Tag-Archiv für 'ag-antifa'

von der zerstörung der vernunft ereilt. zum scheitern antideutscher kritik.

Von der Zerstörung der Vernunft ereilt. Zum Scheitern antideutscher Kritik.

Eines erstaunlichen Erlebnisses konnte teilhaftig werden, wer sich zu Clemens Nachtmanns Vortrag „Vergangenheitsbewältigung als Eingriffsermächtigung – Über Israelfreundschaft als deutsche Staatsräson“ am 15. Juli 2014 in Halle begab. Es waren nicht viele.
Es wurde hier eine weitgehende Revision dessen, was bisher als antideutsche Kritik bekannt war, bekanntgegeben. Im Jahre 2009 wurde zunächst, anlässlich einer Konferenz der Zeitschrift Bahamas, offiziell die Bezeichnung antideutsch entsorgt, nun wurden grundlegende Vorstellungen des einst damit verbundenen Konzeptes verabschiedet, dafür soll aber die Bezeichnung antideutsch als Identitätsemblem in veränderter Form wieder oder weiterhin, das wird nicht so recht klar, von kritischer Gültigkeit sein. Den Ausgangspunkt stellte die These dar, dass sich die deutsche Ideologie nunmehr zu einer Europaideologie bzw. zu einer Ideologie des Supranationalen verallgemeinert hätte. Dies sei geschehen durch eine ideologischen Kulturalisierung, auf Grundlage einer Selbstverleugnung der bürgerlichen Gesellschaft als ihrer Basisideologie. Als zu kritisierende Thesen wurden sodann die These der Singularität des Holocaust sowie die These vom deutschen Sonderweg präsentiert. Die Singularitätsthese verfiel der Kritik dadurch, dass aus ihr politisches Kapital und moralischer Mehrwert geschlagen werde. Die Aufarbeitung der Vergangenheit diente demnach vor allem dazu Deutschland zu rehabilitieren und einen moralischen Gewinn zu erzielen, der als Lehre aus der Geschichte zu moralischem Größenwahn und letztlich einem moralischen Antisemitismus führte, so dass die Massenvernichtung der europäischen Juden schließlich als Titel für ein Eingriffsrecht dienen solle. Der Ursprung der Singularitätsthese wurde bei Habermas verortet. Die Massenvernichtung der europäischen Juden wäre nun in ihrer Singularität und als universale Tatsache zugleich aufzufassen. Die Begriffe Postfaschismus bzw. Postnazismus seien auf die internationale Konstellation zu beziehen. Ihnen wesentlich sei die ideologische Bearbeitung der Kontinuität in der Diskontinuität. Die Sonderwegsthese würde sich als kritikwürdig dadurch erweisen, dass hier die Kategorien des Besonderen und des Allgemeinen auf unheilvolle Art politisiert würden. Deutschland würde dabei als Sonderfall bürgerlicher Vergesellschaftung, als Abweichung von der bürgerlich-kapitalistischen Norm, betrachtet. Dies müsse als ein politisierender Antiimperialismus gegen Deutschland gesehen werden. Das Label Antideutsch werde zum Identitätsausweis, der darin zum Ausdruck käme, dass an Deutschland unbedingt etwas gefunden werden müsse, was die deutsche Besonderheit untermauert. Die Annahme einer deutschen Wertvergesellschaftung als singulär, die sich in allen ihren Äußerungen identisch durchhält, würde zu einer affirmativen Theorie, dessen was deutsch ist, als einer Identitätsfindung, gerinnen. Materialistische Kritik hätte dagegen die Frage: „Was deutsch ist?“ schon in ihren Grundlagen zu destruieren. Am Ende stand dann aber im Gegensatz zu dem vorher gesagten doch wieder eine neue Bestimmung dessen, was nunmehr als deutsch zu verstehen sei: die freiwillige Selbstopferung, das sich widerstrebend in etwas Unvermeidliches schicken. So lange Staat und Kapital nicht abgeschafft seien, bliebe antideutsche Kritik daher aktuell.
Es kann sich des Eindruckes nicht ganz erwehrt werden, dass sich hier eine Unzulänglichkeit antideutscher Kritik offenbart, die von Anfang an in ihr selbst angelegt war. Diese Unzulänglichkeit, die nun auf Georg Lukacs zurückgeführt wird, indem er mit »Die Zerstörung der Vernunft« als Urheber der These des deutschen Sonderwegs dargestellt wurde, scheint tatsächlich vielmehr in einer Verwirrung hinsichtlich der Kategorien des Besonderen und des Allgemeinen in der antideutschen Kritik selbst zu liegen. Einige Grundkenntnisse dialektischer Philosophie, z.B. derjenigen Hegels, Marx‘ oder Adornos, hätten darauf hinweisen können, dass das Allgemeine immer nur in Gestalt des Besonderen erscheint und nur als Konkretion der Abstraktion vom Besonderen überhaupt zugänglich ist. Es liegt hier ein exemplarisches Beispiel dafür vor, was unter Dialektik zu verstehen wäre: die gegensätzlichen Kategorien des Besonderen und des Allgemeinen sind derart konstitutiv aufeinander bezogen, dass sie jeweils als Sinnesimplikat im anderen enthalten sind. Der historische Materialismus, den Marx in kritischem Anschluss an Hegel und Feuerbach begründete, geht daher davon aus, dass die jeweils spezifischen historischen Bedingungen betrachtet werden müssen, damit bestimmte politische Erscheinungen begriffen werden können. Da das Allgemeine also nur im jeweils Besonderen aufgefunden werden kann, stellt insofern jede wie auch immer räumlich begrenzte Entwicklung einen Sonderweg dar. Es war daher schon immer richtig und zugleich irreführend und ideologisch, von einem deutschen Sonderweg auszugehen, da für jeden Nationalstaat oder jede Region ein spezifischer Sonderweg festgestellt werden kann, auf dem sich die jeweils besondere Gestalt des Allgemeinen durchsetzt. Die Spezifik der deutschen Entwicklung ist, wie jede andere, historisch-materialistisch zu erklären, nicht