play with fire II.

null

Play with Fire II. Veranstaltungreihe zu Pop und Politik in Chemnitz.

“Fight for your Right to Party!”

Die verbale Spitze der Oberbürgermeisterin von Manchester Elaine Boyes bei ihrem Besuch im Mai in Chemnitz, die Stadt sei zwar recht schön, “nur ein paar Bars im Nachtleben vermisse ich” zeugte vom Aufeinanderprall zweier Welten. Die Politikerin der britischen Metropole trägt das Nachtleben ihrer Stadt samt popkultureller Identität stolz vor sich her, wobei schon seit Jahren wenig musikalisch Interessantes aus der Stadt zu hören ist, die ironische Verarbeitung des Chemnitzer Lebenselends durch fünf seiner Einwohner hingegen wird zwar zum Charterfolg, aber diese Schwalbe macht in Chemnitz noch lange keinen Popsommer. Im Gegenteil, die Debatte um vermeintlichen Kulturlärm und die drohende Schließung des Clubs Atomino deuten an, dass der von manchen Kreativen erträumte Wandel des sächsischen Manchester zur Kulturwirtschaftsstadt verendet, bevor er überhaupt begonnen hat. Damit steht Chemnitz aber nicht alleine da. Die Entwicklungen im Saarland oder Ruhrgebiet verlaufen ähnlich.
Die aktuelle Auseinandersetzung um die drohende Schließung des Clubs Atomino fördern nicht allein die tiefen Risse um die Fragen der Stadtentwicklung in Chemnitz zutage sondern weiter gehend auch die Frage nach der Rolle von Popkultur in einer nachmodernen Gesellschaft. Wie protest-, kritik- und politikfähig ist die Kulturszene?
Dass Chemnitz als “schrumpfende Stadt” von den auch andernorts festgestellten Problemen wegbrechender sozialer und kultureller Perspektiven und Potentiale stark betroffen ist, spürt jede_r, die/der hier etwas auf die Beine stellen will. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Wissen, Geld, Technologie, Connections sind rar. Die Musikkultur stirbt ab. Größere Bands machen meist einen Bogen um die Stadt. Zu wenig Besucherpotential.

“Some Old Bullshit”

Zuweilen ist es aber sogar von Vorteil, dass mangels gehobenen Stils die sozialen Konflikte in der Stadt greller aufscheinen als andernorts und sich Chemnitz ein Image als Kulturstadt gleich abschminken kann. Aber sie tun das selten unmittelbar, sondern auffallend zuerst durch die besondere Schäbigkeit von Rechtfertigungen und Argumentationen.
Schuld sind vermeintlich immer die anderen, z.B. wenn ein Vermieter seine Rechtsklagen wegen Clublärms nicht etwa ehrlicherweise damit begründet, selbst gutes Geld verdienen zu wollen, wie im Kapitalismus üblich, sondern damit, dass er Existenzangst habe, die Kredite bei den Banken nicht mehr bedienen zu können und er Probleme mit seinen Mietern wegen des Krachs habe. Dieser Unternehmer neuen Typs ist seinem Selbstbild nach kein tätiger Mensch mehr, sondern selbst Opfer lärmender Kulturbaggage, eiskalter Banker und frecher Mieter_innen.
Allerdings verstellt die besondere Rolle von Kultur in der Gesellschaft den Kulturleuten selbst dauernd die Perspektive auf ihr solchen Partikularinteressen widerstreitendes Eigeninteresse. Kulturarbeit soll sozialen Frieden produzieren, Frustrationen und Unglück sollen ihren gemäßen künstlerischen Ausdruck finden. Freie Kulturarbeit in Chemnitz ist im wesentlichen Sozialarbeit. Diese erkennt aber nicht ihre Position in der sozialen Hierarchie, sondern fällt selbst ein Stück weit auf ihre Gemeinwohlargumentation herein, die sich jede_r Aktive darin zulegen muss, um politisch über finanzielle Mittel mitreden zu können.

