testcard #18: Regress

testcard18

Erscheinungstermin: 13.2.2009

»testcard« reagiert auf den reaktionären Wandel unserer Gesellschaft – polemisch, analytisch, kämpferisch, aber nicht resigniert.

1968 ist dieses Jahr in aller Munde. Aber wie steht es mit unserer gegenwärtigen Gesellschaft? Nahezu alle im Zuge von 1968 erkämpften Errungenschaften werden derzeit wieder schrittweise abgeschafft. »testcard« #18 wirft einen kritischen Blick auf den reaktionären Backlash, den die westlichen Gesellschaften in den letzten Jahren erfahren haben. Dies betrifft die Renaissance von Religionen aller Art, spirituelle und irrationale Lebensmodelle, die erstarkte Bedeutung der Kleinfamilie und von traditionellen Geschlechterrollen, Neoromantik und Eskapismus in der Kunst und Musik und den Abbau von Bürgerrechten.

Die neue Stimme der Reaktion kommt jedoch nicht einfach nur »von oben«. Phänomene wie flächendeckende Kameraüberwachung werden von einem Großteil der Bürger begrüßt oder sogar ausdrücklich gefordert. Filme wie »Keinohrhasen« oder Bücher über spirituelle Erlebnisse auf dem Jakobsweg feiern deshalb so große Erfolge, weil sie den regressiven Nerv der Zeit treffen. Doch wie konnte es zu einem solchen Mentalitätswandel kommen? Warum gehen Prekariat und zunehmende Entrechtung nicht mit Protesten einher, sondern mit der Flucht in Denk- und Lebensmodelle, die den Anschein erwecken, es habe das Projekt Aufklärung nie gegeben?

»testcard« #18 vermeidet einseitige Schuldzuweisungen und versammelt erstmals in einer Anthologie kritische Analysen zu einem Rückschritt, der alle gesellschaftliche Bereiche erfasst hat.

Inhaltsverzeichnis

Dietmar Dath:
Das große Abschaffen.

Anne Roth:
Dringend tatverdächtig. Die Verhaftung des Soziologen Andrej Holm.

Ron Steinke:
Genug gekuschelt. In der Debatte um »Erziehung« werden andere Saiten aufgezogen.

Enno Stahl:
This is the end of the world as we know it. And I feel bad … Der Faktor Arbeit – stirbt aus …

Thomas Waitz:
Der große Gesundheits-Check. Die Dicken, die Armen und das Fernsehen.

Jens Thomas:
Machs Dir selbst. Do it yourself. Über den Wandel eines Begriffs.

Johannes Ullmaier:
Basiswissen Regression.

Nicolas Dierks:
Mitwohnzentrale für Weltbilder.

Sascha Seiler:
Believing the Western Canon. Kanonbildung in der Popmusik.

Wolfgang Seidel:
Zukunftsmusik. Wie das Zukunftsversprechen des Pop vom Rückschritt abgelöst wurde.

Didi Neidhart:
Kein Pop ist auch keine Lösung.

Klaus Walter:
New Musical Apartheid.

Matthias Rauch:
Die Notwendigkeit der Subversion. Die Analyse des global Populären in den Cultural Studies.

Martin Büsser:
Zu zart für diese Welt. Woher kommt der Hass auf Emos?

Chris Wilpert
Gustav. »Wie fühlst du dich als Mann auf der Bühne?«

Holger Adam:
Der Ruf der Sirenen. Zur (regressiven) Rezeption der »Folk-Elfe«.

Ellen Wesemüller
Das IKEA aller Festivals? Feminismus und Subversion in der Ladyfestbewegung.

Jörg Nowak:
»Feminismus der Besserverdienenden und Familie fürs Volk«

Torsten Nagel:
Her mit der schönen (Sozio)Kultur?

Gabriel Kuhn:
»Rewilding« or »Regressing«? Zum US-amerikanischen (Anarcho-)Primitivismus

Dieter Bott:
Der Fan als idealer Staatsbürger.

Stephan Loichinger:
Partnervermittlerin Claudia Püschel-Knies.

Jan Gerstner:
Ein unverzichtbares Land. Der deutsche Familienroman und die Nation.

Atlanta Athens:
Sich Raum nehmen, solange die anderen lächeln?

