Antiglobalisierungsprotesten nach Prag, Genua oder Kopenhagen mobilisiert hatten. Während die antideutschen Antifagruppen, die im Nachgang von 9/11 und im Zuge des Irakkrieges entstanden, inzwischen schon wieder Geschichte sind, ist sowohl der antiisraelische Furor der Mehrheitslinken als auch die Faszination, die der Islam auf poststrukturalistische Genderaktivisten ausübt, noch immer ungebrochen. Die Referenten werden einerseits ausführen, warum gerade Judith Butler und Co. eine solche Begeisterung für den Islam entfalten. Andererseits soll der Frage nach den Ursachen des schnellen Aufstiegs und des ebenso schnellen Verschwindens »antideutscher Bewegungspolitik« nachgegangen werden.

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura der Uni Halle.

Arabischer Nationalismus, Islam und die Auslandspropaganda der Nationalsozialisten.

Mittwoch, 29.06.2011 – 18.30 – Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Vortrag von Vera Henßler (Berlin) mit einer Einführung von Hannes Bode (Halle)

Vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges herrschte bei den für die Auslandspropaganda zuständigen NS-Ämtern bezüglich einer Propaganda in die „arabische Welt“ starke Zurückhaltung. Grund dafür war die nationalsozialistische Außen- bzw. Bündnispolitik, so stand z.B. die enge Verbindung mit der Kolonialmacht Italien einer Einbindung nationalistischer und gegen die Kolonialmächte gerichteter Bewegungen im Nahen Ostens entgegen.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden neue Voraussetzungen geschaffen, die deutsche Propagandastrategie änderte sich, und der Nahe Osten wurde zunehmend Ziel einer vor allem antisemitischen, nationalistischen Propaganda. Im Mittelpunkt stand die Propagierung einer „jüdischen Weltverschwörung“, die sich sowohl gegen Deutsche als auch gegen (arabische) Muslime richte. Die zeitgenössischen nationalistischen Diskurse wurden dabei geschickt und mit Hilfe orientalistischer und islamwissenschaftlicher Expertise mit religiösen Traditionen verknüpft, arabische Nationalisten wie Amin el-Husseini, der “Mufti von Jerusalem”, wurden in die Propagandaarbeit mit eingebunden.

In der Einführung wird die Genese des arabischen Nationalismus, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch im Nahen Osten zur mächtigen Ideologie geworden war, und der deutsche Einfluss während des Ersten Weltkrieges beleuchtet werden. Im Vortrag der Historikerin Vera Henßler geht es dann um die Entwicklung der deutschen Propaganda in den arabischen Raum im Zusammenhang mit Kriegsstrategie und Außenpolitik der Nationalsozialisten sowie die Funktion des Antisemitismus und dessen Verknüpfung mit anderen Ideologemen in diesem Kontext.

Infos: http://www.aktualitaet.tk

(via critique aujourd‘hui)

Zum Vortrag „Der gefesselte Odysseus. Über die Dialektik der Aufklärung im Islam“ von Thomas Maul.

