von der zerstörung der vernunft ereilt. zum scheitern antideutscher kritik.

Von der Zerstörung der Vernunft ereilt. Zum Scheitern antideutscher Kritik.

Eines erstaunlichen Erlebnisses konnte teilhaftig werden, wer sich zu Clemens Nachtmanns Vortrag „Vergangenheitsbewältigung als Eingriffsermächtigung – Über Israelfreundschaft als deutsche Staatsräson“ am 15. Juli 2014 in Halle begab. Es waren nicht viele.
Es wurde hier eine weitgehende Revision dessen, was bisher als antideutsche Kritik bekannt war, bekanntgegeben. Im Jahre 2009 wurde zunächst, anlässlich einer Konferenz der Zeitschrift Bahamas, offiziell die Bezeichnung antideutsch entsorgt, nun wurden grundlegende Vorstellungen des einst damit verbundenen Konzeptes verabschiedet, dafür soll aber die Bezeichnung antideutsch als Identitätsemblem in veränderter Form wieder oder weiterhin, das wird nicht so recht klar, von kritischer Gültigkeit sein. Den Ausgangspunkt stellte die These dar, dass sich die deutsche Ideologie nunmehr zu einer Europaideologie bzw. zu einer Ideologie des Supranationalen verallgemeinert hätte. Dies sei geschehen durch eine ideologischen Kulturalisierung, auf Grundlage einer Selbstverleugnung der bürgerlichen Gesellschaft als ihrer Basisideologie. Als zu kritisierende Thesen wurden sodann die These der Singularität des Holocaust sowie die These vom deutschen Sonderweg präsentiert. Die Singularitätsthese verfiel der Kritik dadurch, dass aus ihr politisches Kapital und moralischer Mehrwert geschlagen werde. Die Aufarbeitung der Vergangenheit diente demnach vor allem dazu Deutschland zu rehabilitieren und einen moralischen Gewinn zu erzielen, der als Lehre aus der Geschichte zu moralischem Größenwahn und letztlich einem moralischen Antisemitismus führte, so dass die Massenvernichtung der europäischen Juden schließlich als Titel für ein Eingriffsrecht dienen solle. Der Ursprung der Singularitätsthese wurde bei Habermas verortet. Die Massenvernichtung der europäischen Juden wäre nun in ihrer Singularität und als universale Tatsache zugleich aufzufassen. Die Begriffe Postfaschismus bzw. Postnazismus seien auf die internationale Konstellation zu beziehen. Ihnen wesentlich sei die ideologische Bearbeitung der Kontinuität in der Diskontinuität. Die Sonderwegsthese würde sich als kritikwürdig dadurch erweisen, dass hier die Kategorien des Besonderen und des Allgemeinen auf unheilvolle Art politisiert würden. Deutschland würde dabei als Sonderfall bürgerlicher Vergesellschaftung, als Abweichung von der bürgerlich-kapitalistischen Norm, betrachtet. Dies müsse als ein politisierender Antiimperialismus gegen Deutschland gesehen werden. Das Label Antideutsch werde zum Identitätsausweis, der darin zum Ausdruck käme, dass an Deutschland unbedingt etwas gefunden werden müsse, was die deutsche Besonderheit untermauert. Die Annahme einer deutschen Wertvergesellschaftung als singulär, die sich in allen ihren Äußerungen identisch durchhält, würde zu einer affirmativen Theorie, dessen was deutsch ist, als einer Identitätsfindung, gerinnen. Materialistische Kritik hätte dagegen die Frage: „Was deutsch ist?“ schon in ihren Grundlagen zu destruieren. Am Ende stand dann aber im Gegensatz zu dem vorher gesagten doch wieder eine neue Bestimmung dessen, was nunmehr als deutsch zu verstehen sei: die freiwillige Selbstopferung, das sich widerstrebend in etwas Unvermeidliches schicken. So lange Staat und Kapital nicht abgeschafft seien, bliebe antideutsche Kritik daher aktuell.