“Sabotage”

Tatsächlich muss die Strategie der Kultur- und Sozialarbeitsakteure aber zweigleisig sein und damit zwangsläufig schizophren. Sind die Akteure zu brav und kooperativ, befrieden zu erfolgreich, stören nicht mehr, wird mit ihnen Schlitten gefahren. Nur wenn der Kulturbetrieb tatsächlich die sozialen Konflikte in Auseinandersetzungen gleichzeitig befriedet und thematisiert, bleibt es auch im Interesse der Verwaltung einen prekär funktionierenden freien Sektor am zehrenden Leben zu erhalten.
Bis dato hat man sich im freien Kulturbereich eher an die fleißige Verschönerung der schrumpfenden Stadt gemacht, versucht immer weiter auseinanderbrechende soziale Strukturen notdürftig zu kitten. Ein Lesecafe in einer toten Straße da, ein Kulturzentrum zwischen Bürgerviertel und Plattenbaugegend hier. Ihre Abhängigkeit vom Staat führt meist dazu, dass Kulturschaffende einerseits die soziale Not spüren und artikulieren, die Form der Artikulation andererseits aber als engagierte Verhübschung der Verhältnisse funktioniert. Und dies verhindert trotz alledem nicht, dass die freie Kulturszene aus dem Blickwinkel einer autoritären und konservativen Bevölkerungsgruppe als Stör- und Bedrohungsfaktor wahrgenommen wird.
Mit der in den letzten zehn Jahren immer wieder aufkommenden Diskussion um eine Kreativwirtschaft hat das weniger zu tun als mit deren Absterben. Kulturschaffende werden im Allgemeinen weder als Motoren, noch als Bremse wahrgenommen, sondern entweder als gelittene Unterhalter_innen oder als unverständlicher Komposthaufen auf dem dann allerbestenfalls irgendwie irgendwo irgendwann wirtschaftlich Verwertbares gedeiht, jedenfalls aber sind sie soziale Manövriermasse.

“No Sleep Till Brooklyn”

Der in dieser Klemme meist geäußerte Wunsch danach, in einer lebendigen Stadt leben zu wollen, ist so diffus wie das Bekenntnis, sich dafür aufzureiben. Lebendigkeit ist noch keine qualitative Bestimmung darüber, was neben Schlafen, Essen und Sex noch passiert. Aber genau deswegen ist der Begriff dazu geeignet, an einen vermeintlichen Gemeinsinn zu appellieren, der im Kapitalismus nur als Ideologie existiert. Der positive Bezug auf die Region, so selbstironisch gebrochen er auch immer sei, droht grundsätzlich den Blick auf soziale Widersprüche und Konflikte zu versperren, die eben nicht nur in der großen weiten Welt existieren, sondern auch ganz konkret vor Ort. Es besteht für jeglichen Lokalpatriotismus die Einbahnstraße entweder zur beleidigten Leberwurst oder zum Größenwahn. Der Rückbezug des eigenen kulturellen Schaffens auf den Ort an dem es stattfindet wohnt der Kulturwirtschaft mit lokalen Clubs, Spielstätten, Bars, Treffpunkten aber tendenziell inne. Kein Club mag seine Gäste schon im Einladungstext daran erinnern, dass sie sich ja gegenseitig eigentlich nicht abkönnen dürften, aufgrund verschiedenster sozialer Konkurrenzen. Im Gegenteil machte gerade das stillschweigende Einverständnis darüber, sich nicht einig zu sein, es aber im Club nicht eskalieren zu lassen, das aus, was man bürgerliche Öffentlichkeit nannte. Heute bedeutet Kulturarbeit aber weniger Einladung zu gepflegter bürgerliche Konversation, sondern vielmehr Krisenverwaltung in Eigenregie. Dem entspricht dann auch die äußere Wahrnehmung der Spielstätten als Risiko, soziale Brennpunkte, Quellen unliebsamer Emissionen, Auswüchse eines dekadenten Asphaltdschungels, getreu dem Motto “Eure Armut kotzt mich an.”

