Archiv für April 2008

revolution day evening

onestarvingday

wem isis im conne island zu teuer waren, der hat am abend des ersten mai in der reilstraße 78 in halle die möglicherweise bessere alternative:

one starving day. Songs wie Magma: langsam, bedrohlich, erbarmungslos. Tief in der Hardcore-Szene verwurzelt, wandelt die Band mittlerweile, musikalisch gereift, auf Post-Rock-, Doom- und Ambient-Pfaden. Düster-meditativ werden mit Streichern, Gitarre, Bass, Synthesizer, Soundeffekten, Schlagwerk und rarem Stimmeinsatz dichte, repitative, oft hypnotische Soundgewebe geknüpft. Die Wucht von ISIS, die Trägheit und Tiefe von GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR, die Fragilität von NEIL ON IMPRESSION – ohne direkte Assoziationen an die genannten auszulösen, wissen OSD irgendwo in dieser Schnittmenge zu überzeugen. Sehr, sehr gelungenes Gesamtwerk. Definitiv eine der aufregendsten Bands dieser Richtung derzeit.

daturah. Instrumentalmusik der ganz hohen Schule. Instrumental-Exkursionen zwischen Euphorie, Melancholie und echolastigem Gitarrenkrach. Massive Gitarrenwände, die bei Daturah auch dann nicht langweilig werden, wenn man immer wieder gegen sie läuft. Mogwai fallen einem da natürlich immer ein, wobei Daturah ihre Songs weit epischer anlegen und so gut wie keine Popstrukturen zulassen. Andere würden vielleicht sagen, sie klängen wie eine Mischung aus Explosions In The Sky und Isis. Monumentaler Instrumentalrock ist ohnehin gerade schwer angesagt, aber das Quintett grenzt sich geschickt von diversen Originalen und Epigonen ab: geradliniger als LONG DISTANCE CALLING, technischer als EXPLOSIONS IN THE SKY, beinahe so düster wie BOSSK. DATURAH haben sich die Leere und Schwere der Post-Metal-Bands zu eigen gemacht, verzichten aber auf den Metal und konzentrieren sich auf das Erstellen differenzierter Klanggemälde.

thisishell

Eröffnen werden die wohl schon etwas bekannten To Kill aus Rom – eine der verrücktesten Tour-Bands auf dieser Seite des Atlantiks. Und verrückt trifft es wirklich ganz gut, denn um sie ranken sich die Gerüchte, dass sie ihre Tour auch schon mal in einem Fiat Punto zu Ende bringen. Ob das überhaupt geht? Ich weiß es nicht. Da verwundert es auch nicht ganz so sehr, dass sie in dieser Woche zum zweiten Mal auf der Bühne des Conne Island stehen werden. Musikalisch lassen sie sich nicht festlegen mit ihrem Sound aus modernem Hardcore mit eindeutigen Metal-Einschlägen. To Kill nehmen das mit dem Nicht-Fleisch-Essen sehr ernst und haben angeblich den schönsten Sänger Europas! Aber urteilt selbst.
Danach werden Cruel Hand aus dem US-Bundesstaat Maine ihr Können unter Beweis stellen. Ich bin sehr gespannt, diese Band zu sehen, da sie mir bis jetzt unbekannt waren und ich nur die Kostproben von unser aller Lieblings-Message-Board kenne. Sie klingen ganz nach klassischem Old School-Hardcore mit einer rauhen und sehr rotzigen Stimme.
Was dann kommen wird, hat eigentlich auch schon Headliner-Qualitäten: Miles Away. Und sie müssen in der Tat fast um den gesamten Globus reisen, um uns zu entzücken. Die Australier klingen auf ihren ersten Veröffentlichungen 2002 und 2003 noch eher nach Hardcore der 80er Jahre, wurden aber zunehmend melodiöser und mitreisender, so dass sie jetzt die Vergleiche zu Bands wie Champion oder Comeback Kid nicht scheuen brauchen. Sehr schöne, tanzbare Klänge im Stile vieler gerade sehr angesagter Bands, was ja nicht zwingend schlecht sein muss.
Zum krönenden Abschluss natürlich
This is Hell. Und dass die Jungs mehr können als nur Scrabble spielen, ist sicher den meisten von euch nicht verborgen geblieben. Auf ihrer letzten Tour leider völlig unterbewertet, kommen sie diesmal nicht in einem so dicken Package und können so eine schöne Club-Tour spielen. Und das ist verdammt gut so! Die fünf Long Island (NY)-Jungs kommen mit ihrer im Februar erschienen neuen Platte „Misfortunes“, auch wenn ihre vorherigen Platten schon genügend Hits für zwei Abende hätten. Musikalisch gibt es bei ihnen auch melodischen New School, der dank Travis` Stimmchen eine sehr eigene Note bekommt. Ihre teils sehr schweren Gitarren verschafften ihnen die zweifelhafte Ehre, auch schon mal von dem ein oder anderen Metal-Magazin gefeatured worden zu sein.
Alles zusammen verspricht der Abend auf jeden Fall, einem ersten „echten“ (true) Hardcore-Abend im Conne Island 2008 alle Ehre zu machen.