durch metaphysische Wesensbestimmungen. Sie ist damit nicht gleich jeder anderen besonderen Entwicklung, sondern in ihrer besonderen Ausprägung des Allgemeinen, die damit überhaupt nicht in Abrede gestellt wird, erst zu erfassen. Der Versuch der kritischen Anwendung identitärer Vorstellungen, wie sie nationale und kulturelle nun einmal sind, war von vornherein ideologisch und dem Gegenstand nicht angemessen. Dieses theoretische Defizit zeigt sich unter anderem darin, dass immer wieder unklar wird, was das spezifisch deutsche Besondere nun eigentlich sein soll und was dagegen das bürgerlich-kapitalistische Allgemeine oder Normale sein soll, d.h. welche Identität gerade zu verteidigen und welche gerade abzulehnen ist. Solcherart identitäre Vorstellungen müssen in Folge dessen immer wieder aktualisiert und den sich verändernden politischen Verhältnissen angepasst werden. Die antideutsche Kritik saß damit von vornherein negativ ideologischen, metaphysischen Wesensbestimmungen auf, wie nun durch die Revision grundlegender Vorstellungen implizit eingestanden wird.
Diese ganze Entwicklung ist auch deswegen äußerst seltsam, weil die polemische Verwendung der Bezeichnung deutsch, die es ja durchaus gab, u.a. bei Marx und Adorno, anscheinend nicht als solche verstanden wurde, sondern sie als substanzieller Begriff für etwas verwendet wurde, was keine Substanz hat, sondern Ideologie ist.
Die Anhänger antideutscher Kritik schienen zunächst etwas verwirrt und stellten dann zögernd und scheinbar mit etwas ungläubigem Staunen einige Nachfragen, um sich dessen zu versichern, was sie da gehört hatten. Die erste Nachfrage ging denn auch dahin, wie es denn dazu kommen konnte, dass sich die deutsche Ideologie nun verallgemeinert habe und wie denn in anderen Ländern die Lehre aus der Geschichte ebenfalls derart gezogen werden könne, wie es von Nachtmann für Deutschland beschrieben wurde. Eine Anmerkung zielte darauf ab, die Sonderwegsthese zumindest für die 1990er und 2000er Jahre insofern als berechtigt zu verteidigen, dass damit dem Hang entgegen getreten wurde, die deutsche Entwicklung der allgemeinen kapitalistischen Sauerei unterzuordnen. Die dritte Nachfrage bezog sich darauf, ob nicht ein Widerspruch in der These des Kulturalismus zu sehen sei, insofern darin einerseits von einer Auflösung von Kultur in einen Karneval der Kulturen die Rede ist, andererseits zugleich aber von einer Überlegenheit der europäischen im Gegensatz etwa zur amerikanischen Kultur. Die Antwort auf letzteres beinhaltete, dass hierin die Unlogik des Postmodernismus zum Ausdruck käme.
Diese ganze seltsame Entwicklung zeigt sehr deutlich, dass, wenn es darum geht, gesellschaftliche Entwicklungen zu begreifen und zu kritisieren, nichts darum herum führt, die jeweiligen historischen gesellschaftlichen Bedingungen und ihre ideologische Verarbeitung zu betrachten, d.h. zu betrachten, wie sich jeweils das Allgemeine in seiner besonderen Gestalt darstellt. Das abstrakte gesellschaftliche Allgemeine ist in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften die Ware Arbeitskraft oder, da diese die Substanz des Wertes ist, der Wert. Dieses allgemeine Verhältnis setzt sich in verschiedenen gesellschaftlichen Konstellationen auf je besondere Weise durch und wird immer nur in dieser jeweils besonderen Ausprägung sichtbar. Das Allgemeine, was sich durch die besonderen Erscheinungen durchsetzt, kann nur sichtbar gemacht werden indem dadurch vom Besonderen abstrahiert wird, dass es auf Begriffe gebracht wird, und diese Begriffe in eine solche Anordnung zueinander gebracht werden, dass das Allgemeine als ein Konkretes dargestellt werden kann. Da das konkrete gesellschaftliche Allgemeine der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verschiedene Widersprüche in sich enthält, die in diesem Verhältnis nicht zu lösen sind, u.a. den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital und den damit verschränkten Widerspruch zwischen Natur und Kapital, entstehen notwendig immer wieder krisenhafte ökonomische Einbrüche, die soziale Folgen hervorrufen, von denen Menschen betroffen werden. Die von krisenhaften Zuständen betroffenen Menschen verarbeiten diese Situationen häufig auf eine mehr oder weniger ideologische Weise. Die Ausprägung der ideologischen Verarbeitungsweise krisenhafter gesellschaftlicher Prozesse hängt von verschiedenen räumlichen, politischen, gesellschaftlichen, kulturellen, historischen Bedingungen ab, die in ihrer jeweiligen Konstellation betrachtet werden müssen, um sie in ihrer jeweiligen Spezifik begreifen zu können. Erst unter dieser Voraussetzung wird es überhaupt möglich sein, diesen Ideologiebildungen kritisch entgegenwirken zu können.
Es ist dazu tatsächlich eine historisch-materialistische Kritik notwendig. Durch metaphysische Wesensbestimmungen, die sich als wesentliches Merkmal antideutscher Kritik zeigen, werden ideologische Vorstellungen im wesentlichen negativ reproduziert. Antideutsche Kritik erweist sich damit nicht als Ideologiekritik, wie sie es gerne möchte, sondern selbst als ideologisch, als Agentin von Ideologie als Gegenideologie. Sie ist damit selbst ebenso als Produkt der ideologischen Verarbeitung krisenhafter gesellschaftlicher Zustände anzusehen, wie die bevorzugten Gegenstände ihrer Kritik, etwa islamistische Gruppierungen oder orthodoxe und antiimperialistische Linke.

