Archiv für September 2010

30.09. kino //// 1.10. benefiz @ reil78/halle

@ reilstraße 78:

30-09-10

Kino:

21 Uhr

no lager – nowhere

Doku über den internationalen Widerstand gegen Flüchtlingslager und Abschiebegefängnisse, (Deutschland 2005) 39min.

Der 36. Breitengrad

Dokumentation und Fiktion über die Südgrenze Europas, (Spanien 2004) 65min.

01-10-10

Vortrag:

19:30 uhr

Flüchtlingsfrauen – ihre Fluchtgründe und die Lebensumstände während des Asylbewerbens in Sachsen-Anhalt
C.Schmauch (Rechtsanwältin)
B.Mopita (Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V.)

Benefizkonzert:

22:00uhr

treibsand
folk/rock/punk [leipzig]

tar…feathers
gothic/pop [berlin.stockholm]

sissters
punk/pop [berlin]

[fotoaustellung]

[infostände]

[cocktails]

[veganes buffett]

der Eintrittspreis wird den Organisationen der Flüchtlingshilfe gespendet

Keine Farben – Antinationalistische Demonstration

Banner für Keine Farben Blog

Schwarz.Rot.Gold. …sind nicht mal alles Farben.
Gegen Deutschland, Nation und Kapital.

3. Oktober 2010. In der Krise beschworen, bei der Fußball-WM zelebriert, soll sie zum 20. Mal gefeiert werden: die deutsche Einigkeit. Zu all den Widerlichkeiten, die solches Treiben mit sich bringt, möchten auch Deutsche aus Jena etwas beitragen. Im Mittelpunkt steht dabei der Jenaer „Dreifarb“, der in einer Ausstellung im hiesigen Stadtmuseum als ein „ganz besonders spannendes Stück deutscher Erinnerungskultur“ präsentiert werden soll. Einige Protagonist_innen in Jena träumen gar von einem Nationalmuseum und streben nach einer „Popularisierung des Kulturguts Schwarz Rot Gold“, welches aus dem „Volk“ stamme und auch deswegen im Gegensatz zu „Schwarz-Weiß-Rot“ ganz harmlos sei. Daher gälte es auch, die Deutschen Farben zu schützen: vor historischer Fehldeutung von Links und Missbrauch durch Nazis.
Der Wunsch nach dem „ganz anderen“ deutsch-nationalen Kollektiv wird solide vorgetragen. Endlich möchte man über den eigenen Schatten springen, aber über welchen eigentlich noch? Längst ist der Schatten den Auschwitz wirft unter dem Etikett „Erinnerungskultur“ zum Bestandteil einer positiven deutschen Identität geworden. Deren Farben sind Schwarz-Rot-Gold.

Burschenschaften als Vorkämpfer der „Demokratie“
Es war die Fahne der reaktionären Jenaer Urburschenschaft „Arminia“, die 1817 an der Spitze des Wartburgzuges getragen wurde und sich damit als Symbol der deutsch-nationalen Vereinigungs-Fanatiker etablierte. In einer Ausstellungsankündigung des Jenaer Stadtmuseums ist die Rede von einem „Symbol für Freiheit und deutsche Einheit“ und Jena wird als die „Wiege der Demokratie“ gefeiert. Der Männerbund „Arminia“ wird dabei gewollt oder ungewollt zum Vorreiter der „Demokratie“ stilisiert, völlig ungeachtet der Tatsache, dass der Ruf nach der geeinigten Nation nichts anderes als der reaktionäre Kampf gegen die Ideen der Aufklärung war. Im Krieg gegen Napoléon entdeckten verschiedene deutsch-nationale Ström-ungen erstmals die Nation als Kampfparole. Bei den Burschenschaften war in diesem „Einheitskampf“ der völkische Gedanke von Anfang an tragendes Element. „Ihr stammt aus Hermanns Blut“ (Bezug auf den Germanen Hermann, den Cherusker) wurde zum geflügelten Wort und bot die Möglichkeit, Gruppen von Menschen innerhalb Deutschlands „blutsmäßig“ auszuklammern – explizit Jüdinnen und Juden wurden aus der herbeihalluzinierten „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen.
Traditionell sind Antisemitismus und völkisches Denken Elemente burschenschaftlicher Politik. Doch all das wird ausgeblendet und so wird der völkische Nationalismus, mit dem der Originalfetzen der Nationalfahne verbunden ist, umgedeutet in den Kampf für „Einigkeit, Recht und Freiheit“. Dass „Einigkeit“ dabei an erster Stelle steht, ist kein Zufall. Die Vereinigung aller, die zur „deutschen Blutgemeinschaft“ gehören ist das erklärte höchste Ziel. „Freiheit“ steht dabei an letzter Stelle und wird auch nur denen zu Teil, die sich der Gemeinschaft der „Deutschen“ zugehörig fühlen dürfen.
Das Bestehen dieser völkischen Idee schon zu Beginn der Entwicklung des deutschen Nationalstaates macht im internationalen Vergleich die historische Besonderheit aus.