Es kann sich des Eindruckes nicht ganz erwehrt werden, dass sich hier eine Unzulänglichkeit antideutscher Kritik offenbart, die von Anfang an in ihr selbst angelegt war. Diese Unzulänglichkeit, die nun auf Georg Lukacs zurückgeführt wird, indem er mit »Die Zerstörung der Vernunft« als Urheber der These des deutschen Sonderwegs dargestellt wurde, scheint tatsächlich vielmehr in einer Verwirrung hinsichtlich der Kategorien des Besonderen und des Allgemeinen in der antideutschen Kritik selbst zu liegen. Einige Grundkenntnisse dialektischer Philosophie, z.B. derjenigen Hegels, Marx‘ oder Adornos, hätten darauf hinweisen können, dass das Allgemeine immer nur in Gestalt des Besonderen erscheint und nur als Konkretion der Abstraktion vom Besonderen überhaupt zugänglich ist. Es liegt hier ein exemplarisches Beispiel dafür vor, was unter Dialektik zu verstehen wäre: die gegensätzlichen Kategorien des Besonderen und des Allgemeinen sind derart konstitutiv aufeinander bezogen, dass sie jeweils als Sinnesimplikat im anderen enthalten sind. Der historische Materialismus, den Marx in kritischem Anschluss an Hegel und Feuerbach begründete, geht daher davon aus, dass die jeweils spezifischen historischen Bedingungen betrachtet werden müssen, damit bestimmte politische Erscheinungen begriffen werden können. Da das Allgemeine also nur im jeweils Besonderen aufgefunden werden kann, stellt insofern jede wie auch immer räumlich begrenzte Entwicklung einen Sonderweg dar. Es war daher schon immer richtig und zugleich irreführend und ideologisch, von einem deutschen Sonderweg auszugehen, da für jeden Nationalstaat oder jede Region ein spezifischer Sonderweg festgestellt werden kann, auf dem sich die jeweils besondere Gestalt des Allgemeinen durchsetzt. Die Spezifik der deutschen Entwicklung ist, wie jede andere, historisch-materialistisch zu erklären, nicht durch metaphysische Wesensbestimmungen. Sie ist damit nicht gleich jeder anderen besonderen Entwicklung, sondern in ihrer besonderen Ausprägung des Allgemeinen, die damit überhaupt nicht in Abrede gestellt wird, erst zu erfassen. Der Versuch der kritischen Anwendung identitärer Vorstellungen, wie sie nationale und kulturelle nun einmal sind, war von vornherein ideologisch und dem Gegenstand nicht angemessen. Dieses theoretische Defizit zeigt sich unter anderem darin, dass immer wieder unklar wird, was das spezifisch deutsche Besondere nun eigentlich sein soll und was dagegen das bürgerlich-kapitalistische Allgemeine oder Normale sein soll, d.h. welche Identität gerade zu verteidigen und welche gerade abzulehnen ist. Solcherart identitäre Vorstellungen müssen in Folge dessen immer wieder aktualisiert und den sich verändernden politischen Verhältnissen angepasst werden. Die antideutsche Kritik saß damit von vornherein negativ ideologischen, metaphysischen Wesensbestimmungen auf, wie nun durch die Revision grundlegender Vorstellungen implizit eingestanden wird.
Diese ganze Entwicklung ist auch deswegen äußerst seltsam, weil die polemische Verwendung der Bezeichnung deutsch, die es ja durchaus gab, u.a. bei Marx und Adorno, anscheinend nicht als solche verstanden wurde, sondern sie als substanzieller Begriff für etwas verwendet wurde, was keine Substanz hat, sondern Ideologie ist.