vergangenheitsbewältigung als eingriffsermächtigung. über israelfreundschaft als deutsche staatsräson.

Di | 15. Juli 2014, 19:00 Uhr | Melanchthonianum | Universitätsplatz | Halle

Vergangenheitsbewältigung als Eingriffsermächtigung – Über Israelfreundschaft als deutsche Staatsräson

Vortrag und Diskussion mit Clemens Nachtmann (Graz)

Das, was einmal exklusiv deutsche Ideologie war – die Auffassung von Deutschland als ‚Kulturnation‘, der es im Gegensatz zu anderen kapitalistischen Ländern um höhere Werte gehe – hat sich in der Europa-Ideologie verallgemeinert. Der souveräne Nationalstaat, so der europäische Konsens von Politik, Presse und Volksmeinung, sei als Institution längst obsolet und müsse durch eine auf dem Völkerrecht basierende internationale Ordnung abgelöst werden. Es ist im Moment gerade nicht Deutschland, sondern es sind die anderen europäischen Länder, die keinerlei Hemmungen zeigen, die in dieser Ideologie vorgezeichneten Konsequenzen auch praktisch zu vollstrecken. Es war nicht in Deutschland, sondern im angeblich so toleranten und freizügigen Schweden, genauer gesagt in der Stadt Malmö, wo 30 jüdische Familien wegzogen, weil arabische Jugendliche ihnen das Leben zur Hölle machten, während der Bürgermeister die jüdische Gemeinde aufforderte, sich von der israelischen Gaza-Politik abzugrenzen, um so zur Deeskalation beizutragen. Es war in Spanien, nicht in Deutschland, wo sich 2009 auf einer antiisraelischen Massendemonstration anlässlich des Gaza-Feldzugs die sozialistische Regierungspartei, die Vereinigte Linke und die beiden größten Gewerkschaften offen mit Hisbollah und Hamas solidarisierten. Und es sind britische, nicht deutsche Intellektuelle, unter denen es als besonders chic gilt, zum Boykott von Israel aufzurufen.

Was die Angesprochenen eint, ist die Überzeugung, aus einem antifaschistischen und antirassistischen Ethos heraus zu handeln und die richtigen ‚Lehren aus der Vergangenheit‘ gezogen zu haben. Was das gute Gewissen ermöglicht, ist die mittlerweile national wie international durchgesetzte Rede von der ‚Singularität‘ des Nazi-Regimes und des nazifaschistischen Massenmords. Während aber diese ‚Lehre aus der Geschichte‘ für die Deutschen bedeutet, sich gerade im Umgang mit Israel Zurückhaltung aufzuerlegen, legitimiert sie für andere europäische Staaten mittlerweile das Gegenteil: komplette Bedenkenlosigkeit, was das innen- und außenpolitische Fraternisieren mit aktuellen und virtuellen Massenmördern zum Zwecke der Delegitimierung und Schwächung Israels betrifft. Im Augenblick herrscht in Europa eine internationale Arbeitsteilung, aus der alle Beteiligten einen moralischen Mehrwert beziehen: die Spanier, die Schweden und andere vergleichbare, indem sie ihre Enthemmtheit gegenüber Israel als besondere Glaubwürdigkeit verkaufen, die Deutschen, indem sie, statt sich selbst die Finger schmutzig zu machen, die anderen sich ausagieren lassen und dafür mit mäßigendem Einfluss punkten möchten.

Warum dies für die antideutsche Kritik schlussendlich bedeuten muss, mit den letzten Resten der Theorie vom ‚deutschen Sonderweg‘ aufzuräumen, und warum die antideutsche Zuspitzung materialistischer Kritik angesichts dieser Zustände aktuell bleibt, soll der Vortrag klären.

Clemens Nachtmann ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“.

Eine Veranstaltung im Rahmen von „Wahn und Verschwörung – Die antisemitische Internationale“ Antifaschistische Hochschultage im Sommersemester 2014.