heute abend in halle: noise

old time relijun

ovo

von old time relijun (portland/oregon/usa) und ovo (milano/berlin) im la bim

sunday service: erste natur.

gimritz

knacker

felsen

Vortrag: Andrea Trumann – Versuch einer materialistischen Kritik der Geschlechterverhältnisse

Ausgangspunkt ist die Frage nach dem fortdauernden Bestand der traditionellen Geschlechtsidentitäten. Antworten darauf haben u.a. Judith Butler und Roswitha Scholz gegeben. Butler sieht einen durch Strafandrohung belegten Zwang, der schon in der Sprache angelegt ist. Dieser führt zur Verdrängung homosexueller Neigungen und der Identifizierung mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil durch Abspaltung. Scholz argumentiert mit dem Theorem der Wertabspaltung, wobei emotionales und körperliches weiblich konnotiert ist, was jedoch im Thesenhaften stehenbleibt und nicht psychoanalytisch fundiert wird.
Trumann selbst setzt auf historische Analyse und die Auseinandersetzung mit der Subjektbildung. Demnach ist das Subjekt zusammen mit der bürgerlichen Klasse entstanden. Damit verbunden ist das Konzept der Menschenrechte, welches als bürgerliche Ideologie den Menschen jedoch als egoistische Monade ansieht, womit alle in Konkurrenz zueinander gesetzt werden und der Staat begrenzend eingreifen muss (Hobbes), u.a. indem er das Privateigentum unter Androhung von Strafe sichert.
Im weiteren Verlauf entwickelte sich die Vorstellung einer Zweiteilung des Menschen in Naturwesen und Vernunftwesen, wobei der Naturanteil, welcher den Leidenschaften entspricht, auf ein bestimmtes Maß reduziert werden muss. Durch diese Verinnerlichung des Staates entstand die verinnerlichte Form der Herrschaft in der bürgerlichen Gesellschaft. Damit verbunden war die Epoche der Aufklärung, die forderte, dass die Menschen ihre Geschicke als vernünftige Wesen selbst in die Hand nehmen sollen. Dies musste aber unter der Herrschaft des Wertes Ideologie bleiben.
Auch in der modernen Gesellschaft muss sich der Arbeitnehmer ständig selbst disziplinieren, andererseits besteht weiterhin das durch die Aufklärung geprägte Ideal, oder anders Ideologie, des autonomen Subjekts, d.h. die Kontrolle über die eigene Natur muss zwar aufrecht erhalten werden, bleibt aber immer problematisch bzw. nicht vollständig einlösbar. In dem hieraus sich ergebenden Widerspruch kommt laut Trumann das Geschlechterverhältnis ins Spiel. Da der Versuch, der Selbstkontrolle sich zu entledigen, letztlich immer abgewehrt werden muss, werden diejenigen gehasst, von denen vermutet wird, dass sie nicht ein ebensolches Maß an Selbstkontrolle aufwenden müssen und trotzdem gut leben können. Dies wird dann eben auf Frauen und Homosexuelle oder auch auf Juden und Schwarze bezogen, wobei Kontrolle männlich konnotiert wird. Dies bedeutet, dass am Homosexuellen gehasst wird, dass der Mann auch passiv sein kann und beherrscht werden kann, was mit Kontrollverlust assoziiert wird.
Nach Foucault (Sexualität und Wahrheit, Bd 2) ist die Verdrängung homosexueller Anteile notwendig. Anderenfalls kommt es zur Sorge, kein bürgerliches Subjekt mehr zu sein, da Homosexualität in der bürgerlichen Gesellschaft das ganz andere darstellt, was abgespalten werden muss. Offenbar wird dies beispielsweise in männerbündischen Veranstaltungen wie Studentenverbindungen, Fußball, Militär, Hip Hop und Reggae/Ragga/Dancehall. Für die Geschlechtsidentität in der bürgerlichen Gesellschaft ist die Abspaltung homosexueller Anteile konstitutiv, da die Entwicklung der Geschlechtsidentität über den Gegensatz von Mann und Frau verläuft. Das einzelne Individuum wird in diese symbolische Ordnung hineingeboren, womit die Erlangung einer eindeutigen Geschlechtsidentität auf der Verwerfung gegengeschlechtlicher Anteile beruht. In der subjektiven Entwicklung kommt es zur Identifizierung mit beiden Elternteilen, wovon jedoch nur eine Seite erhalten werden darf.