Deutsche Kontinuitäten
Der demokratische Nationalismus von heute hat sich von den völkischen Grundformen einiges bewahrt. Auch nach der Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes bleibt man der Tradition von 1913 treu, nach der deutsch ist, wer deutschen Blutes ist. Nichtmitglieder dieser exklusiven Gemeinschaft, z.B. Flüchtlinge die es über die Grenze geschafft haben, werden auf ihre Weise eingedeutscht. Sie sind nicht Subjekt, sondern Verwaltungsgegenstand, sie bleiben Menschen, deren Reduktion aufs Ding jedoch stetig vorangetrieben wird. Die Verwertbarkeit ist – neben politischer Zuverlässigkeit – denn auch das entscheidende Kriterium, wenn es um Einbürgerung geht.
Die Verpflichtung auf den Staat erfolgt nicht mehr über die Kategorien „Volk“ und „Rasse“, sondern mittels inhaltsleerer, politisch aufgeladener Begriffe wie „Demokratie“ und „Freiheit“. Was bleibt, ist das „Wohl des deutschen Volkes“, heute als „Gemeinwohl“ bezeichnet, das über Allem steht.
Angesichts dessen ist es nicht verwunderlich, dass es den traditionellen „Klassenkampf“ in Deutschland quasi nicht gab. Nirgends agieren Gewerkschaften mehr im Sinne nationaler Gesamtplanung. Erfahrungen von Armut und anderen Folgen der Krise führen nicht etwa zum Infragestellen des Ganzen, sondern zur Forderung nach dem starken Staat, der vor dem Wirken externer Mächte schützten soll. Selbst die Blockade von Naziaufmärschen erfolgt im Namen des Grundgesetzes und der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“.
Das „Nie wieder!“ wird von Staat und Kapital in Dienst gestellt. Die Vernichtung findet so einen Sinn, die Opfer finden ihre Verwertung. Kriege werden nicht trotz, sondern wegen Auschwitz geführt.
Figuren wie die Verschwörer des 20. Juli helfen, eine moralische Kontinuität zu konstruieren, die selbst noch die Wehrmacht umfasst. Stauffenberg und andere reaktionäre Geister werden dabei in die Reihe mit Widerständigen gestellt, die nicht fürs „Vaterland“, sondern um das eigene oder das Leben anderer kämpften. Für diejenigen, denen die Erinnerungsweltmeisterschaft eines Guido Knopp zu sehr aufs deutsch-nationale Gemüt schlägt, bleibt dann doch noch der Schlussstrich.

Schwarz-Rot-Geil
Das offene Einfordern eines Schlussstriches unter die Vergangenheit, das 1998 unter Demokrat_innen noch eine ver-hältnismäßig große Empörung auslösen konnte, ist heute kein Tabu mehr. Auch in die Musik hat die Beschwörung des „anderen“ Deutschland Einzug gehalten. Mia, Samy Deluxe und allerlei andere „Künstler_innen“ besingen das „neue deutsche Selbstbewusstsein“.
Mediale Inszenierungen reproduzieren die Deutschlandfeierei wieder und wieder, bis das nationale Kollektiv auch im letzten Hirn präsent ist. Ob Papst, Lena oder gleich ganz Deutschland, Hauptsache „Wir sind wieder wer“.
Dieses „Wir“ zeigte sich dann auch wieder in den Fahnenmeeren während der Fußballweltmeisterschaft der Männer, „Schwarz-Rot-Geil“ – Aufklebern und all den anderen dämlichen Accessoires fürs deutsche KFZ. Dass der ach so friedliche „Partyotismus“ alles andere als harmlos ist, zeigen die zahlreichen Übergriffe und rassistischen Ausfälle während des Spektakels.

Kapitalistische Vergesellschaftung und nationalistische Ideologie
Solche unmittelbaren Auswirkungen nationalen Wahns sind jedoch harmlos mit Blick auf dessen eigentliches Potenzial. Die Aufhebung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit in der Volksgemeinschaft, die deutsche Antwort auf die soziale Frage, wohnt als Möglichkeit jeder bürgerlich ‑kapitalistischen Gesellschaft inne.
Die Sehnsucht, einer zeitüberdauernden Gemeinschaft wie der Nation anzugehören, entspringt der dunklen Ahnung, dass man als kapitalistisch vergesellschaftetes Wesen nichts ist, als Arbeitskraft und Konsument. Die konstruierte Gemeinschaft schafft Identität durch Ab- und Ausgrenzung. Als vermeintliche Grundlage werden wahlweise „Traditionen“, „Kultur“ oder auch „Rasse“ herangezogen. Der Weg von solcherlei Fremd- zu Feindbildern ist dann schnell gegangen.

Die Nation ist notwendig für alle, die Staat und Kapital nicht kritisch gegenüberstehen. Wer gegen die Warenförmigkeit der Dinge und gegen das Prinzip des gerechten Tausches nichts einzuwenden hat, muss den Staat und sein Gewaltmonopol wollen und da Staaten als Nationalstaaten daherkommen, eben auch die Nation. Nationalismus ist also nicht irgendeine Einstellung von Nazis und anderen am „rechten Rand“ der Gesellschaft, sondern eine ideologische Grundlage der Gesellschaft, in der wir leben. Dass „linke“ Deutsche mit befreiungsnationalistischen Bewegungen sympathisieren, dass sie ein „Recht auf Arbeit“, einen „starken Staat“ und die „Umverteilung gesellschaftlichen Reich-tums“ fordern, ist dann auch nicht weiter verwunderlich.
Eine radikale Linke muss das Ziel haben, die kapitalistischen Verhältnisse umzuwerfen. Je unmöglicher die „Einheit der Vielen ohne Zwang“ erscheint, desto entschiedener gilt es, für sie einzutreten. Das Mindeste dabei ist, jenen beizustehen, die als Konsequenz aus der Geschichte als bewaffnetes Kollektiv gegen ihre Vernichtung kämpfen. Die Solidarität mit Israel steht nicht im Widerspruch zur Kritik an Staat, Nation und kapitalistischer Vergesellschaftung, sie ist die notwendige Konsequenz daraus.
Eine emanzipatorische Praxis kann nur darin bestehen, sich dem kollektiven Wahn und der Verpflichtung auf Staat und Nation zu widersetzen und die traute Einigkeit der Volksgemeinschaft zu stören, wo es geht.
Zum Beispiel am 3. Oktober in Jena.