[ag antifa]

wenn der wahnsinn epidemisch wird. die neuen montagsdemonstrationen.

Donnerstag | 10. Juli 2014 | 19:00 Uhr | Veranstaltungsraum Radio Corax | Unterberg 11 | Halle

Wenn der Wahnsinn epidemisch wird. Die neuen Montagsdemonstrationen.

Vortrag und Diskussion mit Jan-Georg Gerber

Die Demonstranten, die sich seit März jeden Montag in mehr als sechzig Städten der Bundesrepublik zusammenfinden, um gegen einen möglichen Krieg in der Ukraine zu protestieren, sind sich einig: Für die Auseinandersetzungen auf dem Kiewer Majdan, die Kämpfe in Donezk und alle anderen Übel der Welt sind der Westen und Amerika verantwortlich. Auch die Parole von der Schuld der Juden macht allenthalben die Runde: Die regelmäßig zu hörende Rede über „die Fed“, die US-Notenbank, hat das Lamento über die „amerikanische Ostküste“ abgelöst. Sie ist zur beliebtesten Chiffre für die die vermeintlich jüdisch kontrollierte Finanzwelt geworden. Daneben haben einige Demonstranten auch noch andere Theorien im Repertoire: Einige glauben, dass den Kondensstreifen von Düsenflugzeugen Chemikalien beigemengt sind, die den Menschen ihre politische Widerstandskraft rauben, andere sind davon überzeugt, Bürger des 1945 untergegangenen Deutschen Reichs zu sein. All diese Vorstellungen bewegen sich unter dem Niveau von Kritik. Zumindest die Vordenker der Proteste scheinen aufgrund ihrer offenkundigen Verrücktheiten weniger ein Gegenstand von Ideologiekritik als ein Fall für den Psychologen zu sein. Das Tragische ist, dass den Protesten wohl auch auf der Therapeutencouch oder im Patientenstuhl nicht wirklich beizukommen ist. Um dem Phänomen der neuen Montagsdemonstrationen auf den Grund gehen zu können, muss vielmehr die Gesellschaft in den Blick genommen werden, die den Wahnsinn immer wieder aus sich selbst heraus erzeugt. Aus diesem Grund wird im Rahmen der Veranstaltung sowohl von der deutschen Spezifik der Proteste als auch vom System der Wertvergesellschaftung zu sprechen sein.

Jan-Georg Gerber ist freier Journalist und schreibt u.a. für „Bahamas“ und „Jungle World“.

Eine Veranstaltung der AG Antifa Halle und der Materialien zur Aufklärung und Kritik.

magyarische mobilisierung. antisemitismus und völkische krisenbewältigung in ungarn.

Dienstag | 27. Mai 2014 | 19:00 Uhr | Melanchthonianum | Universitätsplatz | Halle

Magyarische Mobilisierung – Antisemitismus und völkische Krisenbewältigung in Ungarn
Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat (Wien)

Ungarn scheint auf den Titel „Antisemitischstes Land in Europa“ versessen zu sein: Regelmäßig demonstrieren Nazis in Budapest, mehr als ein Drittel der Ungarn glaubt an eine jüdische Weltverschwörung und die Regierung betont die guten Beziehungen zum Iran – der Staat, der Israel auslöschen will. Auch in vergleichenden Länderstudien zur Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit und klassischem Antisemitismus erreicht die ungarische Bevölkerung regelmäßig Spitzenwerte. Der „Ungarische Bürgerbund“ Fidesz, die Schwesterpartei der deutschen Unionsparteien, hat in den letzten vier Jahren mit seiner Zwei-Drittel-Mehrheit in einem atemberaubenden Tempo eine autoritäre und auf völkische Mythen rekurrierende Umgestaltung der ungarischen Gesellschaft betrieben. Ministerpräsident Orbán agiert im scheinbar vorauseilenden Gehorsam gegenüber der offen antisemitischen und rassistischen Jobbik, in Wirklichkeit aber im gar nicht sonderlich heimlichen Einverständnis mit dieser. Der Vortrag will nicht nur auf die politische Situation in Ungarn eingehen, sondern auch auf die zentralen Entwicklungen in der ungarischen Gesellschaft eingehen, die eine antisemitische Mobilisierung möglich gemacht haben.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Uni Wien, Herausgeber von „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“ und Mitherausgeber von „Iran im Weltsystem. Bündnisses des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung“. Ein ausführlicher Beitrag von ihm zum Thema ist im Heft 2 der Zeitschrift „sans phrase“ erschienen.

[Wahn und Verschwörung – Die antisemitische Internationale – Antifaschistische Hochschultage im Sommersemester 2014 der ag antifa im Studierendenrat der MLU Halle]

links ist da, wo kein antisemitismus ist?

Di | 13. Mai 2014 | 19:00 Uhr | Melanchthonianum | Universitätsplatz | Halle

Links ist da, wo kein Antisemitismus ist?
Vortrag und Diskussion mit Sören Pünjer (Berlin)

Wer sich schon einmal daran versucht hat, am ideologischen Weltbild eines standhaften Linken zu rütteln, der wird um die Erfahrung nicht herumgekommen sein, dass das faktenbezogene Argumentieren meist nur an einer einzigen Stelle den linken Selbstzweifel nähren kann: Den Vergleich mit der NPD bemühen zu müssen, entspringt der Hoffnung, wenigstens am antifaschistischen Gewissen jener rühren zu können, die im Angesicht ihrer persönlichen Nähe zu den Nazis noch vor sich selber erschrecken können.