Von Dialektik war im Vortrag nicht die Rede. Von Aufklärung auch nicht. Vom Islam dagegen schon. Insofern wurde das im Titel angekündigte Vorhaben verfehlt. Maul wollte seine Islamkritik nicht als Subgenre von Religionskritik verstanden wissen, sondern als Subgenre des Antifaschismus und des Feminismus. Zu den Quellen von Mauls Islamverständnis kann hier aufgrund mangelnden Sachverstandes in dieser Hinsicht nichts weiter ausgeführt werden. Maul führte dazu aus, dass Ghazali, auf den er sich hauptsächlich stützt, ein liberaleres Islamverständnis hätte, als heute maßgebliche islamische Theologen. Nicht erwähnt wurde aber beispielsweise, dass dieser ein mittelalterliche islamischer Theologe war. Dies allein spricht aber schon dagegen, von einer Dialektik der Aufklärung im Islam zu sprechen. Die bei Maul insgesamt betriebene, ahistorische Essentialisierung des Islams als monolithischem Block, unter den dann alle Individuen gewaltsam subsumiert werden, die in dem von dieser Religion geprägten Raum leben, hat mit einer kritisch-dialektischen Darstellung nicht das geringste zu tun und wird sehr gut im Text „Essentialistische Märchenstunde“ kritisiert.
Maul charakterisierte den Islam als eine gegenüber dem Judentum und dem Christentum minderwertige Religion. Dies begründete er u.a. mit der spezifischen Jenseits- bzw. Paradiesvorstellung des Islam und mit der Rechtspraxis der Scharia. Die christliche Kirche hätte dagegen das römische Recht aufbewahrt, wodurch die christlich-kirchliche Rechtsprechung fortschrittlicher als die der feudalen, weltlichen Herrscher gewesen sei, und welches sodann zur Herausbildung des bürgerlichen Rechts beigetragen hätte. Die Ringparabel bezeichnete Maul in diesem Zusammenhang als Notlüge bedrängter Juden. Eine dialektische bzw. materialistische oder auch kritische Sichtweise müsste die historische Entwicklung der jeweiligen Religionen im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen im einzelnen rekonstruieren, statt eine solche Dichotomie zwischen christlicher und jüdischer Religion auf der einen und islamischer Religion auf der anderen Seite herzustellen.
Den Islamismus erklärte Maul durch ökonomische Krisenerscheinungen in der gegenwärtigen islamischen Welt. Das von ihm postulierte, islamische, patriarchale, phallozentrische Modell gerät ihm Zufolge dadurch in eine Krise. Die Triebabfuhr wäre dadurch nicht mehr gewährleistet, dass die islamischen Männer ihre patriarchale Rolle als Versorger nicht mehr übernehmen könnten und somit keine Frau dafür zur Verfügung hätten. Daher müsste nun die Verhüllung und Bedeckung alles sexuell Aufreizenden bei der islamischen Frau um so rigider erfolgen. An dieser Stelle wäre zu Fragen, wie denn dann der Rückgang islamistischer Bewegungen und die Entstehung und die starke Ausbreitung der Demokratiebewegung zu erklären wäre. Aber von Dialektik war ja nicht die Rede.
Immerhin wollte Maul den Islamismus noch von dem Islam an sich unterscheiden, wobei er in der Diskussion, bei der einige Zuhörer dafür kein Verständnis aufbringen wollten, sich fast dazu veranlasst fühlte auch diesen Unterschied noch fallen zu lassen.
Bei einigen anderen Fragen, die einer Dialektik der Aufklärung des Islams vielleicht etwas näher zu kommen versuchten, waren die Antworten Mauls sehr bescheiden. So bei der Frage danach, wie er den die Auffassung sähe, dass der Islam für eine längere Zeit toleranter, z.b. gegenüber Juden und Homosexuellen oder aber auch in Bezug auf Wissenschaft und Philosophie, war, als das damalige christliche Abendland. Hierbei wäre eine dialektische Betrachtung, ähnlich der Dialektik der Aufklärung in Europa, sicherlich angebracht. Darüber wusste Maul aber nicht viel zu sagen. Ähnlich wenig wusste er auf die Frage zu sagen, wie denn die von Marx beschriebene Freisetzung der Einzelnen von Sippe und Patriarchat, d.h. persönlichen Herrschaftsverhältnissen, im Zuge der Herausbildung des Kapitalismus, im islamischen Raum zu sehen sei. Auch hier wäre wieder auf die historisch und materialistisch spezifischen Bedingungen und Entwicklungen in diesem Raum in dialektischer Art und Weise einzugehen, z.b. darauf dass eine ursprüngliche Akkumulation und eine Industrialisierung, wie in Europa, im islamisch geprägten Raum nicht stattgefunden hat, und dass dort stattdessen u.a. teilweise koloniale Verhältnisse herrschten. Das heißt, eine Dialektik der Aufklärung des Islams, wäre durchaus eine lohnenswerte Angelegenheit. Sie wäre aber etwas vollkommen anderes, als das, was Thomas Maul unter dieser Überschrift betreibt.