Bei Butler wird dies durch die Sprache erzwungen, woraus es kein entrinnen gibt, was ein spezifisches Problem ihrer Theorie darstellt. Aus der Geschlechtsidentität herauszukommen ist auf vordergründiger Ebene sehr schwierig, andererseits gibt es aber auch keine Eindeutigkeit, da jedes Individuum sowohl männliche als auch weibliche Anteile in sich vereint und potentiell sowohl Männer als auch Frauen begehren kann. Homosexualität bleibt bei Butler als imaginäre Phantasie bestehen. Daraus folgt, dass bei Männern die Angst verdrängt werden muss zu verweiblichen (Kastrationsangst), sowie bei Frauen, die Angst zu vermännlichen, wobei in beiden Fällen die Angst, kein bürgerliches Subjekt mehr zu sein, zugrunde liegt. Dies entspricht der bei Butler angeführten Angst vor einer Psychose, in die Zeit vor der Ausbildung einer eindeutigen Geschlechtsidentität zurückzufallen. Butler (in Körper von Gewicht) sieht jedoch vor allem die Angst nicht mehr Subjekt zu sein, bzw. die Angst vor dem Tod als ausschlaggebend für die Verdrängung homosexueller Anteile an, wobei diese Ängste letztlich aufeinander verweisen. Der Verlust des Status als bürgerliches Subjekt ist verbunden mit der Angst nicht mehr überleben zu können, d.h. nicht mehr leben zu können, wenn man nicht mehr arbeitet.
Dies verweist auf Freuds Konzept des Todestriebes (in Jenseits des Lustprinzips). Dabei geht er davon aus, dass nicht alle Wünsche, die wir haben, Lust hervorbringen, sondern es auch verdrängte Triebregungen gibt, bei denen die Ersatzbefriedigung Unlust hervorruft, sowie den Wiederholungszwang. Die Erklärung dafür besteht im Todeszwang, der nach Freud allem menschlichen innewohnt. Das Ziel des Lebens ist demnach der Tod. Markuse interpretiert den Todestrieb als Wunsch nach einem spannungslosem Zustand, in dem die Disziplinierung der eigenen Natur aufgehoben ist. Dies wäre im Kapitalismus nur im Todeszustand vorzustellen. Der Todestrieb tritt nach Freud selten offen auf, etwa im Sadismus, bei dem Lust ausschließlich über die Demütigung anderer erfahren werden kann. Sadismus gilt dabei als aktiv und männlich konnotiert, wobei männliche Sexualität immer mit Bemächtigung assoziiert ist. Dies geschieht derart, dass sich beim anderen immer dem bemächtigt wird, welches man selbst verdrängt hat. Der Todestrieb, der dem Wunsch danach entspricht, die Kontrolle aufzugeben, wird auf den anderen bzw. die andere projeziert. Das männliche Subjekt verdrängt alles, was mit Kontrollverlust zu tun hat und hasst die, die ihn daran erinnern. Die passive Position der Kastration muss demzufolge durch die Frau eingenommen werden. Damit verbunden ist die Drohung für die Frau nicht mehr attraktiv zu sein, wenn sie nicht mehr passives Triebziel ist. Die Identifizierung des Passiven mit dem Weiblichen und des Aktiven mit dem Männlichen bleibt somit die halbe Wahrheit, die ständig erneuert und neu hergestellt werden muss, wobei das Aktive an der Frau die Kastrationsdrohung schürt. Zu einer Aufhebung dieser strengen Dichotomien käme es erst in einer Gesellschaft in das Selbst nicht mehr diszipliniert werden müsste um überleben zu können und keine Angst mehr vor dem Verlust der Kontrolle über sich bestünde, d.h. einer nichtkapitalistischen und nichtpatriarchalen Gesellschaft.