Verweist man auf die nicht aus der Welt zu schaffende Deckungsgleichheit bzw. die riesige Schnittmenge, die zwischen der NPD-Programmatik und der linken Welterklärung insbesondere beim Thema Globalisierung besteht, dann zeigt sich, dass hier etwas schon rein logisch nicht stimmen kann. Jeder besser geschulte Linke weiß selbstverständlich, dass das Weltbild der braunen Kameraden eindeutig antisemitisch ist. Was aber hält die roten Genossen dazu an, gerade an den entscheidenden Punkten wie der Einordnung der Rolle Israels und der USA ihren Erzfeinden gar nicht widersprechen zu können?

Die richtige Antwort auf diese Frage setzt die Erkenntnis voraus, dass der Antisemitismus auch eine Form von Rassismus sein kann, dies aber keineswegs sein Wesen ausmacht, dass er nicht als eine falsche Kritik am Judentum verharmlost werden darf und dass Rassismus und Antirassismus spätestens seit dem Erfolg von Franz Fanon und Edward Said sich ohnehin immer ähnlicher werden.

Warum unter solchen Vorzeichen schon die bloße Frage nach linken Wegen jenseits von Herrschaft und Ausbeutung verdächtig sein muss und die Einladung eines Friedensforschers nach Halle, der über den Westen und den Iran referiert, das Protestieren gegen seine Einladung notwendig macht, darum soll es im Vortrag gehen.

Sören Pünjer ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“.

[ag antifa | Wahn und Verschwörung – Die antisemitische Internationale Antifaschistische Hochschultage im Sommersemester 2014]

ewiges rätsel antisemitismus. warum der materialismus sich am judenhass die zähne ausbeißt.

Di | 15. April 2014 | 19:00 Uhr | Melanchthonianum | Universitätsplatz | Halle

Wahn und Verschwörung – Die antisemitische Internationale | Antifaschistische Hochschultage im Sommersemester 2014

Ewiges Rätsel Antisemitismus – Warum der Materialismus sich am Judenhass die Zähne ausbeißt

Vortrag und Diskussion mit Philipp Lenhard (München)

Die Vorstellung, die Juden seien selbst für den Antisemitismus verantwortlich, ist eine Rationalisierung des Hasses. Sie folgt der Logik, eine Strafe setze ein Verbrechen voraus, und hält damit den Wahn des Antisemiten von vornherein für realitätsgerecht. Die Verschiebung der Schuld auf die Juden ist somit selbst nichts anderes als Judenfeindschaft. Irgendetwas sei schon dran am Antisemitismus, wenn er seit ewigen Zeiten bestehe und von so vielen gebildeten Leuten geteilt werde. Das zu Begründende erweist sich als unbegründbar, weil es sich durch seine bloße Existenz zu legitimieren scheint. An dieser Stelle ist eine Grenze der Aufklärung erreicht, die es unmöglich macht, an die Vernunft des Sprechenden zu appellieren.
Dennoch haben Theoretiker stets versucht, eine Erklärung für den Antisemitismus zu finden. Die Marxisten haben dem Kapitalismus die Schuld gegeben, die Atheisten dem Christentum, die Existenzialisten dem je Einzelnen. Nur die Kritische Theorie Adornos und Horkheimers hat versucht, der Dialektik der Aufklärung selbst auf die Schliche zu kommen. Doch auch ihr berühmter Versuch über den Antisemitismus wird nicht mit dem Problem fertig, dass die Judenfeindschaft scheinbar ewig und unabhängig von jeder konkreten gesellschaftlichen Formation ist. Rückblickend schrieb Max Horkheimer 1968: „Die Aufgabe bleibt, herauszufinden, ob nicht all diesen feindlichen Haltungen […] eine bisher unbekannte, tieferliegende, aufs engste mit der Geschichte der Zivilisation verknüpfte Wurzel zugrundeliegt.“ Der Zionismus hat auf das ewige Rätsel Antisemitismus mit der pragmatischen Konsequenz reagiert, dass er eine bewaffnete Heimstätte für die Juden in aller Welt schuf. Doch so notwendig die Verteidigung des jüdischen Staates Israel angesichts des perennierenden Wahns ist, so unabdingbar bleibt es zugleich, dieses Rätsel zu lösen, um den Antisemitismus aus der Welt zu schaffen.

Philipp Lenhard, Redakteur der Zeitschrift „Prodomo“ und Mitherausgeber des Sammelbandes „Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft“ (ça ira Verlag 2012), wird sich in seinem Vortrag der von Horkheimer formulierten Aufgabe widmen, dem Ursprung und dem Grund für die Persistenz des Antisemitismus auf die Spur zu kommen.

[ag antifa]

arbeit, zucht und treue. august hermann francke und die herausbildung des deutschen zwangskollektivs.