“Being bad news is what we’re all about”

Weniger als vom bürgerlichen Glücks- und Freiheitsversprechen handelt Popkultur heute tatsächlich von Krise, Verzweiflung und Zerfall (“Summertime Sadness”). Deswegen liegt der Konflikt um Kulturlärm viel tiefer als seine aktuelle Selbstinszenierung als der Aufeinanderprall zweier Lokalpatriotismen, der der Ruheliebenden und der der Lauten. Auch das Missverständnis des Konflikts als ein vermeintlicher Konflikt der Generationen ist ähnlich falsch gelagert. Vielmehr wird der Zerfall der Gesellschaft in Perspektivlosigkeit und Paranoia deutlich.
Das der Protest gegen das Zuschnüren lauter Öffentlichkeit aktuell so seltsam naiv bleibt, hat selbst etwas damit zu tun, wie sich innerhalb der Popkultur in den letzten Jahrzehnten die Perspektiven verschoben haben, sie selbst Teil gesellschaftlicher Isolation geworden ist. Die starke Prägung des Pop durch die Auseinandersetzungen gegen Rassismus in den USA mit seiner Herkunft aus der afroamerikanischen Tradition von Kirchenmusik, Soul und Jazz verlieh ihm besonders in den 60er Jahren eine stark universalistische und individualistische Perspektive im Sinne der amerikanischen Verfassung – es ging um das gesellschaftliche Recht jedes Menschen auf die eigene Suche nach Glück. Diese klaren Kategorien von Einzelnem und Allgemeinem in ihrem Auseinanderklaffen verschafften dem Pop das Potential, selbst kritische Restvernunft stiften zu können, wie beispielsweise im Ruf von Aretha Franklin nach zwischenmenschlichem “Respect”, der auch als Ruf nach gesellschaftlichem Respekt gelesen wurde, in den städtischen Wimmelbildern der Beatles in “Penny Lane”, den Zynismen der “Rolling Stones” oder den Protestsongs eines Bob Dylan. Es waren beide Ebenen, individuelle und gesellschaftliche, im Pop als differenzierte Ebenen präsent.

“Ill Communication”

Einhergehend mit dem Scheitern des keynesianistischen Sozialpaktes in den westlichen Nationalstaaten hin zu einer neoliberalen Wettbewerbsideologie in den 1970er und 1980er Jahren verschob sich auch im Pop, durch die Fragmentierung in viele kleine und kleinste Subszenen, die Perspektive weg vom Konflikt ums große gesellschaftliche Ganze. Pop wurde zum “Mainstream der Minderheiten”, zum Schlachtfeld vereinzelter Abwehrgefechte (“Alles was ich will ist nichts mit Euch zu tun haben”), in dem jeder einzelne Mensch die Konflikte an sich selbst durch einen bestimmten Lebensstil zu lösen versucht, sei er nun hedonistisch oder spartanisch, prollig oder exaltiert, christlich oder satanistisch oder alles zusammen gleichzeitig. Während “Rock’n’Roll”, “Beat”, “Psychedelic” noch bestimmte historische Phasen der Popmusik bezeichnen, sind “Punk”, “Hardcore”, “Gothic”, “HipHop”, “Techno”, “Indie” nur mehr Bezeichnungen für Popfraktionen und Identitätskonzepte.
Letztere verfügen nicht über einen Begriff von kapitalistischer Gesellschaft und Individualität als widersprüchlichem Verhältnis. Vielmehr wird die überall geltende kapitalistische Ausbeutungs- und Verwertungslogik in konkreten Feindbildern (Miethaie, Musikmanager, McDonaldsverkäufer) verdinglicht. Dem werden die eigenen Lebensentwürfe entgegengehalten, was dazu führt, dass kaum noch jemand kritisch sein eigenes Leiden zum Leiden aller in einem Verhältnis denken kann. Fluchtpunkte bilden Wunschbilder einer heilen oder auch harten unerbittlichen Natur der Welt und des Menschen, der Wunsch nach einer Flucht in Traum- und Glaubenswelten.
Der Traum einer netten kapitalistischen Kreativwirtschaft mit “kleinen geilen Firmen”, Indieplattenfirma, Programmiererbüro, Grafikdesignagentur, in denen eine private Utopie ausgelebt werden kann, ist aber geplatzt. Das Phänomen “Hipster” könnte ein Ausdruck dessen sein. Über eine feste Identität als Punk, Metaller, HipHopper wird hier geschmunzelt und auch die eigene Rosinenpickerei in den Weiten der Musik und Mode wird so ernst genommen wie gleichzeitig persifliert. Die Differenzen subkultureller Stile untereinander sind mittlerweile stark verschliffen, zugunsten der Identität von StilbastlerInnen und sozialen Einsiedler_innen, die sich auch politisch anders organisieren als ihre “autonomen” Vorgänger_innen. Die Organisation ist im Zustand sozialer Verelendung schwieriger geworden.