Der gefesselte Odysseus. Über die Dialektik der Aufklärung im Islam.

Mittwoch, 15. Juni 2011, 19:00 Uhr, Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Vortrag von Thomas Maul (Berlin)

Seit dem 11. September 2001 wird in der westlichen Öffentlichkeit die Frage diskutiert, was der Islam mit dem weltweit agierenden Suizid- und Tugendterror zu tun hat, der in seinem Namen zuvörderst gegen Juden, Frauen und Homosexuelle sich richtet. In Thomas Mauls kritischer Analyse des klassisch-schariatischen Geschlechterverhältnisses und der ihm entsprechenden Sexualpolitik im Spannungsfeld von Religion (Eschatologie, Ritualpraxis) und Gesellschaft (Patriarchalismus, orientalische Despotie, Djihad-Doktrin) erweist sich die Gemeinschaft der Gläubigen (Umma) als wesenhaft durch einen Phallozentrismus konstituiert, der in der Moderne notwendig in die Krise gerät. Die gegenwärtige barbarische Gewalt des Kollektivs ist damit nichts anderes denn eine anachronistisch-pathologische Verteidigung der im Verfall begriffenenTradition und gilt in letzter Instanz immer dem (sexuell) selbstbestimmten Individuum.

Thomas Maul ist Autor der Bücher »Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger« (2006) und »Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus« (2010).

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura der Uni Halle.

Kritik und Ressentiment

Zum Stand der Debatte um den Islam

01.12.2010, 19:00 Uhr, Conne Island

Eine Veranstaltung der Phase 2 mit dem Antifaschistischen Frauenblock Leipzig (AFBL) und dem Antisexismusbündnis Berlin (ASBB)

„Auf ins Minenfeld“, forderte die Phase 2 2008 in einem Debattenbeitrag zur Antifa-Konferenz des Anti-Islamisierungskongresses in Köln. Damit war gemeint, sich den Schwierigkeiten eines Diskurses, der sowohl eine fortschrittliche politische Kritik des Islam als auch ressentimentgeladene Auslassungen gegen das Fremde und Andere in sich vereint, nicht auszuweichen, sondern sich ihnen offensiv zu stellen. Eine zentraler Rolle in der Debatte – sowohl in einer bürgerlichen Öffentlichkeit als auch in der Linken – spielte die Kritik des islamischen Geschlechterverhältnisses, also der Unterdrückung von Frauen und einer regressiven Sexualmoral. Eine feministische Positionierung zum Islam lag demnach nahe. Wie das allerdings genau zu geschehen hätte, war keinesfalls klar. Die Kritik des Islam, so das ASBB in einem Debattenbeitrag in der Phase 2 birgt die Gefahr der rassistischen Stereotypisierung und die Vernachlässigung der Verhältnisse vor der eigenen Haustür. Für den AFBL hingegen erwächst die Islamkritik gerade aus einem dezidiert feministischen und antisexistischen Selbstverständnis. Um die Begriffe des Rassismus und der feministischen Positionierung gegenüber dem Islam sowie ihr Verhältnis zu präzisieren, lädt die Phase 2 zu einer Diskussionsveranstaltung um den aktuellen Stand der linken Debatte um den Islam ein.

Die Dialektik der Aufklärung im Iran: Vernunft gegen Mythos?