vor einer schwierigen entscheidung steht

wer am freitag ausgehen möchte.
denn zur auswahl steht dann folgendes:
asmz
THEE SILVER MT ZION (can/constellation) und OLD TIME RELIJUN (us/k-records) im ut connewitz präsentiert vom schubladenkonsortium
das montreal-allstar-orchester: mit leuten von u.a. black ox orkestar, hanged up und godspeed y! b. e., im postrock verwurzelt, deutlich rockiger, getränkt in blues und gospel klagen die sieben ihre ganz eigene version des prostestsongs ein. allemal politischer und überzeugender als gängige manifesto-punk aufgüsse treiben SMZ ihre umsetzung von bedrohlichkeit und verzweiflung mit schwere und pathos voran. leidender gesang wird von fast sakralen chören überstimmt, saiteninstrumente, die scheinbar anarchisch gegeneinander spielen, verweben sich plötzlich zu einem akustischen theaterspiel epischen ausmaßes, generiert von sieben stimmen, zwei violinen, zwei gitarren, cello, kontrabass und schlagzeug.
nennt es tiefgründig, dick, köstlich oder wild, für OTR gibt es keine regeln: manisch, fiebrig, schwitzend sprotzen schlagwerk, saxophon, bass und gitarre zu verworrener lyrik krakehlt aus dem rachen des arrington de dionyso.
lectro
älectro/stricc 1 im la bim mit team plastique (live, brisbane/berlin) kania tieffer (live, belgien) und klub 7000 (bunch of dj..s and a vj, halle)
vlopenair
vl open air u.a. mit hardcorepunk von amen 81
parkwaydrive
hardcore im conne island von parkway drive (aus), bury your dead, suicide silence und to kill
landoftalk
im drushba klub land of talk (can) eine neue supergroup aus montreal. nach den dears, stars, islands, wolf parade, malajube, den wainwright-geschwistern und natürlich arcade fire kommen auch land of talk aus dieser kreativmetropole. dunkel, leicht dissonant und treibend der sparsame, akzentuierte sound – roh, zerbrechlich, süßlich die stimme. oft innerhalb eines einzelnen songs klingt elizabeth powell mal wie karen o von den yeah yeah yeahs, mal wie cat power, mal wie nina persson von den cardigans. eine kratzige, kehlige aggression, von der man mehr hören möchte.

