can‘t close my eyes

youth of today

Samstag, 25.09.2010, conne island

Burning Fight Tour:

Youth of Today
Spermbirds
Suffer survive

Im May 2009 erschien in den USA das von Brian Peterson verfasste Buch „BURNING FIGHT: The Nineties Hardcore Revolution in Ethics, Politics, Spirit and Sound“. Das Buch befasst sich sowohl mit der Historie des HC der 80er, aber im speziellen mit der Bewegung der 90er. Hintergründe, Bandhistorien und Beschreibung einer Lebenseinstellung. Zur Veröffentlichung des Buches folgten einige Konzerte in den USA, die auf sehr großen Anklang stießen und Fans aus der ganzen Welt und im Besonderen aus Europa magisch anzogen.
Aus diesem Anlass kommt die gleichnamige Tour 2010 zum ersten Mal nach Europa. Den Anfang machen die legendären 1985 gegründeten Youth of Today um den Shouter Ray Cappo. Sie übernahmen Ende der 80er das Erbe der ersten Straight Edge-Welle von Bands wie Minor Threat, SSD und DYS und entwickelten sich zu einem der herausragenden Acts. Mit von der Partie sind John „Porcell“ Porcelly an der Gitarre, Sammy Siegler (u.a. Rival Schools) an den Drums und Ken Olden (Damnation A.D.) am Bass.
Mit den Spermbirds konnte ein würdiger Co-Headliner gewonnen werden, auch wenn SxE sicher nicht ihr Thema ist/war. Das Quintett um den amerikanischen Sänger Lee Hollis startete bereits in den frühen 80ern und war eine der ersten europäischen Bands, die Hardcore als schnellere Variante von Punkrock spielte. In über 25 Jahren Bandgeschichte tourten sie durch ganz Europa, Australien und Südafrika. Anfang September erscheint passend zur anstehenden Tour das achte Studioalbum „A Columbus Feeling“ auf Rookie Records.

[aus dem CEE IEH #179]

Nüchtern betrachtet …

… bietet der Lifestylecode der asketischen Straight-Edge-Bewegung Anknüpfungspunkte für Antifas wie Neonazis

Christoph Horst

Es wäre nicht das einzige Mal, daß der Schnaps den preußischen Staat gerettet hat”, schrieb schon Engels 1830 über die Wirkung von Alkohol auf die Revolution. Weil der Punk Mitte der achtziger Jahre einigen Aktiven zu selbstzerstörerisch auftrat, bildete sich mit Straight-Edge-Hardcore eine Bewegung, die aus konsequenter Drogenfreiheit (inklusive Alkohol und Nikotin) einen eigenen, von esoterisch-positivem Herangehen an die Umwelt getragenen Verhaltenskodex aufbaute. Gammelpunks am Dorfplatz, ein leider anachronistisches Motiv, gelten ihnen als zu wenig subversiv. Gefragt ist der gestählte Kämpfer, der seinen Körper rein hält von bewußtseinstrübenden Gefahren und “die Dinge kontrolliert, anstatt sich von ihnen kontrollieren zu lassen” (Ian MacKaye, Sänger der ersten Straight-Edge-Band Minor Threat).

Auch Straight Edger stellen sich den Umsturz der Verhältnisse asketisch-protestantisch vor. Oft, definitorisch jedoch nicht notwendig, verbindet Straight Edge sich mit der elitären Eßstörung Veganismus und anderen tierrechtlichen Ticks, die letztlich gegen die Emanzipation des Menschen von der Natur dessen Unterordnung unter reaktionäre Naturmystik befördern. Mathematisch endet die Negation der Verneinung im Positiven, was bei der Betrachtung von Straight Edge als Gegenentwurf innerhalb des Punk schlüssig ist, wenn man berücksichtigt, daß die Szene überwiegend aus gebildeten, finanziell abgesicherten, jugendlichen Männern besteht. Doch allzu einfach sollte man es sich bei der Beurteilung dieses Phänomens nicht machen, zumindest nicht, wenn man dem Punk als Ganzem eine progressive Funktion unterstellt, die über die musikhistorische Wirkung hinausgeht.