“Check Your Head”

Auf genau diese Probleme stößt man jetzt auch in Chemnitz in der Diskussion um laute Clubs. Die Protestpraxis muss es am Ende zeigen, wie organisations- und konfliktfähig die Leute sind, denen nicht nur ihre Treffpunkte und kulturellen Orte am Herzen liegen, sondern auch die Verteidigung der bürgerlichen Basisbanalität eines nächtlichen Gesprächs unter freiem Himmel.
Mittelfristig bedeutet dies das selbstbewußte Einnehmen eines eigenen Rechtsstandpunktes zur Verteidigung von öffentlichen Orten. Gespräche und nächtliches Lachen von Clubgästen sind nicht Flug- oder Baumaschinenlärm gleichzusetzen, der nach dem sogenannten Verursacherprinzip zu bekämpfen ist, wie es Chemnitzer Jurist_innen scheinbar gern hätten. Clubbetreibende sollen weit über ihre mögliche Sorgfalt für banale menschliche Handlungen haftbar gemacht werden, für die sich niemand rechtfertigen sollen müsste.
Popkultur provoziert nach wie vor tausende Fragen über das warum ihrer ästhetischen und erzählerischen Positionen. Dabei muss die Diskussion ganz wesentlich über die klassischen Abwehrkämpfe innerhalb von Subkulturen gegen regressive Tendenzen wie Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie hinaus gehen. Vielmehr muss die grundsätzliche Anfälligkeit der Massenkultur für menschenverachtende Ideologien verstanden werden, vor allem auch, weil die vermeintlich sicheren Gehäuse der Subkulturen nicht mehr existieren, nicht mehr in den Ästhetiken und immer weniger eben auch in der Form von schützenden Räumen. Es geht tatsächlich dringend um das Verständnis des gesellschaftlichen Ganzen und seiner Kritikwürdigkeit. In der geplanten Veranstaltungsreihe versuchen wir die kritische Auseinandersetzung in und mit Popkultur ein wenig voranzutreiben. Die Frage nach Politikkonzepten und Ideen von Individualität und Identität in Pop- und Subkulturen bildet dabei einen zentralen Aspekt.

Mi 25.9. 19 Uhr M54 im AJZ Chemnitz
“Die richtige Einstellung”
Vortrag und Diskussion mit Tilman Kallenbach (Freie Uni Bamberg) zu den Verhältnissen zwischen Pop und Politik

