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Do | 12.​ Dezember | 20:00 Uhr | ACC Galerie | Weimar | Bäckerei | Leipzig

Die enigmatische Sprache der Kunst. Be­cketts Roman Der Na­men­lo­se mit Ador­no ge­le­sen.

Vor­trag von Mar­tin Krem­pel

Die Weimarer Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution wird in ihrer fünften Runde (diesmal mit dem Thema »Dunkelheit und Schwarz in der Kultur«) nicht mehr nur nach Hamburg sondern mit dem dritten Vortrag am 12.12 auch in Leipzig per Videoübertragung zu sehen und zu hören sein. Die Liveübertragung wird in den Räumlichkeiten des Casablanca („Die ganze Bäckerei“) in der Josephstraße 12 in Leipzig stattfinden.

Nach Theo­dor W. Ador­no trägt jedes ge­lun­ge­ne Kunst­werk Ge­heim­nis­se über den Zu­stand des mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens in sich ver­bor­gen, wel­che da­nach ver­lan­gen äs­the­tisch er­fah­ren und in­tel­lek­tu­ell ge­deu­tet zu wer­den. Durch ihren ei­gen­sin­ni­gen Sprach­cha­rak­ter kön­nen Kunst­wer­ke ver­schüt­te­te Er­fah­run­gen the­ma­ti­sie­ren, wäh­rend der glei­che Sprach­cha­rak­ter ver­hin­dert, dass diese Er­fah­run­gen vom Re­zi­pi­en­ten in Gänze ver­stan­den wer­den. Sie blei­ben Rät­sel, die die pa­ra­do­xe Auf­ga­be her­aus­for­dern, durch ihre un­mög­li­che Ent­schlüs­se­lung hin­durch, ent­schlüs­selt zu wer­den.

Im Vor­trag soll das schwie­ri­ge Un­ter­neh­men ver­sucht wer­den den Roman Der Na­men­lo­se von Sa­mu­el Be­ckett nicht nur äs­the­tisch zu be­schrei­ben, son­dern auch nach sei­nem ge­hei­men Kern theo­re­tisch zu be­fra­gen. Im Roman selbst fin­det man sich im Kopf des na­men­lo­sen Prot­ago­nis­ten wie­der und ist ge­zwun­gen des­sen psy­cho­ti­schen Dis­kurs über sich selbst, seine Sin­nes­wahr­neh­mun­gen, sei­nen Drang zum Nichts, dem end­gül­ti­gen Tod, und den an­de­ren Stim­men und Ge­stal­ten in of­fe­nen Räu­men nach­zu­ir­ren. Dabei ist man mit drei ver­schie­de­nen Se­quen­zen kon­fron­tiert: einer sich stän­dig wie­der­ho­len­den und sich ver­schie­ben­den Iden­ti­täts­su­che, dem Ent­wurf von schau­rig-​schö­nen Fa­beln, Bil­dern und Pan­to­mi­men, und einer immer wie­der ein­ge­scho­be­nen ne­gie­ren­den Selbst­re­fle­xi­on über das Ge­sche­hen. Alle drei Se­quen­zen sind dabei so tief in­ein­an­der ver­schlun­gen und durch­ge­formt, dass sie sich zu einer düs­te­ren aber immer schon ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Welt zu­sam­men­zie­hen.

Im vor­sich­ti­gen Rück­griff auf die vie­len No­ti­zen die Ador­no über Be­cketts oeu­vre, z. B. in der Äs­the­ti­schen Theo­rie, in den Noten zur Li­te­ra­tur oder auch in sei­ner ei­ge­nen Aus­ga­be des Ro­mans Der Na­men­lo­se, nie­der­ge­schrie­ben hat, soll für diese trost­lo­se Welt­er­fah­run­gen eine In­ter­pre­ta­ti­on Stück für Stück ent­wi­ckelt wer­den. Ador­no selbst schrieb 1962 in einem Brief an Wer­ner Kraft über seine Be­ckett­lek­tü­re: »Üb­ri­gens glau­be ich, daß die Ro­ma­ne an Be­deu­tung über die Stü­cke noch hin­aus­ge­hen, vor allem L`In­nom­ma­ble, den ich jetzt mit wahr­haft fie­ber­haf­ter Teil­nah­me ge­le­sen habe. Eine In­ter­pre­ta­ti­on habe ich, noch wäh­rend der Lek­tü­re, skiz­ziert; viel­leicht finde ich neben mei­nen gro­ßen Pro­jek­ten Zeit, sie zu tex­tie­ren. Sie soll­ten aber die­sen Roman un­be­dingt lesen, ob­wohl gute Ner­ven da­zu­ge­hö­ren – damit ver­gli­chen ist Kaf­kas Straf­ko­lo­nie wie der Nach­som­mer.«