Der Versuch einer materialistischen Kritik des Geschlechterverhältnisses

Vortag und Diskussion mit Andrea Trumann

Einem linken Vorurteil nach existieren einmal das Geschlechterverhältnis und dann die Ausbeutung durch das Kapital. Es verwundert kaum, dass sowohl die Kritik an dem einen, wie an dem anderen erkannten Übel nicht gelingen mag, da durch solche vom Verstand vollzogenen Trennungen der Blick auf die sich zu eine Totalität verdichteten Gesellschaft bereits verstellt wird, bevor man überhaupt angefangen hat über einen bestimmten Gegenstand zu reflektieren. Dagegen versucht Andrea Trumann die aktuell vorhandene fundamentale Spaltung der Gattung in einen weiblich-sinnlichen und einen männlich-disziplinierten Teil aus den Erfordernissen der Kapitalverwertung selbst zu erklären: Um sich als arbeitsfähiges Subjekt zu setzen, müssen die Vereinzelten jeweils ihr Begehren abspalten und dieses auf die Frau projizieren, welche den Schmuck stellvertretend tragen muss. Unter kritischen Rückgriff auf Butler und Foucault, sowie Marx und Freud soll dieser Verdrängungsmechanismus am Beispiel der verleugneten Homosexualität durchgeführt werden.

24.04.2008
19:00 Uhr
Halle
Melanchthonianum, HS Z
Uniplatz

die referentin ist autorin des buches „feministische theorie – frauenbewegung und weibliche subjektbildung im spätkapitalismus“ (2002). ausserdem erschienen von ihr diese artikel in der phase 2, dieser und dieser in der jungle world, sowie dieser im conne island newsflyer.

es gibt wieder strike-bikes.

black edition
nachdem im vorigen jahr in der besetzten nordhäuser fahrradfabrik die strike-bikes hergestellt wurden und damit einiges an medialer aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, wagt nun ein teil der ehemaligen belegschaft einen neuanfang. dafür brauchen sie unterstützung in form von bestellungen. falls jemand also gerade ein neues fahrrad braucht ist er dort an der richtigen adresse.

manche können es arbeit nennen.

an lobos botschaft scheint sich nicht viel verändert zu haben. er tritt nach wie vor als lobbyist der digitalen boheme auf. dabei weiß er aber auch, dass dieses modell nur für einen relativ begrenzten teil der menschen in der gesellschaft in frage kommt. und er weiß auch, dass dieses modell vollkommen innerhalb der kapitalistischen verwertungslogik verbleibt. daher ist er auch nicht für eine abschaffung des kapitalismus, schließlich lebt er davon. die meisten die für eine abschaffung des kapitalismus sind leben natürlich zwangsläufig auch davon, denn eine alternative besteht derzeit nicht, wie lobo zutreffend sagte. eine affirmation der kapitalistischen verhältnisse ist deswegen aber eben nicht zwingend. jedoch hat er insofern nicht unrecht, als dass das neue notwendigerweise aus dem alten hervorgehen muss und die suche nach alternativen darum innerhalb der kapitalistischen verhältnisse stattfinden muss.
vom grundansatz her geht sein modell der digitalen boheme in richtung der forderung „jeder nach seinen fähigkeiten, jeder nach seinen bedürfnissen“. jedoch bleibt dabei ein großteil der menschen unberücksichtigt: diejenigen, die keinen ausreichenden zugang zu mitteln haben, mit denen sie kreativ tätig sein können und vielleicht sogar noch etwas dabei verdienen können, d.h. diejenigen mit zu wenig wirtschaftlichem kapital, diejenigen, die, aus welchen gründen auch immer, zu wenig wissen angesammelt haben um damit kreativ tätig sein zu können, d.h. diejenigen mit zu wenig kulturellem kapital und schließlich diejenigen, die, aus welchen gründen auch immer, zu wenige gesellschaftliche beziehungen besitzen um ihr eventuell vorhandenes wirtschaftliches oder kulturelles kapital gewinnbringend einzusetzen, d.h. diejenigen mit zu wenig sozialem kapital. auf diese weise bleibt in der gegenwärtigen gesellschaft der größte teil der menschen von der option des lebens nach dem modell der digitalen boheme ausgeschlossen. damit bleibt dieses modell ein mehr oder weniger elitäres konzept. im wissen darum und darum, dass solange es einen kampf um die ganz persönliche nische gibt, es auch verlierer geben muss und dies in menschlicher hinsicht nicht akzeptabel ist, kann dieses modell durchaus dazu genutzt werden um die suche nach alternativen zur kapitalistischen vergesellschaftung voranzutreiben. die notwendigkeit dieser suche wird an dem massenhaften elend, welches die kapitalistischen verhältnisse produzieren, offensichtlich.
dazu ein interview mit lobo bei radio corax via commander master chief