Über wenige Pop-Phänomene ist in letzter Zeit so inbrünstig berichtet und diskutiert worden, wie über die Stadion-Rock-Band Frei.Wild, die einigen deutschen Feuilletonist_innen dann offensichtlich doch zu rechts war. Wenn an dieser Debatte irgendetwas gut war, dann doch die Erinnerung, dass Pop doch auch irgendwie politisch ist – und diffus links. Dabei ist das Verhältnis der deutschen Linken zur Pop-Kultur ein mindestens gespanntes und schwankt zwischen der Parole „Stellt die Gitarre in die Ecke und diskutiert“ und einer ausschließlich auf den “richtigen” Lifestyle orientierten linken Subkultur. Der Vortrag unternimmt den Versuch verschiedene theoretische Zugänge der Linken zum Phänomen Pop zu skizzieren, um von dieser Basis aus, in einem zweiten Schritt aktuelle Pop-Strategien zu analysieren. Es wird die Frage gestellt: Wo und wie kann Pop Gesellschaftskritik oder Politisierungsmoment sein?
Tilman Kallenbach hat in Bamberg Pädagogik studiert und hat zum Thema seine Diplomarbeit verfasst. Er ist lose mit der freien uni bamberg assoziiert und nicht zuletzt ergebener Fan.

Sa 12.10. 19 Uhr M54 im AJZ Chemnitz
“Death and Hell”
Vortrag und Diskussion mit Sascha Pöhlmann zu Politisierungen des Black Metal

In Medien jenseits der Fachpresse wird Black Metal als Musikgenre und Subkultur nach wie vor hauptsächlich in Bezug auf Ereignisse repräsentiert, die das Bild der Szene nachhaltig geprägt haben: die Kirchenbrandstiftungen und Morde in Norwegen in den 1990er Jahren, die mit dem Versuch einer Politisierung des Black Metal einhergingen, welche nicht zuletzt in (Rand-)Phänomenen wie national socalist black metal gipfelte. Black Metal hat sich allerdings, so die These des Vortrags, nach mehr als zwanzig Jahren von diesen Gründungsmythen emanzipiert und sich zu einem globalen Genre entwickelt, das zwar ebensowenig inhärent politisch ist wie etwa Pop oder volkstümliche Musik, das allerdings genauso politisiert werden kann und zwar hinsichtlich radikal verschiedener Ideologien. Beispielsweise haben besonders US-amerikanische Bands in den letzten Jahren ökologisch-anarchistische Ideen transportiert, die den rechten Tendenzen der europäischen Vorläufer entgegenlaufen. Der Vortrag soll die verschiedenen Politisierungen des Genres beleuchten und dabei zeigen, inwiefern Black Metal in den ideengeschichtlichen und ästhetischen Traditionen der Romantik verstanden werden kann.
Sascha Pöhlmann arbeitet am Institut für Amerikanistik der Ludwig Maximilians Universität München und beschäftigt sich insbesondere mit der amerikanischen Literatur der Romantik, Postmoderne und Gegenwart.

Fr 25.10. 19 Uhr M54 im AJZ Chemnitz
“Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst.”
Vortrag und Diskussion mit Ole Löding zu Vergangenheit und Geschichtsbildern im Pop

Die politische Popmusik in der Bundesrepublik reagiert unmittelbar und direkt auf ihr gesellschaftliches Umfeld. Sie thematisiert wichtige gesellschaftspolitische Ereignisse, Kontroversen und Personalien – von der 68er-Revolte, dem RAF-Terrorismus der 70er Jahre, dem Filbinger-Skandal, der Strauß-Kanzlerkandidatur, dem Ost-West-Konflikt bis hin zur Wiedervereinigung. Gleichzeitig ist sie sehr stark von ihrem politischen Umfeld geprägt. Deshalb lässt sich an ihr der kulturelle Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit besonders gut ablesen. Diese Wechselwirkung macht den politischen Song von den 60er Jahren bis zur Gegenwart zu einem präzisen Seismograph, an dem sich der Stand der bundesdeutschen Vergangenheits’bewältigung‘ ablesen lässt. In seinem mit zahlreichen Beispielen unterstützten Vortrag gibt Ole Löding einen Überblick darüber, wie die deutschsprachige Popmusik eine „musikalische Vergangenheitsbearbeitung“ vorgenommen hat, wie sehr stark sich der Umgang mit dem Nationalsozialismus, Geschichtsbilder, Vergangenheitsdiskurse und Aufarbeitungsdebatten seit den 60er Jahren gewandelt haben. Zu diskutieren wird u.a. sein, welche kritischen Perspektiven der popkulturellen Aufarbeitung in MIA´s Berliner Republik zu hören sind.
Ole Löding ist seit 2011 Mitarbeiter im Deutschen Musikinformationszentrum Bonn. Im Transcript Verlag veröffentlichte er das Buch: “Deutschland Katastrophenstaat. Der Nationalsozialismus im politischen Song der Bundesrepublik.”

