ende der geschichte. überlegungen zur materialistischen geschichtsauffassung.

Donnerstag | 27. Februar | 20.00 Uhr | VL Ludwigstraße | Halle

Ende der Geschichte. – Überlegungen zur materialistischen Geschichtsauffassung

Gesprächsreihe Dominovorträge mit Benjamin Schilling

Die bürgerliche Gesellschaft stellt sich selbst als vergangenheits- und geschichtslose dar – als demokratisch-kapitalistisches “Ende der Geschichte”, als befriedete “beste aller denkmöglichen Welten”. Die Entstehungsgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft muss hinter diesem Anspruch verschwinden, würde sich bei näherer historischer Betrachtung doch ergeben, dass “das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend” (K. Marx) zur Welt gekommen ist – und sich diese Gewalt der “ursprünglichen Akkumulation” bis zum heutigen Tag in der kapitalistischen Ausbeutung fortsetzt. So erscheint die bürgerliche Geschichtsvergessenheit auf der einen Seite als notwendige Konsequenz aus der Kapitalverwertung.

Die andere Seite stellt die notwendig nationale Konstitution der globalen Kapitalverwertung dar. In der nationalen Mythenbildung wird Geschichte zum Steinbruch, aus dem die dem nationalen Selbstbild entsprechenden Brocken herausgebrochen und verwertet werden. Die nationale Geschichts- und Gedenkkultur erscheint somit immer als Ritual, in dem die kollektive Zusammengehörigkeit gestärkt wird.

So stehen sich Geschichtsvergessenheit und ritualisierte Gedenkkultur in der kapitalistischen Gesellschaft als zwei Seiten der gleichen Medaille gegenüber – als Zusammenspiel von kapitalistischer Verwertungslogik und nationalem Konkurrenzkampf. Eine materialistische Geschichtsauffassung müsste demgegenüber die Geschichte als “eine einzige Katastrophe” sehen und hätte daraus den Anspruch abzuleiten, “das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende [zu] führen” (W. Benjamin).