vergangenheitsbewältigung als eingriffsermächtigung. über israelfreundschaft als deutsche staatsräson.

Di | 15. Juli 2014, 19:00 Uhr | Melanchthonianum | Universitätsplatz | Halle

Vergangenheitsbewältigung als Eingriffsermächtigung – Über Israelfreundschaft als deutsche Staatsräson

Vortrag und Diskussion mit Clemens Nachtmann (Graz)

Das, was einmal exklusiv deutsche Ideologie war – die Auffassung von Deutschland als ‚Kulturnation‘, der es im Gegensatz zu anderen kapitalistischen Ländern um höhere Werte gehe – hat sich in der Europa-Ideologie verallgemeinert. Der souveräne Nationalstaat, so der europäische Konsens von Politik, Presse und Volksmeinung, sei als Institution längst obsolet und müsse durch eine auf dem Völkerrecht basierende internationale Ordnung abgelöst werden. Es ist im Moment gerade nicht Deutschland, sondern es sind die anderen europäischen Länder, die keinerlei Hemmungen zeigen, die in dieser Ideologie vorgezeichneten Konsequenzen auch praktisch zu vollstrecken. Es war nicht in Deutschland, sondern im angeblich so toleranten und freizügigen Schweden, genauer gesagt in der Stadt Malmö, wo 30 jüdische Familien wegzogen, weil arabische Jugendliche ihnen das Leben zur Hölle machten, während der Bürgermeister die jüdische Gemeinde aufforderte, sich von der israelischen Gaza-Politik abzugrenzen, um so zur Deeskalation beizutragen. Es war in Spanien, nicht in Deutschland, wo sich 2009 auf einer antiisraelischen Massendemonstration anlässlich des Gaza-Feldzugs die sozialistische Regierungspartei, die Vereinigte Linke und die beiden größten Gewerkschaften offen mit Hisbollah und Hamas solidarisierten. Und es sind britische, nicht deutsche Intellektuelle, unter denen es als besonders chic gilt, zum Boykott von Israel aufzurufen.

Was die Angesprochenen eint, ist die Überzeugung, aus einem antifaschistischen und antirassistischen Ethos heraus zu handeln und die richtigen ‚Lehren aus der Vergangenheit‘ gezogen zu haben. Was das gute Gewissen ermöglicht, ist die mittlerweile national wie international durchgesetzte Rede von der ‚Singularität‘ des Nazi-Regimes und des nazifaschistischen Massenmords. Während aber diese ‚Lehre aus der Geschichte‘ für die Deutschen bedeutet, sich gerade im Umgang mit Israel Zurückhaltung aufzuerlegen, legitimiert sie für andere europäische Staaten mittlerweile das Gegenteil: komplette Bedenkenlosigkeit, was das innen- und außenpolitische Fraternisieren mit aktuellen und virtuellen Massenmördern zum Zwecke der Delegitimierung und Schwächung Israels betrifft. Im Augenblick herrscht in Europa eine internationale Arbeitsteilung, aus der alle Beteiligten einen moralischen Mehrwert beziehen: die Spanier, die Schweden und andere vergleichbare, indem sie ihre Enthemmtheit gegenüber Israel als besondere Glaubwürdigkeit verkaufen, die Deutschen, indem sie, statt sich selbst die Finger schmutzig zu machen, die anderen sich ausagieren lassen und dafür mit mäßigendem Einfluss punkten möchten.

Warum dies für die antideutsche Kritik schlussendlich bedeuten muss, mit den letzten Resten der Theorie vom ‚deutschen Sonderweg‘ aufzuräumen, und warum die antideutsche Zuspitzung materialistischer Kritik angesichts dieser Zustände aktuell bleibt, soll der Vortrag klären.

Clemens Nachtmann ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“.

Eine Veranstaltung im Rahmen von „Wahn und Verschwörung – Die antisemitische Internationale“ Antifaschistische Hochschultage im Sommersemester 2014.

[ag antifa]