Keine Farben

Kein Tag für die Nation – Kein Tag für Deutschland

310

Kein Tag für die Nation – Kein Tag für Deutschland Am dritten Oktober 2010 jährt sich zum zwanzigsten mal die „Wiedervereinigung“ Deutschlands. Vom 2.-3. Oktober finden in Bremen die offiziellen Feierlichkeiten unter dem Motto „20 Jahre deutsche Einheit“ statt. Aufgeboten wird eine Melange aus Nena, dem Bundespräsidenten und deutschen Wurstbuden. Es soll ein deutsch-nationales Party-Event werden, bei dem die Deutsche Nation als historisch gewachsene Einheit und der Kapitalismus als wohlstandsbringende Ordnung präsentiert werden. Die Ursache der Teilung, der Nationalsozialismus, bleibt unerwähnt und die Geschichte wird umgedeutet, sodass das vereinte Deutschland wieder ein Anrecht auf Vormachtstellung in der Staatenkonkurrenz erhält.

Was am 3. Oktober gefeiert wird, ist die Freiheit, das eigene Leben in Konkurrenz und (Lohn-)arbeit verbringen zu dürfen und einer Nation anzugehören, die sich ihrer Geschichte nicht schämen muss. Wir werden diesem nationalistischen Event unsere Kritiken an den herrschenden Verhältnissen entgegenstellen. Beteiligt euch an der Demonstration (2. Oktober 2010, Bremen Hbf., 16.30 Uhr) sowie an den verschiedenen Aktionen. Seid kreativ gegen die deutsch-nationalistischen Feierlichkeiten! You say Deutschland – We say: die!

Bündnis gegen den 3. Oktober 2010 in Bremen

Martin Büsser ist gestorben

Wir trauern um unseren Freund, Genossen und Kollegen Martin Büsser. Nach schwerer Krankheit verstarb er am 23. September im Alter von 42 Jahren.

Martin Büsser hat vor über zehn Jahren den Ventil Verlag ebenso mitgegründet wie er die Zeitschrift „testcard“ seit 15 Jahren als Herausgeber und Redakteur geprägt hat. Jenseits des Verlags hat er sich nicht nur als hervorragender Kunst-, Literatur-, Film- und Musikkritiker einen Namen gemacht, sondern war auch als Zeichner und Musiker eine herausragende Gestalt im deutschen Kulturbetrieb.

Den Verlockungen des Mainstreams ist Martin Büsser nie erlegen, auch seine eigene Szene hat er nie mit falscher Zurückhaltung kritisiert. Ohne seine Artikel, Bücher und CDs wäre die deutsche Linke heute um einiges ignoranter.

Der Ventil Verlag hat ihm viel, genauer alles zu verdanken.

In Trauer und Fassungslosigkeit,

Ingo Rüdiger, Jonas Engelmann, Oliver Schmitt, Jens Neumann, Theo Bender

***

Martin Büsser, geboren 1968, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft.

In den 1980er und frühen 1990er Jahren war er für das »Zap«-Fanzine tätig, für das er um die 100 Interviews führte, unter anderem mit Henry Rollins, Courtney Love, Sonic Youth, Half Japanese, Flaming Lips, Nirvana und Butthole Surfers. Sorgte innerhalb des Hardcorepunk-Magazins für zahlreiche Debatten, weil er den engstirnigen Musikgeschmack der Szene nicht akzeptierte, sondern auch über Künstler wie Heiner Goebbels und John Zorn schrieb. Seit Mitte der 1990er als freier Journalist mit Schwerpunkt Musik, Popkultur und bildende Kunst tätig, Beiträge u.a. für Jazzthetik, Süddeutsche Zeitung, Emma und Die Zeit.

Mitbegründer und -herausgeber der seit 1995 im Ventil Verlag erscheinenden Buchreihe »testcard – Beiträge zur Popgeschichte«.

Mitarbeit bei zahlreichen Anthologien, unter anderem »Kursbuch Jugendkultur« (Hg. von SpoKK, 1997), »Pop und Mythos« (Hg. von Heinz Geuen und Michael Rappe, 2001), »Text + Kritik Sonderband: Pop-Literatur« (Hg. von Heinz Ludwig Arnold, 2003) sowie am »Neuen Funkkolleg Popkultur« für den Hessischen Rundfunk (1998). 2005 Mitarbeit am Buch-CD-Projekt »I Can’t Relax In Deutschland« gegen den zunehmenden Pop-Nationalismus in Deutschland.

Neben der Veröffentlichungen für den Ventil Verlag sind von ihm die Bücher »Popmusik« (Rotbuch, 2000), »Pop Art« (Rotbuch, 2001), »On the Wild Side. Die wahre Geschichte der Popmusik« (Europäische Verlagsanstalt, 2004) und »Der Junge von nebenan« (Verbrecher Verlag, 2010) erschienen.

Sänger und Texter für die Post-Punk-Artschool-Band Familie Pechsaftha (u. a. mit Junge von EA 80). 2 Singles (vergriffen), eine LP und eine CD. Infos unter www.tumbleweedrecords.de und www.knorzrecords.de.

Seit Mitte der 1990er zahlreiche Lesungen.