arbeit jenseits der festanstellung

heute abend 19.00 uhr vortrag und diskussion mit sascha lobo (riesenmaschine, wir nennen es arbeit) im thalia theater, puschkinhaus, kardinal-albrecht-straße 6. da bin ich mal gespannt was der miterfinder der digitalen boheme inzwischen zu sagen hat. an die arbeit.

Revolution als Simulation: Nachhaltige Entwicklung

Im Jahr 1987 wurde mit dem Bericht „Our Common Future“ der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, die unter dem Vorsitz der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Brundtland stand, ein zentraler Text für das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung veröffentlicht. In diesem Dokument ist die Widersprüchlichkeit, welche die gesamte nachfolgende Diskussion kennzeichnet, bereits enthalten. Diese Widersprüchlichkeit ergibt sich vor allem aus einer zutreffenden Identifizierung des Zusammenhanges der Umwelt- und Entwicklungsproblematik einerseits und einer unzureichenden Analyse der dem zugrundeliegenden Ursachen andererseits, woraus die unzutreffenden und daher unwirksamen Handlungsempfehlungen des Berichts resultieren. An der Richtigkeit der grundlegenden Zielvorstellungen, die in dem Bericht entwickelt werden, ändern die falschen Umsetzungsvorschläge jedoch nichts. Diese Tatsache wird von Kritikern des Konzepts Nachhaltiger Entwicklung leider immer wieder übersehen.
Die Zielvorstellung des Berichtes, welche zugleich die zentrale Bestimmung des Begriffs der Nachhaltigen Entwicklung darstellt, lautet: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (Hauff 1987:47). Damit werden zwei wesentliche Ziele des Konzepts bestimmt: intragenerative und intergenerative Gerechtigkeit in Bezug auf Umwelt und Entwicklung. Diese Zielvorstellung ist es, die dazu führt, dass der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung zur Einschätzung gelangt: „Die (…) politische Zielbestimmung ´sustainable development` enthält eine Programmatik für die Bewältigung der gemeinsamen Zukunft der Menschheit, die – wenn sie ernst genommen wird – revolutionär sein kann“ (SRU 1994:Tz.1).
Es verwundert daher wenig, dass diese grundsätzlichen Zielvorstellungen sich auch bei Marx finden. In Bezug auf den Menschen ist dies so klar, dass eine Erwähnung kaum sinnvoll erscheint, in Bezug auf die Umwelt wird dagegen kaum Kenntnis davon genommen, was einigermaßen verwundert, angesichts des immer weiter zunehmenden Ausmaßes der menschlich verursachten Umweltveränderungen und dem Zusammenhang dessen mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Darüber hinaus beschränken die teilweise irreversiblen Umweltveränderungen die Möglichkeiten zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklung überhaupt, d.h. auch die einer möglichen Assoziation freier Individuen, was Marx klar festgestellt hat: „…jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika z. B., von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozeß. Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (Marx 1969:530). Daher ist eine konsequente Folgerung aus der Erkenntnis dieses Zusammenhanges durch Marx seine Forderung: „Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“ (Marx 1968: 784). Marx ist somit als ein Urheber des Gedankens einer Nachhaltigen Entwicklung zu betrachten.
