Zum Vortrag „Der gefesselte Odysseus. Über die Dialektik der Aufklärung im Islam“ von Thomas Maul.

Von Dialektik war im Vortrag nicht die Rede. Von Aufklärung auch nicht. Vom Islam dagegen schon. Insofern wurde das im Titel angekündigte Vorhaben verfehlt. Maul wollte seine Islamkritik nicht als Subgenre von Religionskritik verstanden wissen, sondern als Subgenre des Antifaschismus und des Feminismus. Zu den Quellen von Mauls Islamverständnis kann hier aufgrund mangelnden Sachverstandes in dieser Hinsicht nichts weiter ausgeführt werden. Maul führte dazu aus, dass Ghazali, auf den er sich hauptsächlich stützt, ein liberaleres Islamverständnis hätte, als heute maßgebliche islamische Theologen. Nicht erwähnt wurde aber beispielsweise, dass dieser ein mittelalterliche islamischer Theologe war. Dies allein spricht aber schon dagegen, von einer Dialektik der Aufklärung im Islam zu sprechen. Die bei Maul insgesamt betriebene, ahistorische Essentialisierung des Islams als monolithischem Block, unter den dann alle Individuen gewaltsam subsumiert werden, die in dem von dieser Religion geprägten Raum leben, hat mit einer kritisch-dialektischen Darstellung nicht das geringste zu tun und wird sehr gut im Text „Essentialistische Märchenstunde“ kritisiert.
Maul charakterisierte den Islam als eine gegenüber dem Judentum und dem Christentum minderwertige Religion. Dies begründete er u.a. mit der spezifischen Jenseits- bzw. Paradiesvorstellung des Islam und mit der Rechtspraxis der Scharia. Die christliche Kirche hätte dagegen das römische Recht aufbewahrt, wodurch die christlich-kirchliche Rechtsprechung fortschrittlicher als die der feudalen, weltlichen Herrscher gewesen sei, und welches sodann zur Herausbildung des bürgerlichen Rechts beigetragen hätte. Die Ringparabel bezeichnete Maul in diesem Zusammenhang als Notlüge bedrängter Juden. Eine dialektische bzw. materialistische oder auch kritische Sichtweise müsste die historische Entwicklung der jeweiligen Religionen im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen im einzelnen rekonstruieren, statt eine solche Dichotomie zwischen christlicher und jüdischer Religion auf der einen und islamischer Religion auf der anderen Seite herzustellen.
Den Islamismus erklärte Maul durch ökonomische Krisenerscheinungen in der gegenwärtigen islamischen Welt. Das von ihm postulierte, islamische, patriarchale, phallozentrische Modell gerät ihm Zufolge dadurch in eine Krise. Die Triebabfuhr wäre dadurch nicht mehr gewährleistet, dass die islamischen Männer ihre patriarchale Rolle als Versorger nicht mehr übernehmen könnten und somit keine Frau dafür zur Verfügung hätten. Daher müsste nun die Verhüllung und Bedeckung alles sexuell Aufreizenden bei der islamischen Frau um so rigider erfolgen. An dieser Stelle wäre zu Fragen, wie denn dann der Rückgang islamistischer Bewegungen und die Entstehung und die starke Ausbreitung der Demokratiebewegung zu erklären wäre. Aber von Dialektik war ja nicht die Rede.
Immerhin wollte Maul den Islamismus noch von dem Islam an sich unterscheiden, wobei er in der Diskussion, bei der einige Zuhörer dafür kein Verständnis aufbringen wollten, sich fast dazu veranlasst fühlte auch diesen Unterschied noch fallen zu lassen.
Bei einigen anderen Fragen, die einer Dialektik der Aufklärung des Islams vielleicht etwas näher zu kommen versuchten, waren die Antworten Mauls sehr bescheiden. So bei der Frage danach, wie er den die Auffassung sähe, dass der Islam für eine längere Zeit toleranter, z.b. gegenüber Juden und Homosexuellen oder aber auch in Bezug auf Wissenschaft und Philosophie, war, als das damalige christliche Abendland. Hierbei wäre eine dialektische Betrachtung, ähnlich der Dialektik der Aufklärung in Europa, sicherlich angebracht. Darüber wusste Maul aber nicht viel zu sagen. Ähnlich wenig wusste er auf die Frage zu sagen, wie denn die von Marx beschriebene Freisetzung der Einzelnen von Sippe und Patriarchat, d.h. persönlichen Herrschaftsverhältnissen, im Zuge der Herausbildung des Kapitalismus, im islamischen Raum zu sehen sei. Auch hier wäre wieder auf die historisch und materialistisch spezifischen Bedingungen und Entwicklungen in diesem Raum in dialektischer Art und Weise einzugehen, z.b. darauf dass eine ursprüngliche Akkumulation und eine Industrialisierung, wie in Europa, im islamisch geprägten Raum nicht stattgefunden hat, und dass dort stattdessen u.a. teilweise koloniale Verhältnisse herrschten. Das heißt, eine Dialektik der Aufklärung des Islams, wäre durchaus eine lohnenswerte Angelegenheit. Sie wäre aber etwas vollkommen anderes, als das, was Thomas Maul unter dieser Überschrift betreibt.