EDIT: DER VORTRAG MUSS LEIDER AUSFALLEN UND WIRD VORAUSSICHTLICH IM WINTERSEMESTER STATTFINDEN.

xx.xx.2010 – 18.30 – Melanchthonianum, Uniplatz, Halle/Saale

In seinem Schlussvortrag richtet Dr. Esfandiar Tabari den Blick auf den Iran: „Durch Verstaatlichung der Religion sind dort die religiösen Traditionen und sogar die von der Religion unterstützten moralischen Normen im Iran in den Definitionsbereich des Staates und des Gesetzes gewandert. Damit haben diese ihren moralischen Wert in der bürgerlichen Religion verloren. Doch das Projekt „religiöse Person“ der islamischen Regierung im Iran, als Ersatz der ethischen und bürgerlichen Person, ist gescheitert – im Inneren der Gesellschaft entfaltet sich eine praktische Vernunft auf den Grundsätzen der universalistischen Moral. Kann diese praktische Vernunft instrumentalisiert und mythologisiert werden, wie in der „Dialektik der Aufklärung“ beschrieben? Nein, wenn sie zur Säkularisierung führt und die politisch-gesellschaftliche Identität einer aufgeklärten Gesellschaft widerspiegelt. Ja, wenn sie zu individuellem Selbstschutz, Selbsterhaltung und Selbstbehauptung eines aufgeklärten Intellektualismus dient. Beide Tendenzen sind in der aktuellen iranischen Bewegung (grüne Bewegung) vorhanden und werden im Vortrag thematisiert. Es wird festgestellt, dass die Frage nach der Aufklärung im Iran nicht mit der Frage nach einem aufgeklärten Islam gleichgesetzt werden kann und darf. Vielmehr muss die religiöse Aufklärung als Folge einer gesellschaftlichen Aufklärung im Kontext der Herausbildung einer moralischen Autonomie verstanden werden.“

Eine Veranstaltung im Rahmen von: Tradition oder Moderne? Die Aktualität der Aufklärung im ‚Nahen Osten‘
Veranstaltungsreihe an der Universität Halle. Koordiniert vom AK Kritische Intervention im Rahmen des Alternativen Vorlesungsverzeichnisses an der Universität Halle.

Dienstag: Nouri Bouzids “Making of – Kamikaze”

Di, 29.06.2010 – 21.00 – Kino Zazie (Kleine Ulrichstr.)

Autoreflexiver Spielfilm über Jugend, Individualität und den (selbst-)mörderischen Islamismus im Maghreb (35 mm, OmU)

Filme, die dem Zuschauer in 90 Minuten eine Lösung dafür anbieten wollten, warum junge Menschen zu Selbstmordattentätern werden, hatten in den letzten Jahren Konjunktur. Der streitbare tunesische Regisseur Nouri Bouzid überführt sie mit seinem Meisterwerk „Making Off – Kamikaze“ der Lüge. Seine Geschichte über einen jugendlichen Tänzer und die zerstörerische Kraft des Islamismus ist nicht Spielfilm, sondern Fabel; Schauspieler, Filmfiguren und Regisseur verweigern sich den Konventionen. Die Folie für die Handlung ist die komplexe gesellschaftliche Realität in Nordafrika, die schlechte wirtschaftliche Situation, Stagnation, Mangel an Freiräumen, Polizeigewalt, und der bei vielen immer präsente und doch nahezu unerfüllbare Wunsch eines Eindringens in die nahe ‚Festung Europa’.

Ich will meine Vision des Islam zeigen, meine Kritik des Islam zeigen, als säkularer Muslim. […] Die Rationalität der Leute wird vom Sakralen unterdrückt.

Nouri Bouzid

Kartago Filmfestival 2007 (Tunesien):Bester Film, bester Schauspieler, beste Schauspielerin

Tribeca Filmfestival 2007 (New York):Bestes Drehbuch, bester Schauspieler

FESPACO 2007 (Burkina Faso):Preis der COE und bester Schauspieler

Eine Veranstaltung im Rahmen von: Tradition oder Moderne? Die Aktualität der Aufklärung im ‚Nahen Osten‘
Veranstaltungsreihe an der Universität Halle. Koordiniert vom AK Kritische Intervention im Rahmen des Alternativen Vorlesungsverzeichnisses an der Universität Halle.