Martin Büsser lebte in Mainz und schrieb zuletzt regelmäßig für das Intro Magazin, konkret und die Schweizer WoZ. Arbeitsschwerpunkte: Experimentelle Musik, Musiksoziologie, zeitgenössische Kunst, Gender Studies und Independentkino.
Bei Ventil erschienen:
»Antifolk«
»Antipop«
»Emo«
»If the kids are united«
»Lustmord – Mordlust«
»testcard #10: Zukunftsmusik«
»testcard #11: Humor«
»testcard #12: Linke Mythen«
»testcard #13: Black Music«
»testcard #14: Discover America«
»testcard #15: The Medium is the Mess«
»testcard #16: Extremismus«
»testcard #17: Sex«
»testcard #18: Regress«
»testcard #19: Blühende Nischen«
»testcard #1: Pop und Destruktion«
»testcard #2: Inland«
»testcard #3: Sound«
»testcard #4: Retrophänomene in den 90ern«
»testcard #5: Kulturindustrie – Kompaktes Wissen für den Dancefloor«
»testcard #6: Pop-Texte«
»testcard #7: Pop und Literatur«
»testcard #8: Gender – Geschlechterverhältnisse im Pop«
»testcard #9: Pop und Krieg«
»Wie klingt die Neue Mitte?«

(ventil verlag)

(nachruf von linus volkmann)

can‘t close my eyes

youth of today

Samstag, 25.09.2010, conne island

Burning Fight Tour:

Youth of Today
Spermbirds
Suffer survive

Im May 2009 erschien in den USA das von Brian Peterson verfasste Buch „BURNING FIGHT: The Nineties Hardcore Revolution in Ethics, Politics, Spirit and Sound“. Das Buch befasst sich sowohl mit der Historie des HC der 80er, aber im speziellen mit der Bewegung der 90er. Hintergründe, Bandhistorien und Beschreibung einer Lebenseinstellung. Zur Veröffentlichung des Buches folgten einige Konzerte in den USA, die auf sehr großen Anklang stießen und Fans aus der ganzen Welt und im Besonderen aus Europa magisch anzogen.
Aus diesem Anlass kommt die gleichnamige Tour 2010 zum ersten Mal nach Europa. Den Anfang machen die legendären 1985 gegründeten Youth of Today um den Shouter Ray Cappo. Sie übernahmen Ende der 80er das Erbe der ersten Straight Edge-Welle von Bands wie Minor Threat, SSD und DYS und entwickelten sich zu einem der herausragenden Acts. Mit von der Partie sind John „Porcell“ Porcelly an der Gitarre, Sammy Siegler (u.a. Rival Schools) an den Drums und Ken Olden (Damnation A.D.) am Bass.
Mit den Spermbirds konnte ein würdiger Co-Headliner gewonnen werden, auch wenn SxE sicher nicht ihr Thema ist/war. Das Quintett um den amerikanischen Sänger Lee Hollis startete bereits in den frühen 80ern und war eine der ersten europäischen Bands, die Hardcore als schnellere Variante von Punkrock spielte. In über 25 Jahren Bandgeschichte tourten sie durch ganz Europa, Australien und Südafrika. Anfang September erscheint passend zur anstehenden Tour das achte Studioalbum „A Columbus Feeling“ auf Rookie Records.

[aus dem CEE IEH #179]

Nüchtern betrachtet …

… bietet der Lifestylecode der asketischen Straight-Edge-Bewegung Anknüpfungspunkte für Antifas wie Neonazis

Christoph Horst

Es wäre nicht das einzige Mal, daß der Schnaps den preußischen Staat gerettet hat”, schrieb schon Engels 1830 über die Wirkung von Alkohol auf die Revolution. Weil der Punk Mitte der achtziger Jahre einigen Aktiven zu selbstzerstörerisch auftrat, bildete sich mit Straight-Edge-Hardcore eine Bewegung, die aus konsequenter Drogenfreiheit (inklusive Alkohol und Nikotin) einen eigenen, von esoterisch-positivem Herangehen an die Umwelt getragenen Verhaltenskodex aufbaute. Gammelpunks am Dorfplatz, ein leider anachronistisches Motiv, gelten ihnen als zu wenig subversiv. Gefragt ist der gestählte Kämpfer, der seinen Körper rein hält von bewußtseinstrübenden Gefahren und “die Dinge kontrolliert, anstatt sich von ihnen kontrollieren zu lassen” (Ian MacKaye, Sänger der ersten Straight-Edge-Band Minor Threat).

Auch Straight Edger stellen sich den Umsturz der Verhältnisse asketisch-protestantisch vor. Oft, definitorisch jedoch nicht notwendig, verbindet Straight Edge sich mit der elitären Eßstörung Veganismus und anderen tierrechtlichen Ticks, die letztlich gegen die Emanzipation des Menschen von der Natur dessen Unterordnung unter reaktionäre Naturmystik befördern. Mathematisch endet die Negation der Verneinung im Positiven, was bei der Betrachtung von Straight Edge als Gegenentwurf innerhalb des Punk schlüssig ist, wenn man berücksichtigt, daß die Szene überwiegend aus gebildeten, finanziell abgesicherten, jugendlichen Männern besteht. Doch allzu einfach sollte man es sich bei der Beurteilung dieses Phänomens nicht machen, zumindest nicht, wenn man dem Punk als Ganzem eine progressive Funktion unterstellt, die über die musikhistorische Wirkung hinausgeht.