Die Anhänger antideutscher Kritik schienen zunächst etwas verwirrt und stellten dann zögernd und scheinbar mit etwas ungläubigem Staunen einige Nachfragen, um sich dessen zu versichern, was sie da gehört hatten. Die erste Nachfrage ging denn auch dahin, wie es denn dazu kommen konnte, dass sich die deutsche Ideologie nun verallgemeinert habe und wie denn in anderen Ländern die Lehre aus der Geschichte ebenfalls derart gezogen werden könne, wie es von Nachtmann für Deutschland beschrieben wurde. Eine Anmerkung zielte darauf ab, die Sonderwegsthese zumindest für die 1990er und 2000er Jahre insofern als berechtigt zu verteidigen, dass damit dem Hang entgegen getreten wurde, die deutsche Entwicklung der allgemeinen kapitalistischen Sauerei unterzuordnen. Die dritte Nachfrage bezog sich darauf, ob nicht ein Widerspruch in der These des Kulturalismus zu sehen sei, insofern darin einerseits von einer Auflösung von Kultur in einen Karneval der Kulturen die Rede ist, andererseits zugleich aber von einer Überlegenheit der europäischen im Gegensatz etwa zur amerikanischen Kultur. Die Antwort auf letzteres beinhaltete, dass hierin die Unlogik des Postmodernismus zum Ausdruck käme.
Diese ganze seltsame Entwicklung zeigt sehr deutlich, dass, wenn es darum geht, gesellschaftliche Entwicklungen zu begreifen und zu kritisieren, nichts darum herum führt, die jeweiligen historischen gesellschaftlichen Bedingungen und ihre ideologische Verarbeitung zu betrachten, d.h. zu betrachten, wie sich jeweils das Allgemeine in seiner besonderen Gestalt darstellt. Das abstrakte gesellschaftliche Allgemeine ist in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften die Ware Arbeitskraft oder, da diese die Substanz des Wertes ist, der Wert. Dieses allgemeine Verhältnis setzt sich in verschiedenen gesellschaftlichen Konstellationen auf je besondere Weise durch und wird immer nur in dieser jeweils besonderen Ausprägung sichtbar. Das Allgemeine, was sich durch die besonderen Erscheinungen durchsetzt, kann nur sichtbar gemacht werden indem dadurch vom Besonderen abstrahiert wird, dass es auf Begriffe gebracht wird, und diese Begriffe in eine solche Anordnung zueinander gebracht werden, dass das Allgemeine als ein Konkretes dargestellt werden kann. Da das konkrete gesellschaftliche Allgemeine der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verschiedene Widersprüche in sich enthält, die in diesem Verhältnis nicht zu lösen sind, u.a. den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital und den damit verschränkten Widerspruch zwischen Natur und Kapital, entstehen notwendig immer wieder krisenhafte ökonomische Einbrüche, die soziale Folgen hervorrufen, von denen Menschen betroffen werden. Die von krisenhaften Zuständen betroffenen Menschen verarbeiten diese Situationen häufig auf eine mehr oder weniger ideologische Weise. Die Ausprägung der ideologischen Verarbeitungsweise krisenhafter gesellschaftlicher Prozesse hängt von verschiedenen räumlichen, politischen, gesellschaftlichen, kulturellen, historischen Bedingungen ab, die in ihrer jeweiligen Konstellation betrachtet werden müssen, um sie in ihrer jeweiligen Spezifik begreifen zu können. Erst unter dieser Voraussetzung wird es überhaupt möglich sein, diesen Ideologiebildungen kritisch entgegenwirken zu können.
Es ist dazu tatsächlich eine historisch-materialistische Kritik notwendig. Durch metaphysische Wesensbestimmungen, die sich als wesentliches Merkmal antideutscher Kritik zeigen, werden ideologische Vorstellungen im wesentlichen negativ reproduziert. Antideutsche Kritik erweist sich damit nicht als Ideologiekritik, wie sie es gerne möchte, sondern selbst als ideologisch, als Agentin von Ideologie als Gegenideologie. Sie ist damit selbst ebenso als Produkt der ideologischen Verarbeitung krisenhafter gesellschaftlicher Zustände anzusehen, wie die bevorzugten Gegenstände ihrer Kritik, etwa islamistische Gruppierungen oder orthodoxe und antiimperialistische Linke.