Gibt es eine arabo-islamische Öffentlichkeit?

Dan Diners Thesen zur fatalen Bedeutung des um mehrere Jahrhunderte verspäteten arabischen Buch- und Zeitungsdrucks mögen viele ebenso im Kopf haben wie die Beobachtung, dass im ‚Nahen Osten‘ von einer tatsächlich ‚freien Presse‘ und schließlich von einer bürgerlichen ‚Öffentlichkeit‘ keine Rede sein kann. Aufklärung als Epoche ihrer Ideen, als grundlegender ‚Wahrnehmungswandel’, kann nicht ohne Verweis auf Herausbildung frühkapitalistischer Strukturen und eines modernen Verwaltungsstaats oder die Auflösung der einheitlichen Kirche analysiert werden. Eine „grundlegende Voraussetzung des Weltbildwandels breiterer Schichten“ bestand zudem „in einer neuen Formierung der Öffentlichkeit“.[1] Der Vortrag von Hannes Bode wird unter Berücksichtigung der Aneignung moderner Kommunikationsmittel und der Schwäche der Regime die Frage beantworten, ob es eine ‚Öffentlichkeit‘ im ‚Nahen Osten‘ gibt, und ihre Bedeutung für aufklärerische Prozesse von Kritik und Individualisierung betrachten.

[1] Meyer, Annette: Die Epoche der Aufklärung, Berlin 2010, S. 12.

Do, 24.06.2010 – 18.30 – Mel, HS XVIII

Bürger und Öffentlichkeit. Warum Habermas und Marx mehr mit der arabo-islamischen Neuzeit zu tun haben, als die eurozentrische Geschichtsschreibung verrät

Vortrag von Hannes Bode

Habermas’ Thesen zum “Strukturwandel der Öffentlichkeit” in der Frühen Neuzeit sind längst Allgemeingut, der Bürger, die Öffentlichkeit, das räsonnierende Publikum sind Schlüsselbegriffe der Geschichtswissenschaft. Doch handelt es sich hier um spezifisch europäische Strukturmerkmale der Moderne? Oder kann man vielmehr das dominante Muster von dynamischem Norden und statischem Süden, von Fortschritt hier und Niedergang dort grundsätzlich in Frage stellen, wenn man einen Blick auf die Entwicklungen in Kairo oder Damaskus wirft, der die Quellen nicht dekontextualisiert, sondern vielmehr in ihren historischen und sozialen Kontexten wahrnimmt? Ein materialistischer, die sozialen Hintergründe fokussierender Zugang erlaubt die Frage, ob nicht Marx sehr viel mehr zum Verständnis der arabo-islamischen Neuzeit beitragen kann, als Gelehrtenbiographien und die Sammlung der Sahih-Hadithe des Propheten. Man kann, so soll vorerst behauptet werden, mit Blick auf Kairo oder Damaskus von einer Vorwegnahme der ‘bürgerlichen Gesellschaft’ sprechen, die in Marx’ Worten “seit dem 16. Jahrhundert sich vorbereitete und im 18. Riesenschritte zu ihrer Reife machte” und in der “der einzelne losgelöst von den Naturbanden usw., die ihn in frühren Geschichtsepochen zum Zubehör eines bestimmten, begrenzten menschlichen Konglomerats machen”, erscheint. Habermas’ Salons und Kaffeehäuser haben – ebenso wie die Arkanwelten der Freimaurer – mehr mit der Frühen Neuzeit im Nahen Osten zu tun, als man glauben mag. Ein Plädoyer für das Hinterfragen liebgewonnener historischer Narrative versucht Hannes Bode in seinem Vortrag.

Eine Veranstaltung im Rahmen von: Tradition oder Moderne? Die Aktualität der Aufklärung im ‚Nahen Osten‘
Veranstaltungsreihe an der Universität Halle. Koordiniert vom AK Kritische Intervention im Rahmen des Alternativen Vorlesungsverzeichnisses an der Universität Halle.