elektro(punk) als partykommunismus

egotronic in der reil78/chaiselongue in halle

es war ein durchaus beeindruckendes erlebnis egotronic live zu sehen. als konservierte musikaufnahme konnten sie mich bisher nicht so begeistern, aber live sind sie um einiges rauer und energiegeladener als auf tonträger. dazu kam noch die massenbegeisterung, d.h. das mitspringen und mitsingen des ganzen clubs, wodurch das ganze eine sehr mitreißende veranstaltung war. es ist schon unglaublich und sehr eindrucksvoll wenn ein ganzer saal junger menschen „raven gegen deutschland“ und „deutschland soll brennen“ singt oder „nie wieder deutschland“ ruft. ich kann mich nicht erinnern derartiges bei punk oder hardcorekonzerten erlebt zu haben. einerseits ist es ein sehr schönes gefühl, sich in einer solchen masse zu befinden, eine ekstatische stimmung, andererseits ist es aber irgendwie auch beängstigend, wie auch classless schon bemerkte, dieses phänomen einer uniformen masse zu erleben. da kommen schon überlegungen über massenhysterie auf und ob das ganze nicht auch in eine ganz andere richtung gehen könnte. insbesondere das vielstimmige intonieren von „ten german bombers“ erinnert doch irgendwie fatal an die stadionatmosphäre, der es entstammt.
was mich auch ein wenig verunsichert hat war die ansage und der text zu „die richtige einstellung“. es war dies praktisch ein aufruf zum krankfeiern. vielleicht soll dies ironie sein, worauf aber nichts hinwies. jedenfalls erscheint dies selbst für das äußerst begrenzte reflexionspotential im rahmen eines songtextes und der daraus sich wohl zwangsläufig ergebenden häufung parolenartiger texte bei egotronic als etwas zu kurz gegriffen und irgendwie nicht ganz passend. mich erinnert das ein wenig an dieses appd-ding, welches ja wohl im prinzip auch als so eine art schockierende ironie gedacht war, dann aber so vollständig in der eher traurigen realität aufgegangen ist, dass von der ironie nichts mehr übrig blieb und eher eine realsatire daraus wurde. an der masse gescheitert sozusagen. kalte zeiten. face reality. insgesamt erscheint mir die lyrik von egotronic ein wenig zu sehr dem hedonismus verschrieben. besser scheitern mit egotronic. die ekstatischen massen aber stört das nicht weiter.
daraus ergibt sich nicht zuletzt auch die frage danach, was von den egotronic-texten im alltäglichen leben der konzertbesucher übrig bleibt, bzw. übrig bleiben kann, sowie weiterführend überhaupt nach dem verhältnis von form und inhalt. mich hat diese frage schon hinsichtlich des übergangs vieler ehemaliger hardcore bzw. emocorebands zu solchen sachen, wie neo new wave, dance punk und ähnlichem, beschäftigt. dabei gab es ja durchaus vorbilder aus der zeit des postpunk anfang der achtziger jahre, wie gang of four und pop group, die explizit politische texte mit tanzbaren rhythmen verbunden haben, wobei auch eine gewisse ironie eine rolle spielte. es scheint mir aber die verbindung dieser beiden ebenen heute noch weitaus weniger als zur damaligen zeit gelungen zu sein, sofern sie überhaupt noch versucht wird und nicht schon von vornherein pure unterhaltung das ziel ist. jedenfalls können meiner bisherigen beobachtung nach inhalt und form sich auf dauer nicht konträr entgegenstehen, sonst funktioniert es eben doch nicht. so ist bisher, bei einer mehr tanz- und partyorientierten musikalischen ausrichtung, die inhaltliche seite letztlich eher untergegangen. wenn aber die musikalische richtung sich mehr der inhaltlichen komplexität annähert und demzufolge weniger massenkompatibel wird, sinkt im gegenzug häufig die gesellschaftliche relevanz. es gleicht also einem äußerst schwierigen balanceakt, eine sinnvolle verbindung von form und inhalt zu finden, wobei das problem kulturindustrie hierbei noch nicht einmal zur sprache gekommen ist. spannend wird es auf jeden fall sein den weg von egotronic in dieser richtung weiter zu verfolgen.
interessant ist für mich außerdem, dass egontronic selbst (zumindest in gestalt von torsun, bei den anderen weiß ich es nicht), sowie ein teil ihres näheren und weiteren umfeldes, frühere prägungen durch punk und hardcore erfahren haben. punk und hardcore sind ja zum teil heftig für bestimmte politische haltungen die diesen vorgehalten wurden kritisiert worden. da ja punk definieren sowieso eine relativ schwierige sache ist, fand ich diese versuche punk bestimmte politische haltungen zu unterstellen prinzipiell recht abwegig. meine subjektive idee von punk ist eher eine art von grund auf kritischer haltung allem vorgegebenen gegenüber, die eben gerade nicht an bestimmte spezifische symbole und haltungen gebunden ist, sondern immer wieder in neuer gestalt auftreten kann. insofern könnte das beispiel egotronic und das nähere und weitere umfeld durchaus darauf hinweisen, dass ich mit dieser idee nicht völlig danebenliege.


