Kritik der Politikwissenschaft.

Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr, Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

»That politics may be reduced to a science«. Die politikwissenschaftliche Ersetzung von Herrschaft durch Psychologie der Herrschenden.

Vortrag und Diskussion mit Alex Gruber

In Anschluss an das von Gramsci et al. herrührende Hegemoniekonzept hat sich eine Seinslehre der Macht durchgesetzt, die den Staat als jene Arena hypostasiert, in welcher der für das Feld des Politischen grundlegende Kampf stattfindet. »Der Staat ist die materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen«: Dies ist die an Nicos Poulantzas geschulte Fassung einer Ontologie des Politischen, die in ihrem Versuch, »Politische Theorie als erste Philosophie« (Oliver Marchart) zu betreiben, alles andere als zufällig – mal verdruckster, mal offener – eine Renaissance von Politischer Theologie vorantreibt und darin der Ranküne gegen Rechtsstaatlichkeit und repräsentative Demokratie zuarbeitet.

»Ist unsere Demokratie noch zeitgemäß« ist die Frage, die in solch scheinkritischen Diskussionen gestellt wird, und die wenig überraschende, weil in der Frage schon angelegte Antwort lautet: Nein – ?weil die »etablierte Politik« im Dienste der »Vermögensbesitzer« und gegen die »leidende Bevölkerung« regiere (Ulrich Brand). Die am Beginn der Moderne stehende Erkenntnis, dass es auf die gesellschaftliche Einrichtung und nicht auf die subjektiven Dispositionen des Herrschaftspersonals ankommt, ist liquidiert zugunsten einer Psychologie, welche Herrschaft und Krise auf mangelnde Solidarität der regierenden Politiker reduziert wissen, und diese durch einfühlsamere und ›bürgernähere‹ ersetzt sehen möchte. Darin ist zugleich die Gewalt verdrängt? – jene Gewalt, von der ein bürgerlicher Denker wie Hume noch jederzeit einen Begriff besaß, und die er durch einen »representative body« und ein System von »checks and balances« eingehegt wissen wollte.

Alex Gruber ist Mitherausgeber des Buches »Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft« (ça ira, 2011).

[Hört auf zu studieren, fangt an zu begreifen! Antifaschistische Hochschultage Sommersemester 2012]