Musikalisch ist Straight-Edge-Hardcore eine Weiterentwicklung des Punk in Richtung noch konsequenteren Verzichts auf filigrane Einzelleistungen von Solostars beziehungsweise in einer anderen Richtung eine Hinwendung zu der romantischen Aggressivität des Metal. Zudem ist es ein sehr fortschrittliches Prinzip in der Szene, die Trennung von Band und Publikum aufzuheben: Auch Bühnen gelten als Teil poporientierter Selbstdarstellung. Straight-Edge-Hardcore wäre wohl die Begleitmusik des futuristischen Manifests gewesen. Und wie dieses gerät auch jener nach und nach in die Fänge des Faschismus. Neonazi-Hardcore ist kein neues Phänomen, aber ein immer bedrohlicheres. Peter Hoeren vom Label Crucial Response nimmt dazu Stellung: “In der Hardcore-Szene tummeln sich keine Nazis – schlimm genug, daß in der Öffentlichkeit dieser Eindruck vorherrscht. Die Nazis versuchen jedoch, Begriffe wie Straight Edge oder Hardcore für sich zu vereinnahmen. Hardcore gehört nach wie vor der linken Subkultur an.” Tatsächlich sind Neonazis in vielen gesellschaftlichen Bereichen bemüht, vermeintlich linke subkulturelle Codes (Kleidung, Musik etc.) zu kopieren und zu dominieren. Immerhin mußten sich ja schon die Punkoldies Dead Kennedys gegen Rechte wehren: “Nazi Punks – Fuck off!” Allerdings bietet der Lifestylecode von Straight Edge ein Gerüst, dessen sich Antifas, unpolitische Punks, Neonazis und mittlerweile sogar Islamisten gleichermaßen bedienen können. Nicht wenige populäre Edger wurden durch ihre zivilisationsfeindliche Transzendenz Hare Krishnas. Explizit kommunistische Bands wie Manliftingbanner oder Seein Red bildeten zwar eine Minderheit, hatten aber starken Einfluß auf die Szene, mehr zumindest als Bands wie Youth Defense League, Urgestein des nationalen Straight Edge, oder heutige Bands, die offen mit Hakenkreuz auftreten und dazu Total War oder Blue Eyed Devils heißen.

Eine gelungene, wenn auch nicht abschließende Antwort auf die schwierige Frage, was Straight Edge im Kern ist, bietet Merle Mulder in ihrer Diplomarbeit. Diese leidet zwar unter einer akademischen Abschlußarbeiten eigenen unbeholfenen Sprache. Aber indem die Autorin Straight Edge mit Rückgriff auf die Ahnengalerie der Soziologen (Marx, Simmel, Bourdieu) prüft, um sie als Subkultur, Ideologie oder Lebensstil einzuordnen, kommt sie dem Phänomen sehr nahe.

Im gerade auf DVD erschienenen Film “Edge” kommen diverse Protagonisten zu Wort, inklusive Ian MacKaye, der sehr entspannt mit seiner Idee umgeht, die viele Edger bis heute militant ausleben. Schrittweise wird im Film ein Schaubild erstellt, das Straight Edge erklären könnte. Daß die Regisseure versäumen, am Ende des Films das Bild als Ganzes zu zeigen, läßt darauf schließen, daß sie keine vollständige Erklärung für dieses Phänomen parat haben. Näher wäre man dem Gegenstand mit ein wenig mehr Musik gekommen, immerhin ist dies die Klammer der Bewegung. Kritik an Straight Edge kommt zwar vor, aber viel zu kurz.

In der gut durchdachten Transcript-Reihe des Unrast-Verlags ist eine sehr knappe Einführung in Straight-Edge-Ideologie und -Geschichte erschienen. Autor Gabriel Kuhn ordnet sie ganz klar als Teil linker, insbesondere anarchistischer Bewegungen ein, unterschlägt dabei aber nicht die Problematik rechter Übernahmeversuche.

Straight Egde ist also überwiegend irgendwie links, manchmal auch rechts und in der Regel wenig tiefgründig. Was bleibt, ist Musik, die den bürgerlichen Alltag mit seiner immanenten Aggressivität konfrontiert.

Gabriel Kuhn: Straight Edge. Unrast, Münster 2010, 71 Seiten, 7,80 Euro

Merle Mulder: Straight Edge. Subkultur, Ideologie, Lebensstil? Telos, Münster 2010 (erweiterte Neuauflage), 186 Seiten, 18,50 Euro

“Edge. Perspectives on Drug Free Culture”; Buch und Regie: Marc Pierschel, Michael Kirchner; Deutschland 2009 (Compassion Media), 82 Minuten, DVD

(konkret 10/2010)

kleines hinterhoffest auf reisen

möhre wird vier

18.09.10, 22.00 h, reilstrasse 76

…vier jahre in klammern möhre werden gefeiert…
in diesem jahr auf dem hof der reilstraat 76 am zoo

life im hof:
WELL DONE JACKSON POLLOCK-experimental multimedia atmosphäre aus berlin

life im keller:
CAULYFLOWER ISLANDS-tropic rock aus erfurt

last but not least:
diskofunk um die beine

ausserdem:

LADYCOP (New York) + PETER PIEK (Noisedeluxe)

samstag 18.9., 21.30 Uhr, Zwei Zimmer Küche Bar

»Voller Entsetzen aber nicht verzweifelt«

mihail sebastian

Conne Island, Samstag, 18.09.2010, Einlass: 19:30 Uhr

»Voller Entsetzen aber nicht verzweifelt«

Robert Stadlober und Thomas Ebermann spielen und lesen Mihail Sebastians Tagebücher 1935-44