Dienstag | 4. Februar 2014 | 19 Uhr | Melanchthonianum | Universitätsplatz | Halle (Saale)

Arbeit, Zucht und Treue. August Hermann Francke und die Herausbildung des deutschen Zwangskollektivs

Vortrag und Diskussion mit Knut Germar

Die Stadt Halle erhofft sich seit einiger Zeit die Verleihung des Weltkulturerbestatus der UNESCO für die Franckeschen Stiftungen. Damit einher geht eine Verherrlichung des pietistischen Pfarrers, die seit nunmehr zwei Jahrzehnten anhält und die sich die Geschichte auf eine Weise zurechtlügt, dass Francke als Wegbereiter eines sozialen und weltoffenen Halles gelten kann. Francke, so der ungebrochene Konsens im Sendegebiet des MDR, war nicht nur der Wegbereiter einer fortschrittlichen Erziehung, sondern auch ein barmherziger Menschenfreund, der sich mit beispiellosem Engagement für die Armen und Schwachen einsetzte. Im diesjährigen Franckejahr, mit dem die Stadt den 350. Geburtstag des Pietisten begeht, setzten seine Freunde noch eins drauf und bewiesen, dass sie vor allem eines kalt lässt: die historischen Tatsachen. Zu Beginn des Jubiläumsjahres fabulierte beispielsweise der MDR auf seiner Homepage, einhergehend mit einem vollständigen Realitätsverlust, von einer „Bedeutung der Stiftungen für die Menschheitsgeschichte“ (!) und behauptete, „Franckes Idee war eine gleichberechtigte Bildung für alle Kinder, unabhängig ihrer sozialen Herkunft“. Und die „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 23. Januar konstatierte, dass „seine Visionen […] aktueller denn je“ seien.

Dass Franckes Visionen keineswegs „gleiche Bildung für alle“ beinhalteten, dass er entgegen der landläufigen Meinung weder barmherziger Samariter noch Wundertäter und Kinderfreund war, sondern vielmehr ein religiöser Fanatiker und Tugendwächter, mit dem die Gegenaufklärung in Deutschland ihren Anfang nahm, soll der Vortrag klären. Entgegen der landläufigen Meinung waren die von Francke ins Leben gerufenen Stiftungen kein Hort menschenfreundlicher und freiheitlicher Erziehung, sondern in erster Linie eine pietistische Prügel- und Arbeitsanstalt, die sich innerhalb kurzer Zeit zur Kaderschmiede des preußischen Staates mauserte. Ihr Ziel bestand, wie Francke unumwunden zugab, in der Produktion „getreuer und erwünschter Untertanen“. Angesichts der Franckeschen Feindschaft zur europäischen Frühaufklärung um Christian Wolff, angesichts des Hallischen Pietismus und der mit ihm verbundenen Zurichtung der Kinder für den Staat, wird auch davon zu reden sein, wie August Hermann das Fundament einer Idee des Gemeinwesens legte, die fleißig daran mitarbeitete, die Herausbildung einer freien, bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland zu verhindern.

Knut Germar lebt in Halle. Er schreibt regelmäßig für die hallische Zeitschrift „Bonjour Tristesse“ und ist Autor der Zeitschrift „Bahamas“.

[ag antifa]

protest & projektion. der weltweite aufstand.

null
Samstag | 18. Januar 2014 | Dachritzstraße 6 (Institut für Musik) | Halle an der Saale

Protest & Projektion – Der weltweite Aufstand
Konferenz der AG Antifa

Es ist noch nicht lange her, da konnte teils kritisch, teils beruhigt erklärt werden, dass sich die Menschen ihrem Schicksal willfährig ergeben und nicht daran denken, geschichtsmächtig zu werden. So blieb nicht nur der Kampf um Befreiung aus. Auch die Apokalypse, die als Kollektiv losgelassene Einzelne ohne weiteres auszulösen imstande sind, ließ glücklicherweise auf sich warten. Inzwischen ist die Zeit, in der von den lethargischen Massen geschrieben werden konnte, jedoch vorbei. An allen Ecken und Enden der Welt kracht es. Von Rio bis Kairo, von Göteborg bis Athen und von Stuttgart bis Istanbul: Als hätten sie die Parole vom „kommenden Aufstand“, die eine französische Situationistengruppe vor einigen Jahren ausgab, als Aufforderung begriffen, ziehen die Menschen überall auf die Straße. Mal bringen sie ihre Isomatten und Zelte mit und besetzen den öffentlichen Raum, mal zerlegen sie die Innenstädte. Taz, Zeit, Spiegel und Co. behaupten, einen weltweiten Kampf für Demokratisierung und mehr Bürgerbeteiligung zu erkennen; die radikale Restlinke will in den Krawallen, Kämpfen und Platzbesetzungen die Vorboten der Weltrevolution sehen: So setzten sich die schlechter verdienenden Genossen schon bald nach dem Beginn der Proteste in Busse und fuhren als Krawalltouristen nach Griechenland; die besser Betuchten flogen nach Kairo oder Tunis.

Zumindest einige Nachrichten vom weltweiten Aufstand wollen allerdings nicht so recht mit der euphorischen Deutung von einem „neuen 1968“ zusammenpassen, von dem einige Beobachter sprechen. In einigen Ländern haben sich Islamisten an die Spitze der Proteste gestellt; auf dem Peloponnes und den griechischen Inseln mischen Neonazis kräftig mit, während ein Teil der Linken die Juden für die Übel der Welt verantwortlich macht. Auch im Syrischen Bürgerkrieg ist die Unterscheidung zwischen den good und den bad guys nicht mehr möglich. Wer gegen Despoten, Tyrannen und elende Verhältnisse anrennt, tut das nicht immer mit den richtigen Mitteln, Begründungen und Zielen.