Weit expliziter als bei Marx wird das Verhältnis von Gesellschaft und Natur in der Kritischen Theorie behandelt. Insbesondere Horkheimer (1992:94) hebt dieses Verhältnis in der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft als ein herrschaftsförmiges und in komplexer Weise miteinander verbundenes hervor: „Naturbeherrschung schließt Menschenbeherrschung ein. Jedes Subjekt hat nicht nur an der Unterjochung der äußeren Natur, der menschlichen und der nichtmenschlichen, teilzunehmen, sondern muß, um das zu leisten, die Natur in sich selbst unterjochen.“ Verbunden mit dem Herrschaftsprinzip ist der Begriff des Ichs, wodurch ein Dualismus von Ich und Natur entsteht. So wird „Natur heute mehr denn je als ein bloßes Werkzeug des Menschen aufgefasst. Sie ist Objekt totaler Ausbeutung, die kein von der Vernunft gesetztes Ziel und daher keine Schranke kennt. … Freilich geht die Gier des Menschen, seine Macht in zwei Unendlichkeiten hinein auszudehnen, den Mikrokosmos und das Universum, nicht unmittelbar aus seiner eigenen Natur hervor, sondern aus der Struktur der Gesellschaft.“ (Horkheimer ebd.:107). Die sozialen Benachteiligungen sowie die massiven Umweltschädigungen resultieren demnach aus spezifischen Konstellationen gesellschaftlicher und psychischer Strukturen. Aus dieser Erkenntnis heraus betrachtet Horkheimer (ebd.:123) als Ausweg den Einsatz reflexiven Denkens: „Der einzige Weg, der Natur beizustehen, liegt darin, ihr scheinbares Gegenteil zu entfesseln, das unabhängige Denken.“ Dadurch erst besteht die Möglichkeit der scheinbar naturgegebenen Naturbeherrschung zu entgehen: „Die Unterjochung der Natur wird in Unterjochung des Menschen zurückschlagen und umgekehrt, solange der Mensch seine eigene Vernunft und den grundlegenden Prozeß nicht versteht, durch den er den Antagonismus geschaffen hat und aufrecht erhält, der sich anschickt, ihn zu vernichten. Vernunft kann nur dadurch mehr sein als Natur, daß sie sich ihre »Natürlichkeit« – die in ihrer Tendenz zur Herrschaft besteht – konkret bewusst macht, die nämliche Tendenz, die sie paradoxerweise der Natur entfremdet. Damit wird sie, indem sie ein Instrument der Versöhnung ist, zugleich mehr sein als ein Instrument.“ (Horkheimer ebd.:165) Die Zielvorstellung dabei ist nach Horkheimer (ebd.:122) folgende: „Ohne den Fehler zu begehen, Natur und Vernunft gleichzusetzen, muss die Menschheit versuchen, beide zu versöhnen.“ Die Kritische Theorie zielt mit der Vollendung der Aufklärung und der wahrhaft vernünftigen Einrichtung der Welt durch die mündig gewordenen Individuen weit über die Zielvorstellungen des Konzepts der Nachhaltigen Entwicklung hinaus. Jedoch stellt sich damit auch die Frage ob das letztere überhaupt ohne das erstere zu haben ist.
Gegenwärtig jedenfalls wird die Welt, trotz aller, wie auch immer gearteten, Bemühungen in den letzten 20 Jahren, immer nichtnachhaltiger. Dies bleibt ein reales Problem, woran alle angebrachte Kritik am Umgang mit dieser Problematik nichts ändert. So stellt Spehr (1996) das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung als Reaktion des Kapitalismus auf ökologische Krisenerscheinungen dar, als ein Programm für einen effektiveren Kapitalismus und bezeichnet es aus emanzipatorischer Perspektive als „Ökofalle“. Auf ähnliche Weise analysieren Eblinghaus und Stickler (1996) Nachhaltige Entwicklung. Sie begreifen dieses Konzept im Zusammenhang des Diskurses über Umwelt und Entwicklung als Strategie modernisierter Herrschaftssicherung und Baustein für ein neues hegemoniales Projekt, welcher in besonderer Weise geeignet ist kritische Potentiale in herrschende gesellschaftliche Strukturen einzubinden. Inzwischen ist erkennbar, dass, zumindest bisher, das Programm der ökologischen Modernisierung des Kapitalismus fehlgeschlagen ist bzw. so unzureichend war, dass