Beginn: 20:00 Uhr

- Präsentiert von Jungle World und dem Stura der Universität Leipzig -

Die erst vor wenigen Jahren veröffentlichten Tagebücher von Mihail Sebastian erhielten begeisterte Kritiken u.a. von Philip Roth, Arthur Miller und Claude Lanzmann. Robert Stadlober, Thomas Ebermann und Berthold Brunner haben eine szenische Lesung aus den Tagebüchern erstellt. Sebastian schildert eindrucksvoll die politischen Verhältnisse der 30er und 40er Jahre in Rumänien. Als Literaturkritiker, Autor und Übersetzer in der KünstlerInnenszene von Bukarest erlebt er die Zuspitzung der antisemitischen Propaganda und den Terror der faschistischen »Eisernen Garde«. Einige seiner engen FreundInnen werden zu überzeugten AnhängerInnen des Faschismus.
Mihail Sebastian beschreibt die sich steigernden antisemitischen Maßnahmen der Regierung des Marschalls Antonescu minutiös, von der Erhöhung der Mieten für Jüdinnen und Juden und der Beschlagnahme seiner geliebten Ski und des Radiogeräts, bis zu den Razzien und Deportationen. Die Tagebücher bieten einen Blick in den Alltag aus Diskriminierung und Furcht, aber auch in Momente der Hoffnung und literarischer Leidenschaft.
»Mihail Sebastian war ein junger Mann im Aufstieg, ein 28-jähriger rumänischer Jude, dessen Talent ihm von der Provinz in die besten Künstlerkreise Bukarests getragen hatte. Er schrieb Romane und Essays. Er schriebt Stücke. Er trank Champagner in Cafés und kostete jeden fiebernden Moment seiner Liebesaffairen voll aus. Er füllte umfangreiche Tagebücher mit ungestümen Urteilen und genauen Beobachtungen. (…). Er ist beides, idealistisch und ehrgeizig. Er versucht manchmal den Zyniker zu spielen, doch seine intellektuellen Skrupel hindern ihn daran. Die besten Tagebücher verbergen nicht die Risse und Abbrüche in unseren Leben. Sie verstecken nicht unsere Beteiligung an dem, das nach dem Urteil der Geschichte Engstirnigkeit und Egoismus genannt wird. Sebastian macht sich Sorgen: Was ist mit meiner Karriere? Meiner abflauenden Liebesaffaire? Ist es richtig, das Schicksals meines Theaterstücks zu betrauern, während Europa beinahe zusammenbricht?
Sebastian zeigt uns, wie das Unbedeutende und das Gewichtige sich mischen. Die Politik kappt nicht so schnell die alten Verbindungen. Der Krieg löscht den Egoismus nicht aus. Seine Ehrlichkeit gehört zu den stärksten Aspekten, die am meisten berühren. Wieder und wieder weigert er sich, seine Reaktionen vereinfacht abzubilden: So edle Motive vorzuschieben, wo er ehrgeizig ist, oder edlen Zorn, wo er sicher ist, all dem Verrat und den entsetzlichen Behandlungen wirklich entgegentreten zu können.«
(New York Times)

Stimmen zu den Tagebüchern von Mihail Sebastian:

»Wie in allen großen Werken der Literatur erzeugt Sebastians Tagebuch eine eigene Aktualität. Es heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung, zu entdecken und zu lesen, ist ein erschütterndes und überwältigendes Erlebnis.« Claude Lanzmann

»Dieses Tagebuch verdient es, neben das von Anne Frank gestellt zu werden und genauso viele Leser zu finden.« Philip Roth

»Dieses Buch lebt, es zeugt von einer Seele voller Menschlichkeit, aber auch von der wachsenden Brutalität des letzten Jahrhunderts, die sich vor Sebastians Augen entfaltete.« Arthur Miller

[aus dem CEE IEH #179]

damien jurado

damien jurado

// Fr // 21 Uhr // UT Connewitz & FlossBros. laden ein:

DAMIEN JURADO (us/ secretly canadian)

Diesen Mann singen zu hören ist ein einschneidendes Erlebnis. Ihn singen zu sehen, dürfte die Intensität des Erlebens noch einmal verstärken. Damien Jurado, einer der begnadetsten Singer-Songwriter unserer Zeit, ist mit seinem neuen und nunmehr neunten Album durch Europa unterwegs.
Minimalistisch mutet die Instrumentierung von „Saint Bartlett“ an, verhalten klagend der Gesang, alltäglich die Geschichten, die der Erzähler preisgibt.
Doch gerade in diesen Komponenten liegt die unglaubliche Emotionalität und Präsenz der Songs. Und die kriegen auch die Zuhörer ohne Umwege zu spüren. Damien Jurado berührt und es wird dringend dazu geraten, sich diesen stimmgewordenen Diamanten auf keinen Fall entgehen zu lassen.

future islands //// mock

future islands

do 16.09.2010, conne island

altin village & mine and postland present:

Future Islands (thrill jockey/upset the rhythm.us)
mOck

Future Islands (thrill jockey/upset the rhythm.us)

Future Islands stammen aus Baltimore und musizierten bislang im Dunstkreis von Dan Deacon. Angeführt werden Future Islands von „one of the most magnetic frontmen in indie rock“, wie Herring an anderer Stelle bezeichnet wurde. Ihre Live-Shows genießen Kult-Status, in der Blogosphäre gelten sie als einer der besten Live-Acts der Gegenwart.

Gemäß eigenen Aussagen machen sie Post-Wave. Die Amerikaner beweisen sich im höchsten musikalischen Genre, das es gibt, sie beherrschen den Spagat zwischen Genres, die Überwindung von Gegensätzen. Sie kombinieren blubberige Electro-Sounds mit Singer-Songwriter-Attitüde, Teenie-Lo-Fi mit Country-Folk, Club- mit Kammermusik. Das klingt erwachsen und gleichzeitig jugendlich. Die Songs sind luftig dicht, angenehm sperrig und überraschend vertraut. Sie sind in sich der pure Gegensatz und darum so verdammt gut. Es sind Songs und Fragmente zugleich, die einen einfach gestrickten Kern haben und durch die Kombination von an sich nicht stimmigen Elementen zu Perlen werden.