Das heißt: Entweder hat die Rede vom „neuen 68“ weniger mit der Situation in Ägypten, Griechenland, Spanien, Syrien usw. zu tun als mit den Wünschen und Sehnsüchten der hiesigen Öffentlichkeit. Oder aber die landläufigen Vorstellungen von 1968 als dem Jahr von Liberalisierung, Demokratisierung und dem Ausbruchsversuch aus den versteinerten Verhältnissen müssen revidiert werden. Auch hierfür spricht einiges. Zumindest mit Blick auf Ägypten und Syrien hat sich dementsprechend schon längst jene Verlaufsform abgezeichnet, die den Internationalismus hierzulande stets prägte: Der blinden Begeisterung folgt blinde Ignoranz; ohne Fehleranalyse und ohne das vorherige Paradies von Revolte und Demokratisierung auch nur noch eines Blickes zu würdigen, werden die revolutionären Sehnsüchte kurzerhand in andere Gegenden des Erdballs verlagert.

Es stellt sich damit sowohl die Frage nach den Hintergründen der hiesigen Reaktionen auf die weltweiten Aufstände als auch nach dem Charakter der Proteste: Was ist von den Riots und Kämpfen in Ägypten, Griechenland, Brasilien, Spanien usw. zu halten? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es? Warum brechen die Proteste gerade jetzt aus? Und: Welche Zukunft haben die weltweiten Aufwallungen vor sich?

Podium 1: Campen und kämpfen (12.15 – 13.45 Uhr)
Referenten: Magnus Klaue & Philipp Lenhard

Wer einen genauen Blick auf die weltweiten Aufwallungen wirft, erkennt zwei Protestformen: Die einen schnappen sich ihre Schlafsäcke und campieren auf öffentlichen Plätzen, die anderen binden sich Taschentücher vors Gesicht und ziehen mehr zerstörend als plündernd durch die Städte. Diese beiden Varianten der Erhebung scheinen für eine jeweils unterschiedliche Klientel zu stehen: In der Besetzung des öffentlichen Raums spiegeln sich die Abstiegsängste der Mittelschichten. Hier ziehen diejenigen auf die Straße, die noch etwas zu verlieren haben. Sie signalisieren durch ihre Protestform, dass sie zu bleiben gedenken. Auf der anderen Seite stehen jene, die nicht mehr absteigen können. Da sie nichts mehr zu verlieren haben, zerstören sie blindwütig alles, was ihnen in den Weg kommt: sowohl das, was sie selbst nicht mehr ertragen, als auch das, was unerreichbar für sie ist.
Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt regelmäßig für Bahamas, Jungle World und Konkret. Philipp Lenhard ist freier Autor und Redakteur der Zeitschrift Prodomo.

Podium 2: Projektion und Praxis (14.30 – 16.00 Uhr)
Referenten: Harald Jürgen Funke & Anja Finow

Abgesehen von den Protesten gegen Stuttgart 21 und ähnliche Projekte ist der weltweite Aufstand in zweifacher Weise in Deutschland angekommen. Auf der einen Seite legt die linke und linksliberale Öffentlichkeit eine Begeisterung für die Demonstrationen in Kairo, Istanbul oder Athen an den Tag, als würde dort für die originären Interessen des hiesigen wutbürgerlichen Mittelstands auf die Straße gegangen. Auf der anderen Seite scheinen die Krise und die Aufstände dafür zu sorgen, dass vermehrt Asylbewerber und Arbeitsmigranten den Weg nach Deutschland finden. Gegen diesen Zuzug finden insbesondere im Osten der Republik längst Mini-Aufstände statt, die sich in vielerlei Hinsicht von den Ereignissen der 1990er Jahre unterscheiden und es genau aus diesem Grund ratsam erscheinen lassen, den Zustand der Republik noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Harald Jürgen Funke ist Redakteur der Zeitschrift Bonjour Tristesse. Anja Finow spricht als Vertreterin der AG „No Tears for Krauts“.

Podium 3: Gestern und Morgen (16.30 – 18.00 Uhr)
Referenten: Jan-Georg Gerber & Justus Wertmüller

Die Gegenwart verändert nicht allein die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit: Der Anfang ist immer über das Resultat vermittelt. So geben die derzeitigen Proteste nicht nur einen Vorgeschmack darauf, was hierzulande droht, wenn sich die Krise ausweitet: ein wildes Hauen und Stechen, der Rückwurf auf Clanstrukturen, die sowohl familiär als auch regional oder beruflich sein können, und eine Elendsselbstverwaltung wie sie etwa auf dem Tahrir-Platz beobachtet werden konnte, wo Fußballhooligans über Ordnung, Sauberkeit und die korrekte Entsorgung der Fäkalien wachten. Zugleich legen die stetigen Vergleiche mit der Revolte von 1968 nahe, dass sich auch damals ganz andere historische Triebkräfte Geltung verschafften als von den Parolen der Protestbewegung nahegelegt wurde: Triebkräfte, die möglicherweise denen ähneln, welche die Menschen heute weltweit auf die Straßen und Plätze strömen lassen.