Musikalisch ist Straight-Edge-Hardcore eine Weiterentwicklung des Punk in Richtung noch konsequenteren Verzichts auf filigrane Einzelleistungen von Solostars beziehungsweise in einer anderen Richtung eine Hinwendung zu der romantischen Aggressivität des Metal. Zudem ist es ein sehr fortschrittliches Prinzip in der Szene, die Trennung von Band und Publikum aufzuheben: Auch Bühnen gelten als Teil poporientierter Selbstdarstellung. Straight-Edge-Hardcore wäre wohl die Begleitmusik des futuristischen Manifests gewesen. Und wie dieses gerät auch jener nach und nach in die Fänge des Faschismus. Neonazi-Hardcore ist kein neues Phänomen, aber ein immer bedrohlicheres. Peter Hoeren vom Label Crucial Response nimmt dazu Stellung: “In der Hardcore-Szene tummeln sich keine Nazis – schlimm genug, daß in der Öffentlichkeit dieser Eindruck vorherrscht. Die Nazis versuchen jedoch, Begriffe wie Straight Edge oder Hardcore für sich zu vereinnahmen. Hardcore gehört nach wie vor der linken Subkultur an.” Tatsächlich sind Neonazis in vielen gesellschaftlichen Bereichen bemüht, vermeintlich linke subkulturelle Codes (Kleidung, Musik etc.) zu kopieren und zu dominieren. Immerhin mußten sich ja schon die Punkoldies Dead Kennedys gegen Rechte wehren: “Nazi Punks – Fuck off!” Allerdings bietet der Lifestylecode von Straight Edge ein Gerüst, dessen sich Antifas, unpolitische Punks, Neonazis und mittlerweile sogar Islamisten gleichermaßen bedienen können. Nicht wenige populäre Edger wurden durch ihre zivilisationsfeindliche Transzendenz Hare Krishnas. Explizit kommunistische Bands wie Manliftingbanner oder Seein Red bildeten zwar eine Minderheit, hatten aber starken Einfluß auf die Szene, mehr zumindest als Bands wie Youth Defense League, Urgestein des nationalen Straight Edge, oder heutige Bands, die offen mit Hakenkreuz auftreten und dazu Total War oder Blue Eyed Devils heißen.

Eine gelungene, wenn auch nicht abschließende Antwort auf die schwierige Frage, was Straight Edge im Kern ist, bietet Merle Mulder in ihrer Diplomarbeit. Diese leidet zwar unter einer akademischen Abschlußarbeiten eigenen unbeholfenen Sprache. Aber indem die Autorin Straight Edge mit Rückgriff auf die Ahnengalerie der Soziologen (Marx, Simmel, Bourdieu) prüft, um sie als Subkultur, Ideologie oder Lebensstil einzuordnen, kommt sie dem Phänomen sehr nahe.

Im gerade auf DVD erschienenen Film “Edge” kommen diverse Protagonisten zu Wort, inklusive Ian MacKaye, der sehr entspannt mit seiner Idee umgeht, die viele Edger bis heute militant ausleben. Schrittweise wird im Film ein Schaubild erstellt, das Straight Edge erklären könnte. Daß die Regisseure versäumen, am Ende des Films das Bild als Ganzes zu zeigen, läßt darauf schließen, daß sie keine vollständige Erklärung für dieses Phänomen parat haben. Näher wäre man dem Gegenstand mit ein wenig mehr Musik gekommen, immerhin ist dies die Klammer der Bewegung. Kritik an Straight Edge kommt zwar vor, aber viel zu kurz.

In der gut durchdachten Transcript-Reihe des Unrast-Verlags ist eine sehr knappe Einführung in Straight-Edge-Ideologie und -Geschichte erschienen. Autor Gabriel Kuhn ordnet sie ganz klar als Teil linker, insbesondere anarchistischer Bewegungen ein, unterschlägt dabei aber nicht die Problematik rechter Übernahmeversuche.

Straight Egde ist also überwiegend irgendwie links, manchmal auch rechts und in der Regel wenig tiefgründig. Was bleibt, ist Musik, die den bürgerlichen Alltag mit seiner immanenten Aggressivität konfrontiert.

Gabriel Kuhn: Straight Edge. Unrast, Münster 2010, 71 Seiten, 7,80 Euro

Merle Mulder: Straight Edge. Subkultur, Ideologie, Lebensstil? Telos, Münster 2010 (erweiterte Neuauflage), 186 Seiten, 18,50 Euro

“Edge. Perspectives on Drug Free Culture”; Buch und Regie: Marc Pierschel, Michael Kirchner; Deutschland 2009 (Compassion Media), 82 Minuten, DVD

(konkret 10/2010)