Nachdem ihre letzte Platte „Wave Like Home“ noch auf dem englischen Label Upset! The Rhythm erschien, wird „In Evening Air“ auf Thrill Jockey veröffentlicht. Die auf 1.000 Exemplare limitierte und auf durchsichtiges, blaues Vinyl gepresste „Tin Man“-EP sowie die 12 Inch-„Post Office Wave Chapel“, auf welcher Kollaborationen mit Javelin, Victoria Legrand und No Age zu finden sind, gehören ebenso empfohlen.

www.78s.ch (Musikblog)

[aus dem CEE IEH #179]

Solidarität mit Israel! – Gegen Islamismus und Antisemitismus

Solidaritaet mit Israel

Am 4. September 2010 demonstrieren in Berlin Islamist_innen, Neonazis und antizionistische Linke für die „Befreiung Jerusalems“, also für die Zerschlagung des jüdischen Staates Israel. Die Berliner Demonstration ist Teil des internationalen Al-Quds-Tages, an dem das iranische Mullahregime seinen reaktionären Kulturkampf in die Welt trägt. In diesem Jahr ruft ein Bündnis antifaschistischer Gruppen auf, der gruseligen Propagandashow entgegenzutreten.

Al-Quds-Tag

Al Quds ist der arabische Name Jerusalems. Nach der iranischen Revolution 1979 erklärte der Kleriker und „Revolutionsführer“ Ayatollah Khomeini den letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan zum internationalen Al-Quds-Tag. Seither werden weltweit Kundgebungen und Demonstrationen gegen Israel organisiert. Von Teheran bis London, von Jakarta bis Toronto, von Manila bis Beirut und auch in Berlin tragen die Fans der palästinensischen Intifada und eines islamischen „Heiligen Krieges“ ihre Vernichtungsdrohung gegen Israel auf die Straße. Sympathien gelten den Terrorgruppen Hizbullah und Hamas, die mit iranischem Geld und iranischen Waffen jeden politischen Friedensprozess im Nahen Osten sabotieren. Auf iranischen Al-Quds-Demonstrationen ruft die Staatsführung offen zur „Vernichtung des zionistischen Gebildes“ auf und bezeichnet den Holocaust als „Lüge“ und „Vorwand für die Gründung Israels“. In Deutschland, wo solche Propaganda verboten ist, demonstriert man augenzwinkernd „gegen Antisemitismus und Zionismus“.

Iran: Antisemitismus als staatstragende Ideologie

Als gesetzlicher Feiertag der Islamischen Republik Iran ist der Al-Quds-Tag zentrale Manifestation eines staatstragenden Antisemitismus. Die fanatische Massenmobilisierung gegen den vermeintlichen „Fremdkörper“ Israel offenbart ein totalitäres Gemeinschaftsideal, in dem Religion, Politik und Kultur ununterscheidbar zusammenfallen. „Der Zionismus“ wird als übermächtiger und verschlagener Feind dämonisiert, von dessen Vernichtung das Schicksal der Welt abhänge. Das Zerrbild einer solchen endzeitlichen Schlacht von Gut gegen Böse ist eine wesentliche Stütze des theokratischen Regimes. Es lässt jede politische Opposition als Hochverrat erscheinen, und deckt so die Verbrechen der iranischen Staatsmacht: Homosexuelle werden gehängt, zahllose Frauen als „Ehebrecherinnen“ gesteinigt, Liberale und Kommunist_innen zu Tode gefoltert.

Doch das islamistische Programm einer „Wiederherstellung“ des goldenen Zeitalters des Propheten ist kein Ausfluss einer vermeintlich „vormodernen“ islamischen Welt, sondern ein spezifisch modernes Phänomen. Zentrale Taktik des politischen Islam ist es, sich als Opfer einer „zerstörerischen westlichen Kultur“ darzustellen und sich dabei als Reaktion auf selbige zu inszenieren. Die strukturellen, in letzter Instanz unpersönlichen Zwänge kapitalistischer Verwertung werden verschwörungstheoretisch als absichtsvolle Zersetzungsstrategie „der Zionisten“ gedeutet, also in klassisch antisemitischer Manier „den Juden“ angekreidet. Im Staat Israel findet dieser reaktionäre Antikapitalismus eine konkrete Projektionsfläche. Hinter diesem „kleinen Satan“ aber stünden als „großer Satan“ die USA, die – wen wundert’s – wiederum von „den Zionisten“ ferngesteuert seien.

Die religiös verbrämte Rhetorik eines vom „Westen“, von Israel und den Juden „gedemütigten“ Islam, der sich nur in der Vernichtung Israels „befreien“ könne, befriedigt vielfältige ideologische Bedürfnisse, und wird deshalb auch von gemäßigten Moslems und weltlichen Nationalisten angenommen. Das greifbare Feindbild eines wehrhaften jüdischen Staates bestätigt wieder und wieder die eigene Opferstilisierung, und schreibt gesellschaftliche Konflikte einem äußeren Feind zu. Mit seiner aggressiven antiisraelischen Propaganda tritt der Iran als Verteidiger der Entrechteten auf, und untermauert gerade damit seinen Führungsanspruch in der islamischen Welt. Sie lenkt von den innenpolitischen Problemen des Mullahregimes ab, das längst nicht mehr so stabil ist, wie es sich gerne gibt. Umso bedrohlicher ist das iranische Atomwaffenprogramm, durch das die Vernichtung Israels zur realen Gefahr wird.

