Veranstaltungsreihe „8. Mai 1945 – danke!“

Montag, 04. Mai, 19 Uhr
Lux Puschkino, Kardinal-Albrecht-Straße 6

„Ich war neunzehn“ (Konrad Wolf)
Filmvorführung mit Einleitungsvortrag und Diskussion

Die DEFA-Produktion Ich war neunzehn erzählt die Geschichte eines jungen Deutschen, Gregor Hecker (Jaecki Schwarz), der mit seinen Eltern vor den Nazis nach Moskau geflüchtet war und nun, im Frühjahr 1945, als Leutnant der Roten Armee nach Deutschland zurückkehrt. Der Film verarbeitet dabei die persönlichen Erlebnisse des Regisseurs Konrad Wolf und seines Freundes Wladimir Gall in fiktiver Form.
April 1945. In der Uniform eines sowjetischen Leutnants kommt der 19-jährige Gregor Hecker in seine Heimat zurück. Er war acht als seine Eltern mit ihm nach Moskau emigrierten. Auf dem Weg der 48. Armee kommt er an Berlin vorbei und fordert noch vereinzelt kämpfende deutsche Soldaten zum Überlaufen auf. Einige kommen, andere antworten mit Schüssen. Bei seinen russischen Freunden fühlt er sich zu Hause, viele der Deutschen geben ihm Rätsel auf. Langsam begreift er, dass es „die Deutschen“ nicht gibt. Er trifft Mitläufer, Rückversicherer, Überläufer, Durchhaltefanatiker, eingefleischte Nationalsozialisten. Die erste Begegnung mit aus dem Konzentrationslager befreiten Antifaschisten wird für ihn zu einem bewegenden Erlebnis.
Der nach Erinnerungen Konrad Wolfs facettenreich in Episoden gestaltete Antikriegsfilm beschreibt ohne Pathos und Larmoyanz die Schrecken des Krieges und macht die Schuld der Deutschen deutlich. Dabei bemüht er sich um ein Höchstmaß an Authentizität, verzichtet auf Idealisierungen und stellt Menschen mit ihren Eigenheiten und Schwächen dar. Trotz der parteilichen Emotionalität bleibt genügend Raum für eigene Assoziationen.

Dienstag, 05. Mai, 19 Uhr
VL, Ludwigstraße 37

Halle im Nationalsozialismus
Vortrag und Diskussion mit Michael Fiebig

Am 17. April 1945 kapitulierte die Stadt Halle/Saale vor den alliierten Truppen der 104. US – Infanteriedivision Timberwolf. Somit konnte eine Bombardierung durch bereitstehende Fliegerstaffeln der Alliierten abgewandt werden. Ein glücklicher Umstand, der es anscheinend dem kollektiven Gedächtnis der Stadt leicht macht, sich jeglicher Schuld oder Beteiligung an der nationalsozialistischen Barbarei zu entledigen. Unsere vermeintlich friedliebende und unschuldige Stadt blieb verschont. Vergessen ist die Bücherverbrennung auf dem Unicampus. Vergessen sind die antisemitischen Pogrome. Vergessen sind die Verfolgung und die Vernichtung des politischen Gegners und vergessen ist auch die Bedeutung Halles und seiner Umgebung für den Vernichtungskrieg als Verkehrsknotenpunkt und Produktionsstätte für Giftgas, Kautschuk und Waffen.
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der hallischen Bevölkerung der Rote Ochse aus dieser Zeit nur als NS-Gefängnis in Erinnerung geblieben ist. Niemand will etwas von den Hinrichtungen von über 500 Gefangenen mitbekommen haben. Lieber wird sich an die Heldensaga des „Antifaschisten“ Felix Graf von Luckner, dem „Retter der Stadt“ geklammert.
Mit diesen und anderen Mythen wird Michael Fiebig, Historiker der Gedenkstätte Roter Ochse, am 5. Mai im Rahmen der Veranstaltungswoche „08. Mai 1945 – Danke!“ aufräumen. Auf der Grundlage von vorhandenem Aktenmaterial wird er Verbindungen zwischen dem Roten Ochsen, dem Verwaltungsapparat der Stadt Halle/S., der Martin-Luther-Universität und anderen Institutionen herstellen und damit die angebliche Unwissenheit der hallischen Bevölkerung dieser Zeit historisch widerlegen.

Donnerstag, 07. Mai 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle

German Gedenken. Zur Verwandlung von Geschichte in Geschichten
Vortrag und Diskussion Jan Singer ([a:ka] Göttingen)

Die klassische Leugnung der Shoa und der anderen Verbrechen des Nationalsozialismus ist in Deutschland spätestens seit den 70er Jahren nicht mehr in Mode. Das Gedenken an, ja sogar die Bekenntnis zur deutschen Schuld gehört mittlerweile zum Standardrepertoire jedes ernst zu nehmenden deutschen Politikers. Doch folgt hieraus noch lange nicht die einzig richtige Konsequenz, mit Deutschland und der deutschen Geschichte zu brechen. Stattdessen wird das Gedenken an Auschwitz eingebettet in eine ganze Reihe von Gedenken – gedacht wird eigentlich allem und jedem: des bei der Zerschlagung Nazideutschlands gestorbenen alliierten Soldaten, des deutschen Soldaten, der deutschen Vertriebenen und Bombenopfer, und natürlich auch der ermordeten Juden. Das spezifisch deutsche Verbrechen Auschwitz verschwindet dabei unter einer Welle von Emotionen und vergangenem, kulturindustriell aufbereitetem Leid. Aus dieser Gleichsetzung ist dann auch eine Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern möglich, und die Erkenntnis, dass man 1945 doch eigentlich befreit und nicht besiegt wurde. Was vor 20 Jahren in der CDU noch für Aufregung sorgte, gilt heutzutage als selbstverständlich – die Rede von der Befreiung ermöglicht es den Deutschen, sich selber auch als Opfer der Nazis darzustellen.
Auf der Basis der auf sich geladenen Schuld und der nach der „Befreiung“ erfolgten Aufarbeitung kann jetzt ein neues deutsches Nationalbewusstsein entstehen – die deutsche Ideologie kehrt zurück, wenn auch in veränderter Form. So konnte Joseph Fischer Auschwitz als Legitimation für den Angriffskrieg gegen Serbien bemühen, während Gerhard Schröder aufgrund der „Lehren der Vergangenheit“ den Krieg gegen den Antisemiten Hussein ablehnte. Der Inhalt der deutschen Ideologie bleibt derselbe – nationale Interessen werden, im Gegensatz zu „normalen“ bürgerlichen Nationen – gerade dadurch durchgesetzt, dass sie geleugnet werden. Deutschland schwingt sich wieder zur moralischen Großmacht auf, die auf der Seite der unterdrückten Völker dieser Welt gegen die „kulturlose“ Hegemonialmacht USA kämpft.
Es gilt ein Gedenken an Auschwitz zu finden, ohne in die Falle der deutschen Gedenkkultur zu tappen. Dies ist nur dadurch möglich, das eigentliche Unbegreifliche, also den Verfall in die kollektive antisemitische Raserei, irgendwie begreifbar zu machen.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Antifaschistischen Jugendinitiative Halle.

Freitag, 08. Mai
VL, Ludwigstraße 37

Party anlässlich des 8. Mai
Konzert mit Endearment (Indie/Postpunk, Köln), Koljah, NMSZ & Panik Panzer, Juri Gagarin (Elektro/Trash/Punk, Hamburg)

(via shape deviation, ag antifa und vl)