Gefangen im Zirkel der Ohnmacht: Einige Anmerkungen zu »Die Rebellion der Angepassten« und »Der grosse Hedonismus-Schwindel«

Adrian Lauchengrund

Der Autor von »Die Rebellion der Angepassten« weist darauf hin, dass das Veranstalten nicht angemeldeter Partys, verbunden mit dem Verkauf von Getränken an der Steuer vorbei, einer hohen Lautstärke usw., wenn es mit der Erwartung von Straffreiheit einhergeht, einer infantilen Verhaltensweise entsprechen würde, d.h. einem bewussten Fehlverhalten, wobei Konsequenzen des eigenen Verhaltens aber in einer kindlichen Weise nicht auf sich genommen werden wollen. Darüber hinaus stellt er fest, dass das bürgerliche Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz das letzte zu verteidigende Prinzip bürgerlicher Gesellschaft sei, welches durch die Forderung nach Sonderrechten außer Kraft gesetzt werden würde.
Der Autor von »Der grosse Hedonismus-Schwindel« stellt dar, dass das Veranstalten von und die Teilnahme an ebensolchen Elektropartys die Fortsetzung des Leistungsprinzips in die Freizeit sei und der durchgehende Beat von Elektromusik der Auflösung des Unterschieds von Arbeit und Freizeit in der gegenwärtigen Gesellschaft entsprechen würde. Das Feiern bei Elektropartys sei also vollkommen der gegenwärtigen Gesellschaft entsprechend und würde diese affirmieren und zu ihrer Aufrechterhaltung beitragen. Damit werden Teilnehmer solcher Partys als angepasst an diese Gesellschaft bestimmt und jeglicher alternativer oder subversiver Charakter dieser Veranstaltungen wird verneint.
All diese Feststellungen scheinen für sich genommen nachvollziehbar und richtig, dennoch ergeben sich daraus einige Widersprüche. Wie wäre denn erwachsenes Verhalten, welches nicht infantil und regressiv wäre, überhaupt möglich in einer Gesellschaft, von der die Veranstalter mit Adorno davon ausgehen, dass jegliche verändernde Praxis verstellt ist? Adorno war zumindest noch verzweifelt über seine diesbezügliche Feststellung, heute scheint mit ebendieser Feststellung eher eine Art Befriedigung verbunden zu sein. Das ständige Erklären der Unmöglichkeit jeglicher verändernder Praxis und die damit praktisch unauflöslich verbundene Hervorbringung eines individuellen Ohnmachtsgefühls, welches wiederum mit der praktischen Unmöglichkeit tatsächlich verantwortungsvollen, d.h. erwachsenen Verhaltens einhergeht, scheint mit einer gewissen Art von Selbstbefriedigung verbunden zu sein, die selbst etwas infantiles zu haben scheint. Adorno schreibt an einer anderen Stelle, dass die fast unlösbare Aufgabe darin bestünde, sich weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen. Hieraus ergeben sich zwei weitere Fragen: Zum einen, ob denn tatsächlich von einer vollständigen Ohnmacht auszugehen ist, und zum anderen ob die ständige Verkündigung der eigenen Ohnmacht nicht dem gleichkommt, was Adorno als ›sich dumm machen lassen‹ bezeichnet.
Der Sinn von Ideologiekritik wurde einmal darin gesehen, darauf hinzuweisen, dass jegliche gesellschaftliche Formen letztlich auf die sozialen Beziehungen von Individuen zurückzuführen sind, um damit die Herstellung von Gesellschaft durch die Individuen erkennbar zu machen. Wenn auch durch die gesellschaftliche Vermittlung über Realabstraktionen die Situation erschwert wird, so sollte doch Ideologiekritik genau das Gegenteil von Ohnmacht bewirken, nämlich die prinzipielle Möglichkeit der Veränderbarkeit von als quasi naturgegeben erscheinenden gesellschaftlichen Verhältnissen zu zeigen. Liest man bei Adorno einige Sätze vor der Feststellung, dass die Praxis verstellt sei, dann findet man dort die Bemerkung, dass Theorie auch an der aufgeschobenen und nicht warten könnenden Praxis krankt. Ein Beispiel dafür scheinen die beiden behandelten Texte zu sein.