Die Linke und Israel

Ihre Feindschaft zu Israel ist es, die Teile der globalen Linken mit den Islamist_innen verbindet. So bewegt sich auch die iranische Propaganda in den Bahnen eines vulgären Antiimperialismus, der die Welt in entrechtete Völker und raffgierige Ausbeuter sortiert. Von Anfang an sollte der Al-Quds-Tag die „Basis zur Gründung einer Partei aller Unterdrückten der Welt sein“ (Khomeini). Ziel ist freilich nicht die Emanzipation des Individuums aus gesellschaftlicher Herrschaft, sondern eine befriedete Gemeinschaft unter Allahs weisem Diktat. Es wirft ein Schlaglicht auf die ideologische Verfassung weiter Teile der globalen Linken, nämlich dass sie kaum jemals gegen die autoritäre Theokratie des Iran protestieren, aber bei jeder Gelegenheit gemeinsam mit dieser auf Israel eindreschen. Im Namen von Frieden und Humanismus wird die Existenz Israels in Frage gestellt, und der palästinensische Terrorismus als revolutionäre Avantgarde gefeiert.

Jüngstes Beispiel dieser antiisraelischen Querfront ist der medienwirksame Versuch einer internationalen Propagandaflottille, Israels Seeblockade des islamistischen Hamas-Regimes zu durchbrechen. Die Teilnahme prominenter Vertreter_innen der deutschen Linkspartei wird nicht erst dadurch zum Skandal, dass auch türkische Faschist_innen und arabische Jihadist_innen mit an Bord waren. Skandal ist bereits ihr israelfeindliches Anliegen selbst, ihr Angriff auf den Versuch des jüdischen Staates, iranischen Waffenschmuggel in den Gaza-Streifen zu verhindern. Dass Israel dabei nur auf sich selbst vertrauen kann, beweist die pompös inszenierte, aber völlig wirkungslose UN-Aufsicht der Hisbollah im Südlibanon, wo längst wieder tausende iranische oder vom Iran finanzierte Raketen gegen Israel in Stellung gebracht wurden. Ohne solche Fakten überhaupt zu erwägen, demonstrierten auch in Berlin Linkspartei und Teile der Antifa gemeinsam mit Islamist_innen und türkischen Faschist_innen gegen das Abfangmanöver des israelischen Militärs. Wochenlang verbreiteten sie Lügenmärchen über die Friedfertigkeit einer gewalttätigen Propagandatruppe, die den Kampf gegen Israel als „Heiligen Krieg“ begreift.

Rechte Israelsolidarität und antimuslimischer Rassismus

In Abgrenzung zum antisemitischen Weltbild traditioneller Neonazis haben sich in den letzten Jahren in Europa und nicht zuletzt in Deutschland extrem rechte Gruppen herausgebildet, die den Islam als Hauptfeind ausmachen. Die westlichen Gesellschaften werden als gewachsene und fortschrittliche Kulturen eines „jüdisch-christlichen Abendlandes“ idealisiert. Israel erscheint in diesem Weltbild als Vorposten im Kampf gegen den Islam.

Auch diese Freund-Feind-Sortierung ist durchschaubare Ideologie. Soziale Konflikte werden zu Kulturkämpfen mystifiziert, in denen sich moderne Chauvinist_innen und Rassist_innen unverfänglicher austoben können. Der inszenierte Schulterschluss mit Israel soll an die offizielle proisraelische Staatsräson der Berliner Republik anknüpfen, und die Frontstellung gegen „den Islam“ provokant untermauern. In Wahrheit liegt diesen sich betont israelsolidarisch gebenden Rechten weder an Israel noch an einer kritischen Reflexion antisemitischer Ideologien. Ihre Berufung auf eine vermeintlich vorpolitische „Kultur“ als Quelle kollektiver Identität fordert Homogenisierung und Konformismus.

Deutschlands Rolle

Der nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland entstandene „Neue Antisemitismus“, der durch Relativierung bzw. Leugnung der Shoah deutsche Schuld abzuwehren sucht, ist auch heute noch im Denken weiter Teile der Bevölkerung vorhanden. Zugleich ist auf der anderen Seite die Anerkennung deutscher Schuld ein zentraler Faktor der Staatsräson der Berliner Republik geworden. Dies wurde spätestens 1999 deutlich, als deutsche Flugzeuge mit der moralischen Legitimation eines „nicht trotz, sondern wegen Ausschwitz“ Belgrad bombardierten. Aus eben selbiger leitet sich eine besondere Verantwortung für Israel ab.
Obwohl Deutschland erst kürzlich seine Wirtschaftsbeziehungen eingeschränkt hat, ist es noch immer zweitgrößte Exporteur in den Iran – unter anderem für dessen kriegswichtige Industrien – und hat jahrzehntelang offen antisemitischen Staaten politische Treue gehalten.

*Warum Israel*
In einer kapitalistisch verfassten Welt, die ihren Antisemitismus stetig reproduziert, ist die staatliche Souveränität der Jüdinnen und Juden die einzig angemessene Möglichkeit, dem mörderischen Antisemitismus dauerhaft Schranken zu setzen. Die Notwendigkeit eines jüdischen Staates wird täglich aufs Neue bestätigt durch einen grassierenden Antisemitismus, der sich nicht zuletzt auch beim so genannten Al-Quds-Tag manifestiert.

Für den 4. September rufen wir zu einer Demonstration in Berlin auf. Anlässlich der Al-Quds-Demonstration wollen wir unsere Solidarität mit Israel ausdrücken, und ein Zeichen gegen jeden Antisemitismus setzen.

Samstag, 04. September // 12:00 // Nollendorfplatz – Demonstration „Solidarität mit Israel – Gegen Islamismus und Antisemitismus“

Samstag, 04. September // 14:00 // Joachimstaler Platz – Kundgebung „Solidarität mit Israel und der iranischen Freiheitsbewegung!“ (www.no-alquds-tag.de)