Andreas Rauscher:
Indiestream. Der amerikanische Independent-Film zwischen Nische und Backlash.

Kimiko Leibnitz:
Der reaktionäre Kern von I Am Legend.

Christian Hißnauer:
Von der Entmythologisie-rung zum neuen Mythos. Die Entpolitisierung der RAF im medialen Diskurs.

Martin Büsser.
Im Beichtstuhl des Grauens. Der Filmemacher Wenzel Storch.

Benedikt Frank:
Ausgetauschte Tonspur. Das heute ungenutzte Potenzial der filmischen Montage und Zweckentfremdung.

Ivo Ritzer:
Nicht versöhnt. Der Regisseur John Milius – ein progressiver Reaktionär?

Frank Apunkt Schneider:
Warum früher nicht alles besser gewesen sein darf. Zur Krise des poptheoretischen Gegenwarts-Dogmas.

Franziska Meifert:
Störenfriede – Strategien gegen die Regression. Eine Bücherschau.

Ewgeniy Kasakow:
Jegor Letow (1964–2008). Nachruf auf eine umstrittene Schlüsselfigur des russischen Undergrounds.

Rezensionen

Leseprobe

Editorial

testcard ist einmal angetreten, um über Musik und künstlerische Positionen zu berichten, die in anderen Publikationen kaum oder gar nicht beachtet werden. Gleichzeitig hat jede Ausgabe einen thematischen Schwerpunkt, der an aktuelle Debatten und Diskussionen anknüpft. Sowohl in der letzten Ausgabe, der »Sex«-testcard, wie auch in der vorliegenden Nummer kommen Artikel über musikalische Alternativen – abgesehen vom Rezensionsteil – etwas zu kurz. Allen Leserinnen und Lesern, die Artikel, Diskografien und Informationen über Musik jenseits des Mainstreams und auch jenseits des gängigen Indie-Substreams vermissen, können wir eigentlich nur mit Blick nach vorne versprechen, dass dies in den kommenden Nummern wieder verstärkt Thema sein wird. Als Buchreihe, die aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen reflektiert, kommt testcard jedoch nicht umhin, auf jenes Phänomen zu reagieren, das wir mit unter dem Schlagwort »Regress« zusammengefasst haben. Vorliegende testcard-Ausgabe behandelt den zunehmenden reaktionären Backlash, den unsere Gesellschaft seit einigen Jahren in allen Lebensbereichen erfahren hat. Da bleibt leider nur wenig Platz für all die erfreulichen Ausnahmen, die es natürlich auch noch gibt.

Das eine bedingt dabei das andere: In dem Maße, in dem unsere Gesellschaft derzeit eine Renaissance von Werten wie Religion, Kleinfamilie, Nation und Disziplin erlebt, wird auch jegliche Kultur jenseits von Keinohrhasen, Udo Lindenberg oder ICH + ICH an die Ränder der publizistischen Nichtbeachtung verdrängt. Bevor sich die testcard-Redaktion also wieder den Dingen widmet, die keinerlei Lobby mehr haben und als wirtschaftlich so unrentabel gelten, dass die Medien sie sich selber überlassen, muss erst einmal darüber nachgedacht werden, wie und warum es so weit hat kommen können. Ein in seiner Selbstherrlichkeit völlig überdrehter, jetzt endlich als Krise manifester Kapitalismus ist sicher nur eine Ursache, die den geistigen und kulturellen Regress bedingt, aber nur ungenügend erklärt. Mit ökonomischen Sachzwängen hat das Abdrängen jeglicher nicht warenförmiger Kultur in die Nischen nämlich nur bedingt zu tun. So hat zum Beispiel der keineswegs finanziell Not leidende Hessische Rundfunk mit Klaus Walters »Der Ball ist rund« 2009 eine der letzten Sendungen im öffentlich rechtlichen Rundfunk abgesetzt, die Musik noch als Kulturform ernst- oder überhaupt nur wahrgenommen hat. Die offizielle Begründung des HR lautet: »HR3 muss sein Programm mehr fokussieren auf die Mitte und den Mainstream und rund um die Uhr durchhörbar sein.« Die hier manifestierte Krise ist mental, Teil eines allgemein bemerkenswert offen eingestandenen Willens zur kulturellen Gleichschaltung sämtlicher Medien auf belangloses Gedümpel. Der kulturelle Soundtrack, der die Krise des Kapitalismus begleitet, besteht alleine noch aus Durchhalteparolen: »Davon geht die Welt nicht unter«, hallt es ideologisch aus allen Radios, Fernsehsendern und Cinemax-Sälen.