8 Antworten auf “elektro(punk) als partykommunismus”


  1. 1 nonono 30. September 2008 um 0:22 Uhr

    Und ist denn Kulla jetzt irgendwie anders damit umgegangen, wenn er das als Teil des Programms selbst kritisiert? (Er war doch Vorprogramm in Halle, oder?)

  2. 2 scheckkartenpunk 30. September 2008 um 0:27 Uhr

    jedenfalls können meiner bisherigen beobachtung nach inhalt und form sich auf dauer nicht konträr entgegenstehen, sonst funktioniert es eben doch nicht.

    es funktioniert sowieso und überhaupt nicht. wie soll es auch? das, was du als inhalt, der ja in einem song sowieso nur verkürzt anreißen kann, mit deinem eigenen anspruch auflädtst, daß dieser dann schon allein für sich irgendetwas über die musik hinaus bewegen muß, steht der form eben nicht konträr gegenüber. popmusik hat das subversionspotential, was ja auch du bei den achtziger sachen noch erkennen willst und welches ja als große hoffnung der poplinken bis in die neunziger hineingetragen wurde, nie erfüllt, konnte das auch nicht. popmusik ist eben so sehr sie sich in ihrem subkulturellen kontext auch dagegen sträubt kulturindustriell verwertbar. jedwede subversive strömung wird durch den differenzkapitalismus der verwertungslogik unterworfen.

    diese hoffnung des „protestsongs“, der halt eben das lesen von büchern und die auseinandersetzung mit der welt ersetzen soll – und das durch musikkonsum, ist von vornherein eine falsche.

  3. 3 ♥Tekknoatze 30. September 2008 um 2:42 Uhr

    was mich auch ein wenig verunsichert hat war die ansage und der text zu „die richtige einstellung“. es war dies praktisch ein aufruf zum krankfeiern. vielleicht soll dies ironie sein, worauf aber nichts hinwies.

    Warum sollte das denn bitte Ironie sein? Was sollte denn an krankfeiern verkehrt sein?

    ♥Tekknoatze

  4. 4 wtf 16. Oktober 2008 um 1:28 Uhr

    was mich auch ein wenig verunsichert hat war die ansage und der text zu „die richtige einstellung“. es war dies praktisch ein aufruf zum krankfeiern.

    Wtf – das meinst Du jetzt nicht ernst, oder?

  5. 5 ambivalenz 01. November 2008 um 2:10 Uhr

    @nonono: kulla ist damit überhaupt nicht umgegangen. konnte er auch gar nicht, weil es ihn ja nicht betrifft und weil es auch sein erster auftritt überhaupt war.

    @scheckkartenpunk: ich sehe nicht, dass die verbindung von inhalt und form bei (pop)musik überhaupt nicht funktionieren kann. ich denke es gibt immer wieder momente in denen eine spezifische verbindung von inhalt und form in der lage ist eine spannung zu erzeugen, die das potential hat zumindest einzelne menschen, welche irgendwie empfänglich dafür sind, relativ stark zu beeindrucken und auch zu bewegen. dies scheint mir auch über die musik hinaus zu reichen. es geht dabei also eher um die individuelle ebene als um die gesellschaftliche. und das scheint mir auch unabhängig von der verwertungslogik, der subkulturelle strömungen letztlich natürlich immer auch unterworfen sind, möglich zu sein.

    @Tekknoatze & wtf: krankfeiern ist natürlich nicht prinzipiell verkehrt. nur ist es eine äußerst kurzfristige angelegenheit, die ja nichts an den gesellschaftlichen bedingungen irgendwie zu ändern vermag. oder meint ihr tatsächlich krankfeiern sei ein schritt zur emanzipation von den unmenschlichen verhältnissen im kapitalismus.

  6. 6 neinnein 10. August 2009 um 10:22 Uhr

    Grade hier verirrt (wohl viel zu spät, die Diskussion schon seit einem halben Jahr rum) und trotzdem noch eine Frage an ambivalenz.

    Was wäre denn so eine weniger „kurzfristige“ Sache, als so ein „ein schritt zur emanzipation von den unmenschlichen verhältnissen im kapitalismus“?

    Wenn ich dann das nächste Mal zu viel Zeit habe (z.B. wegen Krankfeierei), würd ichs ja glatt mal ausprobieren wollen…

  7. 7 ambivalenz 10. August 2009 um 17:59 Uhr

    ein kleiner witz und eine große frage. eine antwort wäre z.b. generalstreik. etwas schwierig natürlich, um es kurz mal auszuprobieren.

  1. 1 egotronic in dresden « ambivalenz Pingback am 13. Februar 2009 um 16:53 Uhr
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