Die schlechte Aktualität des Immergleichen.

Kaum wird auch hier die Frage danach gestellt, wem die Stadt gehört, was in ihr getan werden kann oder auch nicht, schon folgt die Denunziation dieser Fragestellung. Das war nicht anders zu erwarten, da sich dieses Szenario in ähnlicher Form anderswo schon vor längerer Zeit abgespielt hat. Die zugrundeliegende Diskussion um das Verhältnis von Praxis und Ideologie/Kritik/Theorie begleitet die an Marx anschießende Gesellschaftskritik praktisch seit Anbeginn.
Auf Marx Grab stehen seine Worte: „The philosophers have only interpreted the world, in various ways; the point is to change it.“, auf der Gedenktafel für Adorno an seinem ehemaligen Wohnhaus in Frankfurt finden sich dessen Worte: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. In der Gegenüberstellung dieser beiden Sätze wird der Widerspruch offensichtlich. Daraus ergeben sich eine Menge unbeantworteter Fragen, z.B. die nach der Relevanz von unterschiedlichen Lebensumständen im falschen, d.h. danach ob es ein besseres und ein schlechteres Leben im falschen geben kann und welche Bedeutung einer solchen Unterscheidung zukommen kann.
Die ist ein Einsatzpunkt der Frage danach, wem die Stadt gehört bzw. danach, ob sie überhaupt jemandem gehört. Durchaus sinnvoll scheint es zu sein, den Ursprung dieser Frage zu betrachten. Diese geht auf die Konzeption „Recht auf eine Stadt“ von Henri Lefebvre zurück. Levebvre geht dabei nicht von einem Recht im juristischem Sinne aus, sondern meint damit etwas wie eine Forderung und einen Anspruch. Beim lesen von Texten Lefebvres erscheint die Kritik am Konzept „Recht auf Stadt“ als verkürzte Kapitalismuskritik etwas befremdend, wobei dieses sich natürlich von der Konzeption Lefebvres unterscheidet. Lefebvre jedenfalls hat ein äußerst präzises und weitreichendes Verständnis vom Kapitalverhältnis und dessen Reproduktion. Als Ort der Reproduktion der kapitalistischen Produktionsverhältnisse sieht er die Stadt an, die sich in Form der Verstädterung zum allgemeinen, räumlichen Prinzip kapitalistischer Vergesellschaftung entwickelt. Lefebvre geht es damit, und nicht nur damit, um die Veränderung des falschen Ganzen, wobei eben die Stadt der zentrale Ort und damit für ihn ein entscheidender Ansatzpunkt ist. Er geht damit davon aus, dass es einen Unterschied macht, wie die städtischen Lebens- und Produktionsverhältnisse, und damit die gesellschaftlichen Verhältnisse, gestaltet werden. Er hält sich mit dieser Sichtweise eng an das dialektisch-materialistische Verständnis von Marx und einen historischen Materialismus.
Wenn Proteste gegen Ordnungsämter nach dem Verbot von Open-Air-Partys in Halle und Leipzig nun als eine Rebellion der Angepassten kritisiert wird, ist dies zwar einerseits richtig, aber andererseits ebenso falsch, weil in der gegenwärtigen Gesellschaft kaum jemandem etwas anderes übrig bleibt, als sich mehr oder weniger anzupassen. Ähnlich verhält es sich mit der Kritik des Hedonismus als Verlängerung des Leistungsprinzip in die Freizeit. So richtig diese Kritik an vielen Stellen sein mag, so falsch ist sie, wenn damit das Glücksversprechen und der „schöpferische Überschuß“, wie Lefebvre es nennt, des Urbanen eingeebnet wird. Was bei solchen Kritiken fehlt, ist ein dialektisches Verständnis von Gesellschaft und gesellschaftlicher Entwicklung, wie es u.a. bei Marx vorhanden ist. Bei Marx wird sehr ausführlich die Entstehung des Kapitalismus aus feudalen Verhältnissen heraus dargestellt. Dieser Prozess verlief eben auch in einer historisch-dialektischen Entfaltung der Beziehungen zwischen verschiedenen Momenten. Nicht anders scheint eine Überwindung kapitalistischer Verhältnisse vorstellbar. Wie kapitalistische Strukturen innerhalb feudaler Herrschaftssysteme entwickelt wurden und sich diesem zunächst notwendig anpassen mussten, können kommunistische Strukturen nur unter den kapitalistischen Verhältnissen entwickelt werden. Es muss also irgendwie doch zuerst einmal etwas besseres oder richtiges im falschen geben. Dazu können u.a. auch Hedonismus, „Recht auf Stadt“, Urban Gardening, Punk und DIY gehören, der Kapitalismus fing schließlich auch einmal mit so etwas wie Heimwerken an. Die feudalen Verhältnisse, die auf direkter Herrschaft beruhten, sind natürlich nicht vergleichbar mit den kapitalistischen Verhältnissen, die auf gesellschaftlicher Vermittlung beruhen, aber dennoch kann eine Überwindung nur innerhalb dieser Verhältnisse ihren Anfang nehmen, was u.a. der Ansatzpunkt von Lefebvre ist.

Adrian Lauchengrund

(Radio Corax Programmheft September 2011)

[Der Anlass des Textes war neben dem Schwerpunkt „Wem gehört die Stadt?“ des Programmheftes die folgende Veranstaltungsankündigung: http://nokrauts.org/2011/08/der-grose-hedonismus-schwindel-uber-die-rebellion-der-angepassten/]