lektüretreffen zu karl marx’ begriff der entfremdeten arbeit.

Sa | 14. und So 15. Dezember | 11.00 Uhr | translib | Lütznerstraße 30 | Leipzig

Lektüretreffen zu Karl Marx’ Begriff der entfremdeten Arbeit

„… dass die wichtigsten und echtesten Begriffe der Epoche gerade daran gemessen werden, dass die größte Konfusion und der schlimmste Widersinn mit ihnen durchgeführt werden – so z.B. mit Entfremdung, Dialektik oder Kommunismus. Die lebenswichtigen Begriffe werden gleichzeitig mit dem wahrsten und dem trügerischsten Sinn und mit einer Vielzahl von Zwischenstufen der Konfusion gebraucht, da der Kampf der kritischen Wirklichkeit mit dem apologetischen Spektakel zu einem Kampf um Worte führt, der mit um so größerer Heftigkeit ausgefochten wird, je wichtiger diese Worte sind. Nicht durch autoritäre Säuberung, sondern durch den kohärenten Gebrauch in der Theorie und im praktischen Leben haben wir die Wahrheit eines Begriffs an den Tag gebracht.“ – Situationistische Internationale

Als Beitrag zur Wiederaufnahme einer Kritik der Entfremdungen auf der Höhe der Zeit, sollen die sogenannten „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ von Marx gelesen und diskutiert werden. Sogenannte “Ökonomisch-philosophische Manuskripte”, weil Marx diesem im Frühjahr 1844 in Paris – die “deutschen Zustände” hatten ihn ins Exil getrieben – geschriebenen, zur Veröffentlichung vorgesehenen, dann aber aus unbekannten Gründen nicht veröffentlichten Text, keinen Titel gab. Es waren Rjazanov und Landshut, die beiden Herausgeber der ersten Ausgabe von 1932, die den unvollständig erhaltenen und nicht für den Druck ausgearbeiteten Manuskripten nicht nur den Titel, unter dem sie heute bekannt sind (alternativ sind sie auch als „Pariser Manuskripte“ bezeichnet worden) gaben, sondern auch die Überschriften der einzelnen Kapitel einfügten. Im Zentrum der Kritik des Komplexes der Entfremdungen, aber auch des Streits um den Entfremdungsbegriff, steht das Kapitel „Die entfremdete Arbeit“. Es soll an diesem Wochenende gelesen werden. Dabei wird zu diskutieren sein, ob es einen „nicht-idealistischen“ Entfremdungsbegriff bei Marx gibt und wenn ja, wie er sich “historisch-materialistisch” begründen lässt. Zu diesem Zweck soll versucht werden, Grund- und Schlüsselbegriffe der “Manuskripte” wie Arbeit, Wesen, menschliches Wesen, Gattung, Entäußerung, Vergegenständlichung und Bildung, zu klären. Außerdem wollen wir der Frage nachgehen, welche Formen die Entfremdung unter den heutigen Bedingungen angenommen hat, etwa als Geschlechterverhältnis, aus dessen Charakter nach Marx hervorgeht, inwiefern eine Aufhebung der Entfremdung des Menschen vom Menschen gelungen ist.
Einer der bis heute wirkmächtigsten Vertreter der Behauptung, dass Marx den Entfremdungsbegriff später aufgegeben habe, ist Louis Althusser. Er behauptete, dass es sich beim Entfremdungsbegriff um „einen Rest Feuerbach“ handele, den der alte, „reife, wissenschaftliche Marx“ ab den „Thesen über Feuerbach“ und der „Deutschen Ideologie“ aufgegeben hätte. Ein aktueller Vertreter dieser immer wieder variierten Behauptung ist Michael Heinrich. Für Heinrich ist Marx’ Entfremdungskritik eine „essentialistische Kritik“, die die Annahme eines fixen menschlichen Wesens zur Voraussetzung habe. Nur an einer solchen gemessen könne etwa die kapitalistische Form der Arbeit als „entfremdet“ bezeichnet werden. Da diese Annahme aber unkritisch sei, der Mensch außer seiner sich wandelnden Form der Gesellschaftlichkeit kein „Wesen“ habe, was Marx in der 6. Feuerbachthese angeblich dann auch selbst erkannt habe, habe Marx ab diesem Zeitpunkt die Entfremdungstheorie fallen gelassen. Wenn er später, so etwa in den “Grundrissen” und im “Kapital” dennoch davon sprach, sei das nur eine Redeweise, jedenfalls aber nicht wörtlich gemeint gewesen. Ähnlich kritisierte Adorno die Frage nach dem Wesen des Menschen, die darauf hinauslaufen müsse, ihn auf seine Verfasstheit in der Vorgeschichte festzulegen. Andere Marx-Interpreten versuchten, vor allem in den Diskussionen der 1950er und 60er Jahre, den „jungen Marx“ der „Manuskripte“ gegen den zur offiziellen Staatsideologie verkommenen „Marxismus-Leninismus“ ins Feld zu führen. Es wiederholte sich damit die erstmals von Eduard Bernstein betriebene Aufspaltung des Marxschen Werkes auf neuer Stufe. Der „junge Marx“ war fortan „Humanist“ und „Philosoph“ und als solcher Gegenspieler des alten Marx, der mal Begründer der genannten Staatsideologie, mal „Ökonomist“ oder beides zugleich war. Ein Vertreter dieser Richtung war zum Beispiel Erich Fromm, für den „Jesus und der wirkliche Marx“, i.e. der Marx der Manuskripte, die „wichtigsten Ideengeber unserer Zeit“ waren. Zu den Theoretikern dieses sog. “humanistischen Marxismus” werden in der entsprechenden Literatur neben Fromm zuweilen auch Herbert Marcuse, Ernst Bloch, Raya Dunayevskaya (die 1941 als erste die “Manuskripte” ins Englische übersetzte und auf der Einheit des Marxschen Werkes gegen die Aufspaltungsversuche beharrte) oder die Vertreter der „Praxisphilosophie“ gerechnet. Wenn natürlich auf die gravierenden Differenzen in ihrem Denken hingewiesen werden muss, so eint doch alle das Festhalten am Begriff des „menschlichen Wesens“ und damit ihre Opposition zu Louis Althussers „antihumanistischen Marxismus“. Vielleicht ein „tertium datur“ in Sachen Entfremdungstheorie stellen die Arbeiten des alten Lukács, insbesondere das Kapitel „Die Entfremdung“ aus seinem letzten Werk „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“, sowie das Buch “Der Entfremdungsbegriff bei Marx” (1970) seines Schülers Istvan Mészáros, der 1956 zur Emigration aus Ungarn gezwungen wurde, dar. Ferner sei noch auf die Situationistischen Internationale und ihre Kritik des Spektakels als Versuch einer Wiederaufnahme der kritischen Arbeit am Begriff der Entfremdung gegen seine verschiedensten Verfälschungen und vor dem Hintergrund des modernen “consumer capitalism” im Westen hingewiesen.
Neben einigen Ausflügen zur Editions- und Wirkungsgeschichte, die zur Geschichte der Entfremdungen und des Kampfes gegen sie gehören, soll die Lektüre der Kapitel “Die entfremdete Arbeit” und “Privateigentum und Kommunismus” im Vordergrund stehen (siehe http://www.mlwerke.de/me/me40/index.htm). Eine Vorab-Lektüre der Kapitel seitens der Teilnehmer wäre sinnvoll.

Um eine Anmeldung unter translib@gmx.de wird gebeten

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