Archiv für März 2010

Broschüre „Kunst | Spektakel | Revolution“ erschienen

Nachdem der erste Block des zweiten Teils der Veranstaltungsreihe „Kunst | Spektakel | Revolution“ zu Ende gegangen ist, hat das Bildungskollektiv nun eine Broschüre herausgegeben, welche die Vorträge der ersten Veranstaltungsreihe dokumentiert. Die Broschüre kann über das Bildungskollektiv bezogen werden und die einzelnen Beiträge stehen in der Kategorie „Broschur“ zur Verfügung.

Im April wird der zweite Teil der Veranstaltungsreihe fortgesetzt:

Block 2 • April – Juni 2010

  • Das große Spiel und travail attractif
    Charles Fourier und sein Vermächtnis für die Avantgarde
    Tilman Reitz • 15.04.2010
  • Lautreamont & Detournement
    Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne
    Christopher Zwi & Robert Griesel • 22.04.2010
  • Realismus, Antifaschismus, Expressionismus
    Die Expressionismus-Debatte und das Konzept des Realismus
    Kerstin Stakemeyer & Roger Behrens • 13.05.2010
  • Wutpilger-Streifzüge
    Paul Celan und eine Form von poetischem Interventionismus
    Magnus Klaue • Termin wird noch bekannt gegeben

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Mit »Israelkritik« gegen Antizionismus.

Mittwoch, 3. März 2010, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Vortrag und Diskussion mit Tjark Kunstreich (Berlin).

Was seit dem Bestehen der Bundesrepublik zur offiziellen Politik des guten Gewissens gehörte — die Freundschaft zu Israel, die allerdings immer schon mit der »berechtigten Kritik« und dem Brechen vermeintlicher Tabus verbunden war —, ist heute nicht mehr nur ein diplomatischer Kniff oder bloßer Bestandteil einer politischen Taktik, sondern gesellschaftlicher Konsens: Man sei — neben dem Erteilen von gut gemeinten Ratschlägen — auch dazu verpflichtet, den Feinden der »einzigen Demokratie im Nahen Osten« entschlossen entgegenzutreten. Dass das Verhältnis der Deutschen zu Israel sich darin als das des Fürsten zum Schutzjuden auf globaler Ebene darbietet, wird von vielen Kritikern des Antizionismus nicht erkannt.

Die antiisraelische, sich israelfreundlich gebende Politik Deutschlands gründet aber nicht im persönlichen Antisemitismus einiger weniger Politiker und auch nicht in der mangelnden Informationslage über die Gefahren, die von einer iranischen Atombombe ausgehen, sondern in der antisemitischen Verfasstheit der postnazistischen Demokratie bzw. der Welt.

Der Antisemitismus ist unauflösbar mit der falschen Gesellschaft verknüpft, seine Kritik hat deshalb stets aufs Ganze zu gehen: Während der Israelfreund stets positives über Israel zu berichten weiß, aber sich zugleich rühmt, den »Rassismus in Israel« oder »die Frauenverachtung der Ultraorthodoxen« aus eigener Anschauung zu kennen, richtet der Kritiker den Blick auf all jene, die Israel vernichten wollen. Ob Israel schöne Strände, ein gutes Sozialversicherungssystem oder eine Schwulenszene vorzuweisen hat, ist ihm zwar nicht egal, er würde es aber niemals zum Argument für die Existenz Israels erheben. Solidarität mit Israel ist entweder bedingungslos oder sie ist keine.

Schon längst ist der jüdische Staat postzionistisch in dem Sinne, dass sein Zweck nicht mehr die Verwirklichung des zionistischen Traums von einer Sache ist, sondern einzig er Verteidigung jüdischen Lebens auf diesem Planeten dient. Die Ghettoisierung, die als Selbst-Ghettoisierung durch Mauerbau und Abschottung erscheint und die in einer, von angeblichen jüdischen Rassisten wie Avigdor Lieberman propagierten Ausweisung der arabisch-israelischen Bevölkerung gipfeln könnte, widert auch eingefleischte Freunde Israels an. Sie erliegen dem immer wieder folgenschweren Irrtum, der Jude, sei es als einzelner, als Gruppe oder als Staat, könne auch nur einen Jota am Ziel des Antisemitismus ändern; am Ende wird lediglich stehen, dass die Juden selbst schuld an ihrem Schicksal sind oder nicht alles getan hätten, um ihm zu entrinnen. Die Alternativlosigkeit der Abschottung aber beweist nicht etwa den Rassismus israelischer Regierungsangehöriger, sondern den Stand der antisemitischen Dinge. Der Vortrag wird deshalb noch einmal bei A wie Antisemitismus anfangen und unter Rekurs auf Sartre erläutern, warum der Antisemitismus nichts mit den Juden, sondern einzig mit der Wahnwelt der Antisemiten zu tun hat und welche Forderungen sich für die politische Praxis daraus ergeben.

Tjark Kunstreich (Berlin) ist Autor und Publizist und schreibt u. a.
für Bahamas und Jungle World.

Eine Veranstaltung der AG Antifa.