Der An­spruch des Vor­tra­ges lau­tet nichts­des­to­trotz, den Roman auf kei­nen Fall in Ador­nos Phi­lo­so­phie zu er­trän­ken oder auch nur des­sen po­ten­ti­el­le In­ter­pre­ta­ti­on nach­ho­len zu wol­len, son­dern ein­zel­ne äs­the­ti­sche Re­fle­xio­nen von Ador­no als Hil­fe­stel­lung zu be­nut­zen, um das Kunst­werk als Kunst­werk ei­gen­stän­dig deu­ten zu kön­nen. Be­cketts Werke schei­nen un­ter­schied­lichs­te phi­lo­so­phi­sche Aus­le­gun­gen über Ador­no hin­aus, wie z. B. die von Gün­ther An­ders, Gille De­leu­ze, Alain Ba­diou oder Simon Critch­ley, um nur ei­ni­ge we­ni­ge zu nen­nen, ma­gisch an­zu­zie­hen, viel­leicht auch weil Be­ckett der Phi­lo­so­phie, ohne vor-​phi­lo­so­phisch zu wer­den, so kom­pro­miss­los wie kein Zwei­ter das Ge­richt ge­macht hat.

In der an­ge­streb­ten In­ter­pre­ta­ti­on soll die These ver­tei­digt wer­den, dass im Na­men­lo­sen eine ex­tre­me Si­tua­ti­on der spät­mo­der­nen Welt­lo­sig­keit ihren künst­le­ri­schen Aus­druck fin­det. Und zwar indem die The­men Sub­jek­te ohne Sub­jek­ti­vi­tät, To­po­lo­gie des so­zia­len Todes und Ethos der Hoff­nungs­lo­sig­keit, un­nach­ahm­lich durch­ge­spielt wer­den. Jedes die­ser The­men ist nicht nur auf der in­halt­li­chen son­dern auch auf der for­ma­len Ebene, z. B. durch die Mit­tel der Sub­trak­ti­on, Dis­so­nanz, psy­cho­tisch ge­bro­che­ne Satz­struk­tur, in­ne­ren Span­nung, gleich­blei­ben­den Dich­te, Sym­bol­wir­kung star­ker Sub­stan­ti­ve, des Echos, Aus­drucks, Glan­zes und der Er­schüt­te­rung, auf­ge­ho­ben. Be­ckett hat in sei­nem Werk die klas­si­sche Struk­tur des Ro­mans, in wel­cher unter einer je spe­zi­fi­schen Dra­ma­tur­gie mit einem An­fang und einem Ende han­deln­de Sub­jek­te ihre Be­zie­hung zur Welt or­ga­ni­sie­ren, ge­kappt und in neuer, ne­ga­ti­ver Art und Weise fort­ge­führt. Das zen­trie­ren­de Mo­ment ist nun nicht mehr ein tra­gi­scher oder ko­mö­di­an­ti­scher Sinn­zu­sam­men­hang, son­dern die Fo­kus­sie­rung auf einen ima­gi­nä­ren Null­punkt, einer des Schwei­gens, der Ruhe und des letz­ten Frie­dens, um wel­chen herum die Hand­lung ver­zwei­felt auf der Stel­le tritt. Da­durch wird die fik­tio­na­le Be­schwö­rung einer an­de­ren Welt eben­so wie die rea­li­täts­ge­rech­te Be­schrei­bung ge­sell­schaft­li­cher To­ta­li­tät hin­ter sich ge­las­sen, um im Schau­rig­schö­nen der ge­stei­ger­ten Rea­li­täts­kon­fron­ta­ti­on fest­zu­hal­ten, dass das, was ist, nicht alles sein kann, wenn Lei­den das Leben zu er­drü­cken sucht. »Be­cketts Stü­cke oder der wahr­haft un­ge­heu­er­li­che Roman Der Na­men­lo­se üben eine Wir­kung aus, der ge­gen­über die of­fi­zi­ell en­ga­gier­ten Dich­tun­gen wie Kin­der­spiel sich aus­neh­men; sie er­re­gen die Angst, wel­che der Exis­ten­zia­lis­mus nur be­re­det.« (Ador­no)

Mar­tin Krem­pel lebt in Wei­mar und stu­diert Ge­sell­schafts­theo­rie in Jena.

[Kunst, Spektakel und Revolution]