99% gegen ‘Bankster’ und Finanzkapital?

Über die fragwürdigen Hintergründe der „Occupy-Bewegung“ & den Unterschied zwischen Ressentiment und Kapitalismuskritik

Eröffnungsvortrag der Reihe „Was tun? Zum Verhältnis von Theorie und Praxis“

Mi, 23.11.11 I 18.30 I Melanchthonianum, Uniplatz

Die Occupy-Bewegung ist in aller Munde. Nachdem zehntausende Demonstrant_innen am 15. Oktober 2011 überall in Deutschland auf die Straße gingen, wurden Plätze besetzt, öffentliche Versammlungen abgehalten oder gemeinsam gezeltet. „Wir sind die 99 Prozent“, hieß es selbstbewusst, nicht nur in Frankfurt und Berlin.

Die Occupy-Bewegung richtet sich gegen das eine Prozent, also gegen eine angenommene kleine Minderheit, die für alles Übel der kapitalistischen Gesellschaft verantwortlich gemacht wird – ein Übel, dass sie in dem Begriff des „Finanzkapitals“ beschrieben sehen. In Polittalkshows wie Maybrit Illner kommen die Wortführer der Bewegung zu Wort, um sich als idealistische und demokratische Avantgarde zu inszenieren. Spiegel, TAZ oder BILD-Zeitung erfreuen sich an den neuen Protesten gegen die „Bankster“. Unterstützung kommt auch von Gregor Gysi und von Konstantin Wecker. Er schrieb einen ganzen Song, der ein weiteres Motto der Bewegung aufgreift: „Empört Euch!“

Kritik ist seltener zu hören. Viele Aktivist_innen stammen aus dem verschwörungsideologischen Milieu und wurden durch Filme wie „Zeitgeist“ geprägt, in denen eine Verschwörung globaler Eliten propagiert wird, die aus dem Hintergrund die Fäden ziehen und Menschenmassen wie Marionetten bewegen. Auf den bisherigen Demonstrationen wurden unwidersprochen Lynchphantasien geäußert, auch wurden antisemitische Plakate gezeigt. Zudem beteiligt sich ein rechter Bodensatz:

An den Camps und Aktionen sind auch strukturell antisemitische Zinskritiker, rechtspopulistische Parteikader und verschiedene Querfrontler beteiligt, die von einer großen deutschen Volksbewegung träumen. Viele Aktivist_innen der Occupy-Aktionen vertreten eine verkürzte und falsche Kapitalismuskritik. Sie sind nicht in der Lage, die komplexen Mechanismen kapitalistischer Akkumulation einer Kritik zu unterziehen und personalisieren „das Schlechte“ der Verhältnisse – schuld ist für sie nicht das abstrakte Kapitalverhältnis, sondern lediglich der schlechte Charakter oder die Gier von bösen Managern, Bankstern oder Politikern.

Der Publizist Martin Wassermann (Berlin) wird in seinem Vortrag diese „dunkle Seite“ der deutschen Occupy-Bewegung beleuchten. Er ist Betreiber des Webblogs „Reflexion“. U.a. dort beschäftigt er sich mit verschwörungsideologischen Ansätzen, wie sie auch die Occupy-Bewegung maßgeblich geprägt haben. In seinem Vortrag wird er auf diese überaus problematischen, doch sonst selten thematisierten Hintergründe der Bewegung eingehen und aufzeigen, warum die deutsche Occupy-Bewegung eigentlich nichts mit Emanzipation zu tun hat.

Ein Vortrag des AK „Kritische Intervention“