ökologische Verbesserungen ausgeblieben sind und sich im Gegenteil die Umweltsituation weiter verschlechtert hat. Gegenwärtig ist der Klimaschutz zum spektakulären Großereignis geworden und hat medial die Diskussion um Nachhaltige Entwicklung praktisch abgelöst. Andererseits stellt Blühdorn (2007) fest, dass es der Politik in erster Linie darauf ankommt die Funktionsfähigkeit des bestehenden Produktions- und Konsummodells zu erhalten und ökologische Fragen letztlich so gut wie irrelevant sind. Er spricht im Zusammenhang damit auch von einem postökologischen Zeitalter, in dem es vor allem um die Erhaltung des Nichtnachhaltigen geht. Nichtsdestotrotz bleiben die grundlegenden Probleme des Systems des demokratischen Konsumkapitalismus weiterhin ungelöst und bestehen als mehr oder weniger offensichtlicher Widerspruch fort. Die ökologische Nichtnachhaltigkeit ist dabei aber nur eine von drei fundamentalen Problematiken, zu denen außerdem soziale Nichtnachhaltigkeit und normative oder kulturelle Nichtnachhaltigkeit gehören (Blühdorn ebd.). Daraus ergibt sich ein Dilemma, in der sich die gegenwärtige Gesellschaft befindet: Um den Gefahren des ökologischen, sozialen und normativen Zusammenbruchs zu begegnen ist eine radikale Veränderung der Gesellschaft notwendig, jedoch gibt es weder eine konkrete Vorstellung einer realisierbaren Alternative, noch besteht der politische Wille oder die Fähigkeit vom Bestehenden abzuweichen. Es besteht also das Problem, dass die dreifache Krise der Nichtnachhaltigkeit derzeit weder zu lösen ist, noch ungelöst bleiben kann. Nach Blühdorn (ebd.) ist für die Gesellschaft und insbesondere für die Politik damit eine kategorial von bisherigen Fragestellungen verschiedenes Problem aufgetaucht: Wie kann mit den unlösbaren Problemen der ökologischen, sozialen und normativen Nichtnachhaltigkeit umgegangen werden und dabei das Nichtnachhaltige aufrechterhalten werden? Als gesellschaftliche Antwort auf dieses Problem sieht er eine Strategie der Simulation an, die sich durch simulative Politik und eine Performanz der Ernsthaftigkeit bzw. der Authentizität äußert, d.h. eine performative Reproduktion authentischer Politik, wobei keine tatsächlich authentische Politik hergestellt wird, sonder nur eine Vorstellung davon erzeugt wird.
So bleiben die zentralen Forderungen des Brundtland-Berichts, welche grundlegende Problematiken des kapitalistischen Gesellschaftssystems auf globaler Ebene darstellen, unerfüllt und eine tatsächliche Einlösung, die tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen erfordern würde, scheint nicht in Sicht. Worauf es ankommen würde um die Simulation oder das Spektakel zu durchbrechen und wirkliche Veränderungen zu erreichen ist aus der Betrachtung der hier dargestellten und weiterer Ansätze zu entnehmen. Die Veränderungen müssen auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig vollzogen werden: auf der Ebene der Ökonomie, auf der Ebene der Politik und auf kultureller oder normativer Ebene. Dafür wiederum wären Transformationen im Bewusstsein sowie in der Praxis der gesellschaftlichen Individuen in einen Ausmaß notwendig, welches sich in Transformationen gesellschaftlicher Strukturen äußert. Bis dahin stellen die grundlegenden Ziele des Konzeptes Nachhaltiger Entwicklung ebenso eine Utopie dar, wie die Vorstellung von Marx von einer kommunistischen Gesellschaft, welche den Stoffwechsel mit der Natur rationell regelt und so die natürlichen Grundlagen menschlicher Existenz bewahrt, und Horkheimers Ziel einer Versöhnung von Vernunft und Natur.