Es genügt ein Blick auf die deutsche Sachbuch-Bestsellerliste der letzten Jahre, wo Titel wie Schluss mit lustig und Lob der Disziplin einander ablösen, um festzustellen: Der Blick ist rückwärts gewandt. Die Autoren dieser Bücher sehnen sich nach alten Werten wie Familie, Religion, Autorität. Es sind Werte, die einmal von den neuen sozialen Bewegungen in Frage gestellt wurden und die weder in das Boheme-Konzept bisheriger Avantgarde noch in ein emanzipatorisches Verständnis von Zivilgesellschaft passen wollen. Ein Beispiel: Im September 2008 kletterte die Autobiografie von Bushido auf Platz Eins der Bestsellerliste. In diesem Buch erklärt der erfolgreiche Rapper unter anderem, wie er sich die ideale Frau vorstellt: »Meine Traumfrau müsste auf jeden Fall superhübsch sein. (…) Was den Rest angeht, bin ich nicht anspruchsvoll. Sie sollte kochen können und die Wohnung sauber halten, einfach ihren gewohnten Pflichten nachgehen. (…) Es sollte so sein wie in einem guten Restaurant. Der Kellner ist immer zur Stelle, wenn man ihn braucht, aber er kommt nicht alle fünf Minuten an den Tisch, um nach dem Rechten zu sehen.« (Siehe hierzu auch den Artikel von Martin Büsser »Zu zart für diese Welt«, S. 89 ff.)

Nun gut, könnte man entgegenhalten, das ist nun mal Bushido, die Stimme der sogenannten Unterschicht. Alles etwas einfach gestrickt. Doch der Ruf nach Geschlechterrollen und Tugenden, die uns mindestens bis in die 1950er-Jahre zurückwerfen, ist nicht an Schicht und Bildung gebunden. Andere formulieren das, was Bushido offen ausspricht, nur etwas distinguierter. Bernhard Bueb, Autor des Bestsellers Lob der Disziplin und ehemaliger Leiter der Eliteschule Schloss Salem, könnte sicher vieles unterschreiben, was Bushido über seinen Werdegang als Künstler schreibt: Es geht um Selbstdisziplinierung und den bedingungslosen Willen nach Erfolg. Für Avantgarde und Störgeräusche jeglicher Art ist in solchen Lebensentwürfen kein Platz mehr.

Die Liste dessen, was unter dem Schlagwort »Regress« verhandelt werden könnte, ist so lang, dass eine testcard-Ausgabe alleine nicht ausreicht, um alles rund um die Studienreform, das Fernsehen als Disziplinierungsanstalt, die Rückkehr zu Malerei, Handwerk und Romantik in der Kunst oder die freiwilligen Offenlegung persönlicher Daten im Internet zu thematisieren. Vieles war angefragt, doch nur ein Bruchteil hat in dieser Ausgabe Platz gefunden. Es lassen sich allemal nur einzelne Themen anreißen, die vielleicht einen Eindruck davon geben, wie massiv und tiefgreifend der mentale Wandel sämtliche Lebensbereiche erfasst hat. Die neue Stimme der Reaktion kommt jedoch nicht einfach nur »von oben«. Phänomene wie flächendeckende Kameraüberwachung werden von einem Großteil der Bürger begrüßt oder sogar ausdrücklich gefordert. Zudem werden die Menschen von niemandem gezwungen, Filme wie den bereits erwähnten Keinohrhasen oder Bücher über spirituelle Erweckungsgefühle auf dem Jakobsweg zu konsumieren, vielmehr treffen diese Phänomene jene neue Mentalität, die den Eindruck aufkommen lässt, es habe das Projekt Aufklärung nie gegeben. testcard bleibt jedoch standhaft, auch auf die Gefahr hin, des Kulturpessimismus’ bezichtigt zu werden. Wie aber müsste jemand gestrickt sein, der sich in diesen Tagen noch ernsthaft als Kulturoptimisten bezeichnet?

Die Redaktion

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