Es lässt sich in dem Text »Die Rebellion der Angepassten« noch ein weiteres internes Widerspruchsverhältnis erkennen, welches u.a. mit dem nicht geklärten Verhältnis von Psychoanalyse und Gesellschaftskritik zusammen hängt. Ausgangspunkt sind zunächst, wie bei Freud, die vorgefundenen und scheinbar nicht hinterfragten, bürgerlichen Gesellschaftsverhältnisse, hier insbesondere die bürgerlichen Gesetze und ihre exekutiven Institutionen. Im Sinne der Berücksichtigung des psychoanalytischen Realitätsprinzips wird eine angemessene Anpassung an diese Verhältnisse vorausgesetzt, um nicht dem Vorwurf der Infantilität ausgesetzt zu werden. Die aus dieser Perspektive entwickelte Kritik verbleibt damit vollständig innerhalb der Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft.
Nicht infantiles, also erwachsenes, Verhalten, bei dem Verantwortung für das eigene Handeln übernommen werden würde, bestünde aus dieser Perspektive mithin vor allem darin, sich nach den Anforderungen und Prinzipien der vorgefundenen, bürgerlichen Gesellschaft zu richten. Da aber diese Gesellschaft weder vernünftig eingerichtet ist, noch menschlichen Bedürfnissen gerecht wird, sind durchaus illusorische Tendenzen zur Flucht aus dieser unbefriedigenden Situation nur allzu verständlich. Überdies enthalten sie als überschießendes Element die Sehnsucht nach Glück. Inmitten des ätherischen Bollwerks der bürgerlichen Gesellschaft können dies indes notgedrungen nur kurz aufblitzende Momente trügerischer Glücksillusion bleiben, aus denen man durch die für jeden gleiche, gesetzlich garantierte Freiheit, seine Arbeitskraft zu verkaufen, jäh wieder gerissen wird, die aber dennoch auf menschliche Bedürfnisse hinweisen, die in der bürgerlichen Gesellschaft anscheinend unerfüllt bleiben. Die so eindeutige vertretene Abwehrhaltung gegenüber regressiven Bedürfnissen erscheint selbst eher als ein Symptom verinnerlichter Leistungsbereitschaft, denn als Moment kritischer Reflexion bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse. Der Widerspruch, dass die regressiven Bedürfnisse, die Sehnsucht nach Glück, unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht erfüllt werden können, kann nicht durch eine Negation solcher Bedürfnisse aus der Welt geschafft werden. Er stellt dagegen ein untrügliches Anzeichen dafür dar, dass diese Gesellschaft nicht menschlichen Bedürfnissen gemäß eingerichtet ist.
Führt die falsch eingerichtete Gesellschaft einerseits zu illusionären Ablenkungs- und Fluchttendenzen, scheint sie andererseits eine Affirmation von Prinzipien bestehender bürgerlicher Verhältnisse, wie eben dem Leistungsprinzip, zu bewirken. Dass Partyfeierei auch zum Feierzwang werden kann und dadurch das Leistungsprinzip in die Freizeit verlängert wird, wie es im Text »Der grosse Hedonismus-Schwindel« beschrieben wird, birgt eine besondere Tragik in sich, denn hier führen unerfüllte Bedürfnisse zu suchtartigen Verhaltensweisen, durch die der Mangel an regressiven Erfahrungen sorglosen Glücks nicht aufgehoben werden kann.
Zuletzt bleibt festzuhalten, dass die Berufung auf die Gleichheit vor dem Gesetz in den bestehenden Verhältnissen insofern Ideologie bleibt, als der bürgerliche Staat der Staat des Kapitals ist. Freiheit, Gleichheit und Solidarität waren in der bürgerlichen Gesellschaft niemals durchgesetzt. Von Verfallsformen bürgerlicher Gesellschaft zu sprechen hat selbst ein ideologisches Moment, indem damit Prinzipien bürgerlicher Gesellschaft idealisiert werden, die real unheimliches Unheil bedeuten. Die Dialektik der Aufklärung umgehen zu wollen, bringt die Gefahr einer Reihe von Fallstricken mit sich…