Fr 15.11. 18 Uhr im Weltecho Cafe
“Anders als die andern Jungs”
Vortrag und Diskussion mit Robert Zwarg zum Phänomen Hipster

Kaum ein Sozialtypus hält sich so beharrlich als Hassobjekt wie der Hipster. Man ist sich uneinig, wie er aussieht, doch alle kennen ihn und niemand möchte einer sein. Einerseits scheint es sich um ein klassisches Phänomen der Mode zu handeln: man denkt an weiße, junge Erwachsene mit einem Hang zu Retro bzw. Vintage-Chic, Jungs mit Bart und Flanellhemd und Mädchen im Lolita-Look. Anderseits ist der Hipster ein beliebtes Ziel von Spott und Hass. Die Liste seiner bemäkelten Eigenschaften ist lang: Geschmäcklertum, unreflektierter Konsumismus, inhaltslose Ironie, Arroganz, Oberflächlichkeit, Unproduktivität, Vorhut der Gentrifizierung. Im Phänomen des Hipsters und dem Ressentiment, das ihn trifft – so die These des Vortrages – spiegelt sich die gesamte Gesellschaft. Die Veränderung der Arbeitswelt lässt sich an dem als Latte Macchiato schlürfenden imaginierten Kreativarbeiter ebenso ablesen, wie die Entzeitlichung der Mode und der Verfall der Subkultur. Sowohl die Chronisten als auch die Verächter des Hipsters verkennen allerdings seinen gesellschaftlichen Grund. Der Vortrag möchte den Hipster als zugleich Symptom und Produkt einer gesellschaftlichen Entindividualisierung deuten, als den Sozialtypus gewordenen Reflex auf eine reale Auflösung von Klassengrenzen, von historischem Bewusstsein und traditionellen Geschlechterrollen; kurz, als Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Entdifferenzierung.
Robert Zwarg lebt in Leipzig und ist Mitglied der Redaktion der Phase 2. Seine Texte erschienen u.a. in der Jungle World, bei beatpunk.org und der Phase 2.

Fr 22.11. 19 Uhr M54 im AJZ Chemnitz
“Personal Jesus”
Vortrag und Diskussion mit Bärbel Harju zur Geschichte und Aktualität christlicher Rockmusik

Religion als Popkultur ist vital, nicht Religion „light“. Das genuin U.S.-amerikanische Phänomen Christian Pop hat sich seit den 1960er Jahren zunächst als Subkultur in einer Art Paralleluniversum etabliert. Heute existiert in den USA nicht nur eine millionenschwere christliche Musikindustrie; auch im musikalischen Mainstream und in vormals nichtreligiösen, „agnostischen“ Subkulturen wie Punk und Hardcore fassen christliche Künstler_innen zunehmend Fuß. Zu fragen wird sein, welche subversiven Strategien Bands wie P.O.D. anwenden und wieso, um die Stigmatisierung als christliche Musiker zu umgehen, welches Wertesystem vertreten wird und wie die Künstler_innen mit Kommerzialisierung und dem Aufgehen im Universum Pop umgehen. Religion als Pop bedeutet keineswegs Verweltlichung. „Christian Pop“-Künstler setzen einen modernen Evangelisierungsstil um, indem sie subtile Botschaften in massenkompatiblen Musikstücken transportieren. Erst durch die Warenförmigkeit des religiösen Angebots wird dieses im „marketplace of culture“ konkurrenzfähig und findet sich aufgrund des kalkulierbaren Publikumansturms auf der Bühne säkularer AJZs.
Bärbel Harju ist Amerikanistin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie hat 2012 im Transcript-Verlag das Buch „Rock und Religion“ veröffentlicht.

