wochenendseminar zur staatskritik.

14.-16. Juni | Marienstraße 18 | Weimar

Wochenendseminar zur Staatskritik

Das Problem des politischen Subjekts in der bürgerlichen Gesellschaft besteht nach Marx in der Zerrissenheit der bürgerlichen Persönlichkeit: sie zerfällt in den bourgeois auf der einen Seite, der sich privat reproduzieren muss und egoistisch seinen privaten Geschäften folgt und in den citoyen auf der anderen Seite, der Staatsbürgersubjekt ist und sich mit anderen Staatsbürgern über die Belange der Allgemeinheit berät. Aus dieser Zerrissenheit entspringt ein Blumenstrauß von Ideologien – denn das Staatsbürgersubjekt, das sich immer als souverän Handelndes verstehen muss, muss daher seine privaten Voraussetzungen von sich abspalten. Freiheit und Gleichheit kann sich das bürgerliche Subjekt nur deswegen als real existent vorstellen, weil es die reale Unfreiheit und Ungleichheit im Privatleben verbirgt. Weil es andererseits nicht in der Lage ist, diese Ungleichheiten als gesellschaftlich hervorgerufen und bedingt zu begreifen – denn die Sphäre des Vertrags geht ja wirkmächtig von Freien und Gleichen aus –, muss es die Existenz des Staates als lebensnotwendig erachten. Weil es seine privaten Bedingungen und egoistischen Interessen nicht von selbst gesellschaftlich vermitteln kann, braucht es den Staat, der die gesellschaftliche Qualität alles Tuns und Werkelns institutionalisiert und darin von den einzelnen bourgeois verselbstständigt und entfremdet. Nicht staatlich miteinander vermittelte Einzelinteressen sind für den Bürger nur als Mord und Totschlag vorstellbar, während der Staat das Recht auf Gewaltanwendung monopolisiert. Dementsprechend forderte Marx in mehreren Schriften, dass der bourgeois den citoyen in sich zurücknehmen müsse – das heißt, dass die privaten Menschen sich ihrer gesellschaftlichen Qualitäten bewusst werden und ihre Vermittlung in die eigene Hand nehmen müssen. Während am Ende des 19. Jahrhunderts nach Marx die Pariser Kommune ein Beispiel dafür gegeben hat, wie die Gesellschaft die Staatsgewalt in sich zurücknehmen könne, hat sich das Verhältnis der Revolutionäre zum Staat im Laufe des 20. Jahrhunderts verschoben und verkompliziert: Die Verstaatlichung der Arbeiterbewegung, die Errichtung des Staatssozialismus im Osten, der Staat als autoritärer Krisenbewältiger im Westen, die Rücknahme des citoyen in den bourgeois in Form des Soldaten der Arbeit und die intendierte Aufhebung der Klassengegensätze im nationalsozialistischen Volksstaat – all dies sind Stichwörter, die deutlich machen, dass wir historisch und gegenwärtig auf verschiedensten Ebenen mit dem Problem des Staats konfrontiert sind und um eine umfassende Kritik jeder Form von Staatlichkeit nicht herumkommen. Im Seminar wollen wir zunächst einige Bestimmungen Marxens zum modernen Staat nachvollziehen, um diese in der gemeinsamen Lektüre mehrerer Texte (u.a. von Johannes Agnoli) zu konkretisieren. Dabei soll sich die Textlektüre nach den Bedürfnissen der TeilnehmerInnen richten und gegebenenfalls in kleineren Lektüregruppen gearbeitet werden. Ziel des Seminars ist weniger eine umfassende Abarbeitung am Problem des Staates, als eine Annäherung und gemeinsame Diskussion an/über Probleme, die den Organisatoren und TeilnehmerInnen wichtig erscheinen.

Das Seminar findet statt im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“: http://dissideo.blogspot.de/ Es sind keine Vorkenntnisse nötig, eine Anmeldung zum Seminar ist erwünscht (biko[at]arranca.de).