Jan-Georg Gerber schreibt u.a. für Bahamas und Jungle World. Justus Wertmüller ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

[http://antifa.uni-halle.de/]

black or white. über critical whiteness als neue rassenkunde.

Mittwoch | 19. Juni 2013 | 19 Uhr | Melanchthonianum | Universitätsplatz 8/9 | Halle (Saale)

Black or White. Über Critical Whiteness als neue Rassenkunde

Vortrag und Diskussion mit Philippe Witzmann

Seit etwas mehr als einem Jahr ist die bundesdeutsche Linke in heller Aufregung. Ein den Berliner Gender Studies entsprungenes enfant terrible macht ihr das Leben schwer: die Critical Whiteness. Denn nicht nur sprachlich kann die Linke den – auch nur auf den ersten Blick dadaistisch anmutenden – Schwachsinn aus dynamisierten Unterstrichen und drolligen Neologismen (triggerwarnungen, master suppression techniques etc.), also die Mischung aus Legasthenie, Pawlow und Kung Fu, nicht verstehen. Auch beim bemühten Nachvollzug der Intention steht sie wie die Kuh vorm Tor. Da werfen weiße Schwarze weißen Weißen Rassismus vor und andere werden der illegitimen Aneignung fremder Kulturen bezichtigt, weil sie hässliche Wursthaare tragen oder sich Champagnerkorken ins Ohr stecken. Fast schon sympathisch hingegen wirkt es, wenn die stets empört vorgetragene Forderung „not to dress like other peoples‘ ancestors“ sich auch auf das in linken Kreisen nach wie vor beliebte Palästinensertuch erstreckt. Weil man als vernünftiger Mensch keinen dog in diesem fight hat, wird sich der Vortrag darauf beschränken anhand dieses Treibens ein Psychogramm zu erstellen und dabei darlegen, dass, wer wie die Linke die antisexistische Definitionsmacht unterschreibt, dem Wahnsinn kritischen Weißseins bereits auf den Leim gegangen ist und folglich nichts gegen ihn vermag.

Philippe Witzmann ist Autor der Zeitschrift »Bahamas«.

Eine Veranstaltung der [ag antifa].

böses blut. über einen autoritären virus, gegen den kein zwangstest hilft.

3. April 2013 | 19.00 Uhr | Universitätsplatz 8/9 | Halle (Saale)

Böses Blut. Über einen autoritären Virus, gegen den kein Zwangstest hilft.

Vortragsveranstaltung mit Tjark Kunstreich (Wien) und Sven Warminsky (Magdeburg)

Vor weniger als zwei Monaten verabschiedete die große Koalition aus CDU und SPD im Magdeburger Landtag ein neues Polizeigesetz, dessen Novellierung bereits im Vorfeld für Aufregung gesorgt hatte. Der Grund: Vorgeblich zum Schutz von Polizeibeamten im Einsatz sollten einem ersten Entwurf zufolge Zwangstests auf HIV und Hepatitis rechtlich ermöglicht und auch ohne vorherige richterliche Zustimmung von der Polizei veranlasst werden können. Während kritische Stellungnahmen der Aidshilfe und des Berliner Robert-Koch-Instituts bei einer ersten Lesung im Juli des letzten Jahres von der Presse weitgehend unbeachtet blieben, sorgte eine weitere Lesung kurz vor dem Internationalen Weltaidstag nicht nur für ein größeres, längst überfälliges Medienecho. Auch die Bundesregierung meldete sich zu Wort und beantwortete eine Anfrage der Linkspartei mit dem Hinweis, dass HIV- und Hepatitiszwangstestungen gegen das Grundgesetz verstoßen würden. Infolge der öffentlichen Skandalisierung konnte die Opposition einen kleinen Teilerfolg erzielen: Zwar sind künftig medizinische Zwangstests auf Infektionskrankheiten möglich, allerdings dürfen diese nicht ohne vorherige richterliche Zustimmung durchgeführt werden.
Die Novellierung des Gesetzes wirft die Frage auf, warum in Sachsen-Anhalt zum Problem wird, was in einigen westlichen Bundesländern bereits Wirklichkeit ist – schließlich gibt es ähnliche gesetzliche Regelungen auch in Niedersachsen und Hessen. Offenbar wird befürchtet, dass in Sachsen-Anhalt die gesetzliche Möglichkeit zur Zwangstestung nicht nur ausgereizt, sondern vielmehr jenseits aller Rechtsstaatlichkeit angewandt werden könnte. Dafür spricht nicht allein die Diskussion um das Gesetz, sondern vor allem die hinlänglich bekannte Situation von Minderheiten in Sachsen-Anhalt und deren Isolation.

Sven Warminsky, Landesgeschäftsführer der Aidshilfe Sachsen-Anhalt, wird vor diesem Hintergrund über die Auswirkungen des Gesetzes auf seine Arbeit und damit vor allem über die Zustände vor Ort und über die Situation von HIV-Infizierten im Osten sprechen. Über die Vorstellungen und Bedürfnisse, die solchen Gesetzesentwürfen zugrunde liegen, referiert Tjark Kunstreich. Er ist Autor und Publizist und schreibt u. a. für die Zeitschriften Bahamas, Jungle World und Sans Phrase.