Fr 6.12. 19 Uhr M54 im AJZ Chemnitz
“Wir hatten sehr oft Recht und zeigten das auch gern nach außen”
Diskussion mit einer Vertreterin des Conne Island (Leipzig) zum kulturbetrieblichen Alltag

Wieso betreiben Linke Jugend- und Kulturzentren? Unterstellung I: Sie sehen Politisierungs- und Emanzipationspotentiale von Pop- und/oder Subkulturen. Unterstellung II: Sie sind gern mit Freund_innen an der Bar und hören gute Musik. Unterstellung III: Sie haben nichts anderes gelernt. Unterstellung IV: Sie müssen Geld verdienen. Vermutung: Alles trifft irgendwie zu.
Aber wie werden die sich damit ausdrückenden widersprüchlichen Ansprüche umgesetzt und veräußert? Nach welchen Gesichtspunkten das Programm gestrickt, zwischen “Linken, Jugend-, Pop- und Subkulturen”? Interessant dürften in dem Zusammenhang konkrete Interventionen wie Türpolitik, Ausladungen, Flugblätter, Kampagnen und die Verortung in lokalen bis gesellschaftlichen Debatten sein. Ob und was dazu noch zu sagen wäre bzw. wann die Türen zugesperrt werden, ist in der Veranstaltung zu erfragen.
Der Titel entstammt einem Text der Broschüre “20 YRS. Noch lange nicht Geschichte” des Eiskellers.

Sa 14.12. 20 Uhr M54 im AJZ Chemnitz
“Mein Pop, Dein Pop.”
Vortrag und Diskussion mit Sebastian Levin und Christian Kohn zur Bedeutung der Kritik der Kulturindustrie für das Verständnis von Pop und Politik

Wenn nichts geht, eines geht immer: das Gespräch über Film, Musik, Theater, über bildende Kunst oder Mode als heiterer Austausch gewiss vorhandener Meinungen. Der Kulturkonservative bemängelt dann den Schund moderner Unterhaltungskultur – wer besuche heutzutage schon noch die Oper? Sein Gegenüber jedenfalls nicht, er dünkt sich kritisch und meint, dass der Rundfunk und der Tonträgerhandel von Schlechtigkeiten des »angloamerikanischen Kulturimperialismus« überschwemmt wird, der in Tokio Hotel und Scooter seine deutschen Abziehbilder fände. Und dann gibt es wieder welche, die sich mit kleinen Bands, kleinen Labels und kleinen Läden seit Jahrzehnten die »unkommerzielle«, bessere Gegenwelt zum sogenannten Mainstream basteln. Mit einer alternativen Kultur würde man unmittelbar den Hebel an die abschaffenswerte Gesellschaft legen – eine Position, die sich für Kultur als linker Praxis in den Ring begibt. Den Kulturkonservativen, wie den Poplinken – auch wenn sie sich in Wirklichkeit nicht immer klar scheiden lassen – eint meist der Umstand, Kultur ohne ihr Verhältnis zur gesellschaftlichen, kapitalistischen Realität zu verhandeln. Demgegenüber wäre an die Aktualität der Kulturindustriethesen von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zu erinnern, was der Vortrag gerne tun möchte.
Sebastian Levin und Christian Kohn schreiben für das Beatpunk Webzine (www. beatpunk.org)

Eine Veranstaltungsreihe des Alternativen Jugendzentrums und des Bildungskollektivs Chemnitz in Kooperation mit dem Weltecho.
Gefördert durch die Stadt Chemnitz im Rahmen des Lokalen Aktionsplanes Chemnitz.